erweiterte Suche
Dienstag, 17.07.2018

Provokante Kita-Stellenanzeige

Pädagogen kritisieren den Wilsdruffer Kindergartenverein. Angeblich würde der Erziehungsmethoden verunglimpfen.

Von Hauke Heuer

Oliver Gäbisch und Karla Horn auf dem Spielplatz der Kita Sonnenschein. Der Kindergartenverein betreut 1300 Kinder in elf Einrichtungen.
Oliver Gäbisch und Karla Horn auf dem Spielplatz der Kita Sonnenschein. Der Kindergartenverein betreut 1 300 Kinder in elf Einrichtungen.

© Karl-Ludwig Oberthür

Wilsdruff. Die Annonce, mit der der Wilsdruffer Kindergartenverein im Amtsblatt sowie in der Sächsischen Zeitung im vergangenen Monat nach neuen Betreuern suchte, kann durchaus als provokant bezeichnet werden. „Sind Sie derzeit als Betreuer im Garten oder Bastelzimmer, dem Bauzimmer oder im Kinderrestaurant einer Kita eingesetzt? Ist diese Tätigkeit das wofür Sie eine Ausbildung zum/zur Erzieherin absolviert haben?“, lautete der Einstieg. Die Botschaft wurde im weiteren Verlauf des Textes konkretisiert. In den Wilsdruffer Kindergärten müssten die Kinder nicht entscheiden, ob sie bei Minusgraden Handschuhe tragen oder ob oder wann sie essen. Dafür wolle man ihnen einen Rahmen für ihr Tun geben und die Sicherheit, die sie brauchen.

In der Folge gingen einige Beschwerden bei der Sächsischen Zeitung und dem Kindergartenverein, der in Wilsdruff elf Einrichtungen betreibt, ein. Pädagogen und als solche offensichtlich Anhänger reformpädagogischer Ansätze echauffierten sich über die doch recht polemische Ansprache der Stellenanzeige. Diese verunglimpfe bewährte und wissenschaftlich begründete Formen der Kinderbetreuung und befördere veraltete Modelle, die sogar einen schlechten Einfluss auf die Kinder hätten.

Im Kindergartenverein selber nimmt man die Kritik betont gelassen und steht zu der Anzeige. „Sicher wollten wir mit der Annonce ein Stück weit provozieren und Aufmerksamkeit generieren. Außerdem halten wir es für legitim, gezielt potenzielle Bewerber anzusprechen, die sich mit unserem Konzept identifizieren und sich bei uns wohlfühlen. In der Vergangenheit haben wir erlebt, dass einige pädagogische Fachkräfte ein Problem mit unserem Ansatz haben“, so die Vorsitzende Karla Horn.

Der Bedarf an neuen Erziehern sei hoch. Derzeit würden sechs bis acht Leute gebraucht, auch um die neuen, seit September vergangenen Jahres gültigen höheren Betreuungsschlüssel für die Krippe und den Kindergarten einhalten zu können. Da dies alle Einrichtungen der Region betreffe, sei die Nachfrage entsprechend hoch.

„Darüber hinaus stehen wir aber auch zu den getroffen Aussagen. Ein zweijähriges Kind kann im Zweifel nun einmal nicht selber entscheiden“, stellt Geschäftsführer Oliver Gäbisch klar und fügt hinzu: Jede Einrichtung habe ihre eigene Konzeption. Im Gegensatz zu offenen Einrichtungen gebe es in den Einrichtungen des Kindergartenvereins feste Gruppenstrukturen, die jeweiligen Bezugserziehern und bestimmten Räumlichkeiten zugeteilt seien. Die Kinder seien im Wesentlichen im gleichen Alter.

Außerdem lege man großen Wert darauf, den Kindern grundlegende Werte mitzugeben. Dazu gehöre es, sich zu grüßen, sich zu entschuldigen und anderen zuzuhören. Auch gemeinsame Mahlzeiten mit ausgewogener Ernährung sind wichtig. Mit autoritärer DDR-Pädagogik habe das keinesfalls etwas zu tun. Eltern, die sich nicht mit dem Konzept identifizieren können, stünde es frei, ihr Kind in einer anderen Einrichtung anzumelden. Die Eltern würden allerdings hinter dem Konzept stehen. Einen Ruf nach neuen pädagogischen Methoden habe es noch nicht gegeben.

Es sei auch nicht der Fall, dass man sich modernen pädagogischen Ansätzen verschließe. So würden in jeder Einrichtung neben der Betreuung in den Gruppen auch teiloffene Ansätze realisiert. Etwa beim gemeinsamen Spielen im Freien. Dennoch halte man es für wichtig, dass bestimmte Erzieher für bestimmte Kinder zuständig sind. Diese könnten viel eher die Entwicklung eines Kindes beobachten, diese fördern sowie verbindlichere Aussagen gegenüber den Eltern treffen, als das in offenen Einrichtungen der Fall sei, so Gäbisch.

Die Stellenanzeige geschaltet zu haben, bereuen Horn und Gäbisch in jedem Fall nicht, sagen sie. Auf die eigentlich recht unscheinbare Annonce haben sich schon zahlreiche Bewerber gemeldet. Da in den nächsten zehn Jahren ein großer Teil der Erzieher in Rente geht, wird es sicher nicht die letzte Annonce des Vereins bleiben.