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Freitag, 13.07.2018

Post an untergetauchte Mutter

Mit dem Verschwinden der kleinen Ella aus Großenhain vor über einem Jahr gehen die Beteiligten unterschiedlich um.

Maria Reinhardt hofft noch immer, dass es irgendeine gute Lösung im Fall ihrer verschwundenen Enkelin gibt. Aus ihrer Sicht hat das Vorgehen des Gerichts Ellas Mutter nur in die Enge getrieben.
Maria Reinhardt hofft noch immer, dass es irgendeine gute Lösung im Fall ihrer verschwundenen Enkelin gibt. Aus ihrer Sicht hat das Vorgehen des Gerichts Ellas Mutter nur in die Enge getrieben.

© Kristin Richter/Archiv

Großenhain. Maria Reinhardt legt den Brief ungeöffnet zu den anderen. Manche hat sie auch aufgemacht und beim Absender angerufen, wie beim Jugendamt in Dresden. Ihre Tochter, an die der Brief gerichtet ist, sei unbekannt verreist, hat sie der Sachbearbeiterin gesagt. Eine Aktennotiz, das war´s.

„Verreist“ ist ein harmloses Wort für das Drama, das die Großenhainer Familie durchlebt. Im Mai letzten Jahres verschwanden Tochter und Enkelin spurlos und vielleicht für immer, sagt die Oma der kleinen Ella mit rotgeweinten Augen. Ihre Tochter habe keinen anderen Weg als den der Flucht gesehen. Kindesentzug würde ein Jurist dazu richtigerweise sagen. Die Medien haben daraus eine Entführung gemacht, was juristisch nicht korrekt ist.

Doch kein Wort kann letztlich das Elend beschreiben, wenn ein Elternteil mit einem Kind nach einem jahrelangen Sorgerechtsstreit untertaucht. Noch heute kann Frau Reinhardt nicht verstehen, wie es jemals so weit kommen konnte, dass ihrer Tochter Anfang Mai 2017 das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Ella vom Oberlandesgericht Dresden letztinstanzlich entzogen wurde.

Das Gericht hatte in einer früheren Verhandlung noch gesagt, wenn der Umgang der unverheirateten Eltern mit dem Kind klappe, stünde einem Umzug der Mutter mit Ella nach Bayern nichts im Wege. Maria Reinhardt zeigt heute noch jedem den Arbeitsvertrag mit dem Seniorenstift Pilsensee und den Vertrag mit der dortigen Kita. Nein, der Umzug war nicht vorgetäuscht. Maria Reinhardt ist das wichtig, deshalb möchte sie darüber sprechen und sie hat in den letzten Monaten immer wieder über solche Fälle gelesen, wie der des heute 13-jährigen Linos aus Hamburg, der bis zum elften Lebensjahr bei der Mutter lebte, bevor plötzlich der Vater das Sorgerecht beantragte und auch bekam. Nach nur einem halben Jahr, in dem der Vater mit dem Jungen offenbar nicht zurechtkam, musste der Junge ins Kinderheim, wo ihm trotz dieser Dramatik jeder Kontakt zur Mutter weiter verwehrt wird.

Erst im letzten Jahr ist Maria Reinhardt klar geworden, dass tausende Kinder von hochstrittigen Konflikten betroffen sind und dass das Kindeswohl dabei oft keine Rolle spielt. Ex-Minister Norbert Blüm schrieb in seinem Buch „Einspruch!: Wider die Willkür an deutschen Gerichten. Eine Polemik“ den erschreckenden Satz: „Wer am besten lügt, gewinnt!“ Gerade vor Familiengerichten wird gelogen, dass sich die Balken biegen – und niemanden kümmert es. Norbert Blüms erste Vermutung, es handele sich bei den bekannten Fällen um Einzelfälle, bestätigte sich mit seiner genaueren Recherche nicht. Vielmehr ist von einem System auszugehen, denn die Vielzahl der Fälle zeigt: Die Wahrheit interessiert weder Richter, die allzu oft auf hohem Ross sitzen, noch Anwälte, die mit viel Geld das Recht nach Belieben verdrehen – sagt Norbert Blüm.

Für Maria Reinhardt ist die Ursache dafür ganz klar das gesetzlich erzwungene Wechselmodell, also ein Leben abwechselnd bei Vater und Mutter. Das könne man nicht gesetzlich anordnen, dafür müssten sich die Eltern grundlegend einig sein in diesem Punkt, glaubt sie. Gedanken macht sich aber nicht nur Ellas Oma. Zurückgelassen hat der Konflikt auch den älteren Enkelsohn, der zwar schon erwachsen ist, der aber dennoch mit dem Gedanken leben muss, dass seine Mutter untergetaucht ist. Und natürlich Ellas leiblicher Vater, der nach dem Verschwinden von Ella massiv an die Boulevardmedien ging und inzwischen im Lobby-Verein SOS Kindesentführung e.V. ist. Er hält die Suche oder aus seiner Sicht eher die „Nicht-Suche“ der Polizei für skandalös und hat beantragt, dass der Großenhainer Polizei der Fall entzogen und dem Landeskriminalamt übertragen wird. Außerdem hat er einen Privatdetektiv beauftragt – mehr möchte er aber noch nicht sagen.

Am Grundkonflikt hat sich bis heute nichts geändert: Vorwürfe, Anschuldigungen, Unterstellungen stehen unverändert im Raum. Zuletzt ließ der Vater über eingangs erwähnten Brief des Dresdner Jugendamtes eine Frist setzen, bis zu der sich die Mutter zwecks Zahlung von Unterhalt erklären sollte. Falls Ella jemals gefunden wird, verheißt das nichts Gutes für die Zukunft des kleinen Mädchens.