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Mittwoch, 13.06.2018

Pizza? Auf zur Probe!

Von Hagen Linke

Hanka Sarodnik spielt den sorbischen Dudelsack mit Leidenschaft, Geschick – und natürlich auch Kraft. Foto: Hagen Linke
Hanka Sarodnik spielt den sorbischen Dudelsack mit Leidenschaft, Geschick – und natürlich auch Kraft. Foto: Hagen Linke

So eine Ziege kann ziemlich schräg klingen. Dann hört sie sich an wie Katzenjammer. Hanka Sarodnik passiert das nicht so schnell. Sie klemmt sich den Blasebalg unter den rechten Arm, pumpt Luft in das Ziegenfell, drückt etwas mit links und beginnt zu spielen. „Man muss die Balance finden, damit der Ton beständig bleibt“, erklärt die 16-Jährige.

Der sorbische Dudelsack mit den Zähnen eines Ebers zur Verzierung der Spielpfeife hat es der Zeißigerin besonders angetan. Dabei ist er ein typisches Männer-Instrument. Hanka übt mit ihm seit drei Jahren. Am Anfang hat sie keine fünf Minuten durchgehalten, erzählt sie. Das sei heute kein Thema mehr, aber anstrengend ist es schon. „Nach zwei Stunden fühlt man sich, als ob man eine Schicht im Fitnessstudio geschoben hat.“ Das Mädchen trat mit der Leidenschaft für das außergewöhnliche Instrument in die Fußstapfen ihrer drei Jahre älteren Schwester Martha. Wie sie hat sie bei Karl Tillich aus Neida, dem Meister des sorbischen Dudelsackspiels, angefangen. Der 82-Jährige spielte über 30 Jahre im Staatlichen Ensemble für Sorbische Volkskultur, dem heutigen Sorbischen National-Ensemble, Klarinette und Dudelsack. Die Sarodnik-Schwestern haben zunächst mit fünf Jahren begonnen, Blockflöte zu spielen. Nachdem Martha mit acht Jahren bei einem Fest im Zeißighof den Dudelsack hörte, fragte ihre Oma bei Tillich an. „Zu mickrig“, befand der Experte, als er das Kind sah. Aber Martha ließ nicht locker, übte ausdauernd Liegestütze. Zwei Jahre später bekam sie den Unterricht.

Hanka kam über die Konzertvioline zunächst zur kleinen dreisaitigen sorbischen Geige. Die große Geige war anfangs zu schwer, um sie auf den Arm zu bekommen.

Beide spielen mittlerweile im Folkloreensemble Schleife. Im dortigen Kirchspiel wird seit über 400 Jahren auf dem Dudelsack musiziert. „Darauf können die Schleifer zu Recht stolz sein“, sagt Mutter Annett, die ihre sorbischen Wurzeln mit den Kindern lebt. „Auch über die Musik wird sorbisches Kulturgut in die Herzen gesenkt.“ Also fuhr sie Hanka dienstags gut 30 Kilometer zum Geigenunterricht nach Schleife, freitagabends ging es auf dieselbe Strecke mit Martha zur Orchesterprobe, die regelmäßig von 19 bis 21 Uhr stattfindet. Und das nach einer anstrengenden Schulwoche! Die Pizza, die die große Schwester dann immer zum Abendbrot bekam, war nicht der entscheidende, aber auch ein Anreiz für die hartnäckige Hanka. „Wenn du Pizza willst, musst du mit zur Probe kommen“, hatte die Mutter gesagt.

Beim sorbischen Folklore-Ensemble sind beide längst eine feste Größe. Für ihr besonderes Engagement zur Pflege der sorbischen Kultur haben sie sogar schon den Domowina-Nachwuchspreis bekommen. Und wer in den Stadtlinien der Verkehrsgesellschaft Schwarze Elster in Hoyerswerda mitfährt, hört die Mädchen, wie sie auf Sorbisch die Haltestellen ansagen.

Mutter Annett hat Mitte 40 begonnen Klarinette zu spielen und übt heute noch regelmäßig bei Karl Tillich. Der fragt bei der Gelegenheit immer, was es Neues in Zeißig und Schleife gibt. Da kann derzeit viel über die Vorbereitungen zum 8. Internationalen Dudelsackfestival in Schleife berichtet werden. Vom 15. bis 17. Juni werden mehr als 200 Sänger, Tänzer und Musikanten aus Deutschland, Spanien, Irland, Polen, Tschechien und weiteren Ländern erwartet. Dazu kommen Tausende Besucher. Annett Sarodnik ist vom Engagement der Schleifer und wie sie ihre Heimatverbundenheit leben, sehr angetan, denn seit 45 Jahren schaffen sie es immer wieder, junge Leute für das Folkloreensemble zu begeistern und stellen ein beeindruckendes Festival auf die Beine. „Für mich sind das Tausendsassas“, sagt sie. Hanka freut sich auf die Kulturen und Instrumente, die dort erklingen. Im Lessing-Gymnasium Hoyerswerda, wo die Zehntklässlerin im vertieften musischen Profil lernt, hat die 16-Jährige schon ihr Instrument vorgestellt. Und nachdem das Abitur zunächst auf der klassischen Violine angedacht war, kann sie sich jetzt gut vorstellen, es mit dem Dudelsack abzulegen.

Leider nicht mit dabei sein in Schleife kann Hankas Schwester. Martha hat nach ihrem Abitur vor zwölf Monaten ein Auslandsjahr in Kanada eingelegt. Als sie im Frühjahr zu Besuch war, spielten die Schwestern aber gemeinsam im Verbund mit der Musikgruppe und dem Chor des Ensembles beim Ostermarkt in Halbendorf. Und 2022 zur 9. Auflage des Dudelsackfestivals wollen die beiden gemeinsam auftreten, kündigt Hanka erwartungsvoll an: „Zweistimmig zu spielen ist schon etwas ganz Besonderes.“ Und wie Katzenjammer hört sich das auch bestimmt nicht an.