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Montag, 29.01.2018

Physiotherapie bald auf Blankorezept

In Sachsen werden die meisten Heilmittel verordnet. Nicht nur wegen einer Gesetzesänderung steigen die Kosten weiter.

Von Stephanie Wesely

Kräftig anspannen! Gegen Rückenschmerzen gibt es die meisten Physiotherapieverordnungen.
Kräftig anspannen! Gegen Rückenschmerzen gibt es die meisten Physiotherapieverordnungen.

© Deutscher Verband für Physiotherapie

Viele Sachsen ärgern sich, wenn ihnen ihr Hausarzt oder Orthopäde zu wenig Physiotherapie verschreibt. Dabei ist der Freistaat das Bundesland mit den höchsten Ausgaben für Heilmittel. Das belegen die Heilmittelreporte der Barmer und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Demnach bekam 2016 jeder gesetzlich Versicherte im Schnitt 5,5 Behandlungen. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 3,6. Das schlägt sich auch in den Kosten nieder: 86 Euro zahlten gesetzliche Krankenkassen in Sachsen im Schnitt pro Versicherten für Physiotherapie. In Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bremen waren es nur 50 Euro.

Doch woher kommen diese Differenzen? „Jedes Bundesland hat eigene Richtgrößen oder Budgets“, sagt Annerose Anys, Vorsitzende des Landesverbandes der Physiotherapeuten. Die kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenkassen handeln aus, wie viel Physiotherapie oder andere Heilmittel ein Fach- oder Hausarzt im jeweiligen Bundesland verordnen darf. „Andere Länder schauen da neidvoll auf Sachsen“, so Anys. Für 50- bis 64-Jährige zum Beispiel dürfen Orthopäden im Freistaat pro Quartal etwa 70 Euro für Physiotherapie ausgeben, in Nordrhein-Westfalen nur knapp 40 Euro.

Trotzdem kann nicht jeder Patient ein Physiotherapierezept vom Arzt bekommen. Annerose Anys: „Denn die sechs oder zehn Behandlungen pro Rezept haben im Schnitt einen Wert von 150 Euro.“ Insofern reiche das Budget rein statistisch nur für jeder zweiten. Daher komme vielleicht das Gefühl, die Ärzte seien zu knausrig.

Die bundesweiten Ausgaben für Heilmittel sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Die Physiotherapie macht davon etwa drei Viertel des Budgets aus. Den Rest teilen sich Ergotherapie, medizinische Fußpflege und Sprachbehandlung. Auch hier gibt es Steigerungen.

Barmer-Vorstandschef Christoph Straub prognostiziert weitere Mehrkosten. Denn seit April 2017 erlaubt ein neues Gesetz, dass Ärzte in Modellregionen Blankoverordnungen für Physiotherapie ausstellen und der Therapeut selbst über Art und Dauer der Behandlung entscheiden kann. „Auch in Sachsen werden bis Ende des Jahres Modellregionen ausgewählt“, sagt Kathrin Treibmann, Sprecherin des Physiotherapie-Landesverbandes. 2019 sei dann dort die Blankoverordnung möglich.

Direkt zum Physiotherapeuten

Dr. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, sieht darin keine Qualitätsverbesserung. „Wir liegen bei den Physiotherapiekosten ohnehin schon sehr hoch“, sagt er. Doch für den Landesverband der Physiotherapeuten gehen die Blankoverordnungen der Ärzte noch nicht weit genug. „Wir wollen den direkten Zugang des Patienten zum Physiotherapeuten, ohne Umweg über den Arzt und einschränkende Budgets“, so Kathrin Treibmann.

Noch eine weitere Gesetzesänderung führt zum Kostenanstieg. Seit 2015 sind Preisuntergrenzen für physiotherapeutische Behandlungen gesetzlich festgeschrieben. „Diese Grenzen werden jährlich neu verhandelt und angepasst. Wir konnten gute Abschlüsse mit den Krankenkassen erzielen“, sagt Annerose Anys. In den letzten drei Jahren sei der Wert der Leistungen im Schnitt um rund 25 Prozent gestiegen. „Das spüren in erster Linie die Praxisinhaber. Doch das Geld sollten sie auch an ihre Mitarbeiter weitergeben. Denn immer weniger junge Menschen wollen den Beruf des Physiotherapeuten erlernen“, so die Landesvorsitzende. Und das liege zum Großteil am geringen Verdienst. „Wir haben hier schon einen Fachkräftemangel“, sagt sie.

Der häufigste Grund für ein Physiotherapie-Rezept im Jahr 2016 waren Rückenschmerzen. Jeder zweite Schmerzpatient bekam eins, wie aus den Heilmittelberichten der Kassen hervorgeht. Doch nicht nur bei Barmer und AOK Plus, auch bei der TK und der IKK classic gehörten Hals-, Nacken- und Kreuzschmerzen zu den Hauptdiagnosen für eine solche Verordnung. Behandelt werden die Schmerzen meist mit Krankengymnastik und Manueller Therapie. Beides sind die häufigsten Physiotherapieleistungen und machen jeweils rund 27 Prozent an den Gesamtverordnungen aus. Die Manuelle Therapie kostet aber auch am meisten. So zahlte die Barmer für eine Behandlung knapp 18 Euro, eine Krankengymnastik kostet 16 Euro. Rückenschmerzen könnte man aber genauso mit Übungsbehandlung therapieren, die nur etwa sieben Euro pro Anwendung koste, so die Barmer.

Dass teure Verfahren häufiger abgerechnet werden, bestätigt auch die AOK Plus. Pro Jahr zahlt sie in Sachsen fast 70 Millionen Euro für Krankengymnastik und mehr als 50 Millionen Euro für Manuelle Therapie, sagt Sprecherin Hannelore Strobel. Übungsbehandlungen machen nur ein Zehntel davon aus.

Kathrin Treibmann ist entsetzt über solche Vorschläge: „Krankengymnastik und Übungsbehandlung sind nicht austauschbar. Bei der Übungsbehandlung wird das Gelenk, vereinfacht gesagt, nur gebeugt und gestreckt. Krankengymnastik ist funktionell, sie behandelt auch die Muskulatur und korrigiert Fehlbelastungen.“ Eine Manuelle Therapie könne außerdem Blockaden lösen und sei viel umfangreicher als eine Übungsbehandlung.

Am häufigsten kommen ältere Patienten in die Physiotherapiepraxis. Für sie haben Ärzte auch ein höheres Budget. Von den 270 Millionen Euro, die 2016 in Sachsen für Physiotherapie ausgegeben wurden, nutzten Versicherte ab 65 Jahre die Hälfte. „Ein weiterer Grund für hohe Kosten ist, dass es im Freistaat überdurchschnittlich viele Physiotherapeuten gibt“, sagt Klaus Heckemann. Er sieht im Gegensatz zum Physiotherapieverband kein Fachkräfteproblem. Auf 10 000 Versicherte kämen im Freistaat neun Physiotherapeuten, bundesweit seien es fünf, so Heckemann. Mit einem größeren Angebot reduzierten sich die Wartezeiten, und mehr Physiotherapieleistungen würden genutzt – für Heckemann eine logische Folge. Doch Barmer-Landeschef Fabian Magerl sieht durch die Physiotherapie auch Kosteneinsparungen: „Viele verfrühte Knie- oder Hüftoperationen können damit vorerst entfallen.“ Und Operationen seien um ein Vielfaches teurer als Krankengymnastik, Manuelle Therapie & Co.

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