erweiterte Suche
Mittwoch, 16.05.2018 Widersprüche gegen den Pflegegrad machen oft Sinn

Pflegefall: Einstufung nicht immer korrekt

Die Einstufung in Pflegegrad ist die wesentliche Voraussetzung für die Leistung, die der Betroffene beziehungsweise dessen pflegende Angehörigen erhalten. Als von Gott gegeben sollte diese Beurteilung allerdings nicht hingenommen werden, wenn Zweifel am Pflegegrad bestehen. Widersprüche gegen die Einstufung führten in 2017 in etwa der Hälfte aller Fälle zum Erfolg.

Bildautor: Gerd Altmann
Bildautor: Gerd Altmann

Mit dem Jahr 2017 bekamen die Pflegestufen einen neuen Namen und neue Voraussetzungen für die Einteilung. Es gibt nun fünf Einteilungen, mit denen die Pflegebedürftigkeit beurteilt wird. Und diese Einteilung ist eminent wichtig. Denn sie ist es, die Geldleistungen bestimmt, die über einen Pflegegradrechner unkompliziert zu ermitteln sind. Das PSG II (Pflegestärkungsgesetz) ist es, das diese Änderungen der Einstufung herbeigeführt hat. Mit dem Ziel, eine Gleichstellung zwischen Demenzpatienten und körperlich eingeschränkten Menschen herbeizuführen, wurde dieses Gesetz auf den Weg gebracht. Doch die Einstufung der Pflegebedürftigen in die jeweiligen Grade ist nach wie vor mit Problemen verbunden.

Bis zu 50 Prozent falsche Einstufungen

Alarmierend ist die Zahl, die der MDS, der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen für das Jahr 2017 verlauten ließ. Wie die Welt am Sonntag recherchierte, hatten die Hälfte der Widersprüche gegen die Einstufung in einen Pflegegrad Erfolg. Dies aus zwei Gründen: Zum einen erwies sich die Einstufung in einen Pflegegrad in 28,7 % aller Fälle schlichtweg als falsch.

Zum anderen änderte sich die Pflegebedürftigkeit von Patienten in 23,9 % im Zeitraum zwischen Beurteilungsbesuch und Bescheid so rapide, dass eine neue Einschätzung nötig wurde. Insgesamt wurden 1,6 Millionen Beurteilungen nach den PSG II-Regelungen durchgeführt, sodass die Zahlenbasis für die Statistik aussagekräftig ist. Das Fazit: Widerspruch lohnt sich. Auch dann, wenn Pflegebedürftige und Pflegende die Entscheidungen des Medizinischen Dienstes kaum anzuzweifeln wagen. Doch der Erfolg vieler Klagen macht Mut.

6,8 % Widersprüche im Jahr 2017

Die Zahlen sprechen für sich: 6,8 % aller Beurteilungen im Jahr (ca. 1,6 Millionen) wurde widersprochen. Zur Hälfte mit Erfolg. Das bedeutet Zigtausende von falschen Pflegegraden. Betroffene und Angehörige sollten also grundsätzlich aktiv werden, wenn es Zweifel bei der Einschätzung geht, um nicht bares Geld zu verschenken. Die Allgemeinheit hat mit diesen Daten nun einen Einblick darüber bekommen, in welcher Höhe Einsprüche getätigt werden und in welcher Höhe sie auch tatsächlich zum Erfolg führen.

Diese Transparenz ist wichtig. Der Medizinische Dienst wird durch sie nicht mehr als übermächtige Instanz angesehen, da Betroffene sehen, dass ein Widerspruch sich durchaus lohnen kann. Gutachter werden durch diese Transparenz ebenfalls mehr in die Pflicht genommen, zum Vorteil für die Patienten und Pflegenden.

Mitwirken bei der Einstufung

Um eine möglichst solide Einstufung gleich im ersten Anlauf zu erzielen, ist Mitarbeit der Pflegebedürftigen (soweit dies möglich ist) und der Pflegenden von großer Bedeutung. Dem MD und seinen Gutachtern Schuld an falschen Einschätzungen zuschieben zu wollen, ist nicht immer zielführend. Auch Angehörige können eine Menge dazu beitragen, dass sich Gutachter bei ihrem Besuch einen aussagekräftigen Eindruck der Situation des Patienten machen können. Das gilt insbesondere für Demenzpatienten, denen das PSG II ja neue Möglichkeiten in Bezug auf Gleichstellung eröffnen möchte. Bei körperliche eingeschränkten Patienten fällt die Beurteilung deutlich leichter, was der Patient leisten kann und wo er auf Hilfe angewiesen sind.

Demenzerkrankte machen auf Gutachter, die den Menschen nicht kennen, häufig nicht den eingeschränkten Zustand, in dem der sich tatsächlich befindet. Deshalb sollten Angehörige neben dem Vorlegen ärztlicher Befunde auch daran denken, eine Liste von Situationen zu erstellen, in denen Pflegebedürftigkeit deutlich erkennbar ist. Der Gutachter muss wissen, welche Hilfe der Pflegebedürftige in seinem Alltag benötigt und was Angehörige oder andere Pflegende für ihn tun müssen. Je besser dies gelingt, umso besser kann die Einstufung in die Pflegegrade erfolgen.