erweiterte Suche
Dienstag, 28.04.2015

Pentacon beerdigt Praktica

Der frühere Dresdner Kamerahersteller stellt Ende Juni den Handel mit der Kultmarke ein. Ein Käufer ist nicht in Sicht.

Von Michael Rothe

6

Die MTL5 war in den 80er-Jahren eines der gängigsten Praktica-Modelle. Mit dem Aus der Marke endet ein Stück Fotogeschichte, das vor 100 Jahren begann. Damals entwickelte sich Dresden zum Zentrum der deutschen Kameraindustrie mit Firmen wie Ernemann, Balda, Noble, Hüttig, Wünsche, Zeiss-Icon, Ihagee – und Pentacon.
Die MTL 5 war in den 80er-Jahren eines der gängigsten Praktica-Modelle. Mit dem Aus der Marke endet ein Stück Fotogeschichte, das vor 100 Jahren begann. Damals entwickelte sich Dresden zum Zentrum der deutschen Kameraindustrie mit Firmen wie Ernemann, Balda, Noble, Hüttig, Wünsche, Zeiss-Icon, Ihagee – und Pentacon.

© dpa

Dresden. In der DDR war die Marke bekannt wie Simson-Mopeds, Spee-Waschmittel und Rotkäppchen-Sekt: Praktica. Die Spiegelreflexkameras aus Dresden waren in vielen Haushalten zu Hause – auch im Westen, wo sie über Foto-Quelle und Porst als Revueflex verkauft wurden. Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, dokumentierte 1978 mit einer EE2 seinen Ausflug. Und im DDR-Tele-Lotto waren Prakticas mangels hochwertiger Autos immer Mal Gewinne bei Sonderauslosungen.

Jetzt geht ein Stück deutscher Foto-Geschichte zu Ende. „Die Dresdner Pentacon GmbH trennt sich zum 30.6.2015 von ihrem Handelsgeschäft mit Praktica-Fotoprodukten“, teilte die Tochter der Schneider-Gruppe gestern mit. In jene optischen Werke Bad Kreuznach hatte der Unternehmer Heinrich Mandermann 1990 die Überbleibsel des von der Treuhand liquidierten Ostblock-Ausrüsters integriert.

Pentacon werde sich „noch stärker auf das erfolgreiche Industrie- und Automotivegeschäft konzentrieren“, hieß es gestern. Hierzu zählen auch Komponenten für Dieseleinspritzsysteme. 1964 aus mehreren sächsischen Kameraherstellern hervorgegangen, operiert das Unternehmen heute als Zulieferer von CNC-gefertigten Drehteilen und Kunststoffspritzgussteilen mit angeschlossenem Werkzeugbau. Ferner entwickelt und produziert es optoelektronische Prüfsysteme zur Qualitätssicherung.

Für die Praktica war es ein Ende auf Raten. Schon nach der Wende war in Dresden der Bau von analogen Spiegelreflexkameras eingestellt worden – nach sechs Millionen Exemplaren. Grund: im Vergleich zur Konkurrenz in Asien zu teuer. Der Versuch, dort zugekaufte Kompaktkameras unter den Marken Praktica und Exakta an Mann und Frau zu bringen, schlug fehl. „Nach zwischenzeitlich siebenstelligen Stückzahlen wurden 2014 nur noch 15 000 Kameras verkauft“, räumt Pentacon-Sprecher Thomas Aurich ein. Zu den 12,5 Millionen Euro Jahresumsatz habe der Kamera-Handel 1,9 Millionen beigetragen „Die Umbrüche im Fotogeschäft, die internationale Finanzkrise und das verstärkte Aufkommen von Smartphones und Spiegelreflexkameras sind an uns nicht vorübergegangen“, sagt Pentacon-Chef Michael Bledau. Die Insolvenz der Handelskette Weltbild und die Krise in Südeuropa, wo es größere Vertretungen gibt, waren weitere Sargnägel. Praktica hatte in der Spitze deutschlandweit acht Prozent Marktanteil und wurde weltweit in rund 40 Länder exportiert.

Personell ist der Abgesang weniger spürbar. Von 131 Pentacon-Mitarbeitern sei „keine Handvoll betroffen“, und die würden anderswo untergebracht, hieß es. „Die Marke steht zum Verkauf“, heißt es von Pentacon. Aber ein Käufer ist nicht in Sicht.

Leser-Kommentare

Seite 2 von 2

Insgesamt 6 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Klaus87

    Sich eigentlich schon lange gewundert, warum es noch die Marke Praktica auf Kameras gibt. Alle "gehen" Insolvenz, und Prakrica lebt noch? Warum sollte man auch sein Geld für so eine billige kopie Kamera ausgeben, wenn es schon Smartphone gibt die fotografisch bessere Fotos machen, als eine kompakte mit dem label Praktica drauf. Es wäre schön gewesen, wenn man selbst eine Kamera entwickelt hätte, als sie in China zugekauft.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 2 von 2

Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.