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Montag, 06.08.2018

Patient Mayer oder Patient Meier?

Was in Kliniken üblich ist, gibt es in Arztpraxen noch kaum: ein verlässliches Fehlermanagement. Das soll sich jetzt ändern.

Von Sandra Trauner, Frankfurt/Main

Armin Wunder, Facharzt für Allgemeinmedizin, sitzt an seinem Schreibtisch in einem Behandlungszimmer seiner Praxis. Er nimmt an einem Modellprojekt zum systematischen Fehlermanagement teil.
Armin Wunder, Facharzt für Allgemeinmedizin, sitzt an seinem Schreibtisch in einem Behandlungszimmer seiner Praxis. Er nimmt an einem Modellprojekt zum systematischen Fehlermanagement teil.

© dpa

„Mein Name ist Armin Wunder, ich bin Hausarzt und ich mache Fehler“, sagt der Allgemeinmediziner und schiebt gleich hinterher: „Das ist ein Statement, klar.“ In seiner Praxis in Frankfurt am Main gehört es zum guten Ton, zuzugeben, wenn etwas schief lief. Da muss der Chef mit gutem Beispiel vorangehen.

Dass das nicht überall so ist, kann wohl jeder Patient aus eigener Erfahrung berichten. Der Gegenentwurf heißt: Ich bin Arzt und habe immer Recht, Fehler machen nur die anderen. Eine Einstellung, die nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich ist. Das Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt/Main, das Aktionsbündnis Patientensicherheit und die Techniker Krankenkasse wollen jetzt anschieben, dass in Arztpraxen ein Kulturwandel beginnt.

400 Praxen können deutschlandweit an einem Programm teilnehmen, das sich CIRSforte nennt. CIRS steht für „Critial Incident Reporting System“, also ein Berichtssystem für kritische Ereignisse. In Krankenhäusern sind CIRS-Systeme seit Langem gang und gäbe. Nun sollen sie auch im ambulanten Sektor etabliert werden.

Die Gemeinschaftspraxis von Dr. Wunder und seinen Kollegen war eine der ersten, die sich angemeldet haben. Für sie ist Fehlermanagement ein alter Hut. Schon seit Jahren treffen sich die fünf Ärzte und die fünf medizinischen Fachangestellten regelmäßig, um in gemeinsamen Teamgesprächen durchzugehen, welche Pannen passiert sind. Mit CIRSforte hoffen sie, „dass wir noch mehr sensibilisiert werden, auf Fehler zu achten und über Fehler zu sprechen“, sagt der 57-Jährige.

Vielleicht sind Fehler beim Hausarzt nicht immer so schwerwiegend wie im Krankenhaus, aber auch hier sind sie vermeidbar. Oft ist es nur eine Kleinigkeit, die die Behandlung für den Patienten sicherer macht, etwa ein zweiter Blick auf das Rezept. Stimmt die Wirkstoffmenge, stimmt die Packungsgröße? Die Angestellten prüfen, was der Arzt aufschreibt, und der Arzt unterschreibt nichts, ohne es noch einmal zu lesen. Um zu vermeiden, dass Patienten mit ähnlichen Namen verwechselt werden, werden Herr Mayer und Herr Meier immer nach dem Geburtsdatum gefragt.

Besonders krasse Fälle veröffentlicht die Praxis auf dem Portal „Jeder Fehler zählt“. Hausarztpraxen können dort anonym Berichte einstellen und darüber diskutieren. Es gibt praktische Tipps zur Fehlervermeidung und einen Fahrplan für die Fallanalyse.

Alle vier Wochen gibt es auf „Jeder Fehler zählt“ den „Fehler des Monats“. Ausgewählt wird nicht etwa der schlimmste Fehler, wie das Projektteam am Institut für Allgemeinmedizin erklärt, sondern besonders typische oder häufige Irrtümer „und auch solche, von denen wir glauben, dass man anhand dieses Berichtes besonders viel und gut lernen kann“. Wie zum Beispiel aus dem Fall mit dem Blutzuckermessgerät: Eine Mitarbeiterin hatte das Gerät falsch herum gehalten und einen aberwitzig hohen Wert abgelesen, die Patientin kam ohne Not ins Krankenhaus.

In Krankenhäusern hätten sich Fehlerberichts- und Lernsysteme etabliert, sagt Barbara Voß, Leiterin der Landesvertretung Hessen der Techniker Krankenkasse (TK). In ambulanten Praxen habe man eine solche „Sicherheitskultur“ nicht, zumindest nicht flächendeckend. Nötig wäre das durchaus, glaubt Voß: Jeder dritte Ärztepfusch-Vorwurf von TK-Versicherten betreffe eine ambulante Behandlung. (dpa)

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