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Samstag, 11.08.2018

Patient auf der Aufwachstation

Die deutschen Schwimmer sind in Glasgow so erfolgreich wie lange nicht. Dennoch bleibt der Weg aus der Krise ein langer.

Von Daniel Klein

Daumen hoch – das gilt nicht nur für Sarah Köhler und ihren zweiten Platz über 1500 Meter. Das gesamte Team überzeugte.
Daumen hoch – das gilt nicht nur für Sarah Köhler und ihren zweiten Platz über 1 500 Meter. Das gesamte Team überzeugte.

© dpa

Jetzt sind sie also „wieder aufgetaucht“, haben sogar „Oberwasser bekommen“. Das Resümee der Nachrichtenagenturen über das Abschneiden der deutschen Schwimmer bei der EM in Glasgow spart nicht mit Sprachbildern, die vor allem eines suggerieren: Die Krise ist endlich überwunden, es geht wieder aufwärts. Aber ist das wirklich so?

Als Kriterium werden vor allem die Medaillen herangezogen. Acht hatte die Abteilung Beckenschwimmen in Schottland gesammelt, das sind immerhin zwei mehr als bei der Heim-EM 2014 in Berlin. Die Ausbeute damals wurde als Aufschwung gedeutet, es folgten die WM 2015 mit drei Medaillen und die olympische Nullnummer 2016 in Rio. Von Euphorie war keine Spur mehr.

Wohl auch deshalb ist Bundestrainer Henning Lambertz bei der Analyse auffällig zurückhaltend. „Wir müssen realistisch sein“, sagt er, „viele Zeiten, die hier für das Finale gereicht haben, reichen auf Weltniveau gegen die Amerikaner, Australier, Japaner und Chinesen nicht. So blind sind wir bei aller Euphorie nicht.“ Um seine These zu bestätigen, reicht schon ein Blick auf die Ergebnisse der US-Meisterschaften. Über 200 Meter Schmetterling waren dort sechs Starter schneller als der Leipziger Ramon Klenz bei dessen Rekordrennen, als er die 32 Jahre alte deutsche Bestmarke von Michael Groß verbessert hatte.

Man sollte also nicht allein auf die Medaillen schauen, sondern auf die Zeiten. Und da erreicht lediglich Florian Wellbrock mit seinem Sieg über 1 500 Meter das Niveau Weltklasse. Völlig zu Recht warnt Lambertz: Eine ähnliche Bilanz nun bei der WM oder Olympia zu erwarten, wäre fatal. Trotzdem muss er sich an den eigenen Ansprüchen messen lassen. Bei seinem Dienstantritt 2013 hatte Lambertz als Ziel formuliert, dass er Deutschland wieder zur Nummer eins in Europa machen wolle. Dazu fehlt weiterhin ein großes Stück, Russland, Großbritannien und Italien sind nicht nur einen Schritt voraus.

Viel wichtiger als das Medaillenzählen ist vielmehr die Antwort auf die Frage, ob der Reformkurs in die richtige Richtung geht. Da wurden zuletzt Zweifel laut, bei der WM vergangenes Jahr in Budapest stritten sich Kurzbahn-Europameister Philip Heintz und Lambertz gar öffentlich. Ein Vorwurf lautete, der Bundestrainer würde sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, einen Zickzackkurs fahren. Zunächst hatte die Steigerung der Trainingsumfänge im Becken höchste Priorität, dann das neue Kraftkonzept. Hinzu kommt der Umbau des Stützpunktsystems. Alle Kaderathleten sollen zwingend an einem der Leistungszentren trainieren, die aber – gemäß der Vorgabe der angelaufenen Spitzensportreform in Deutschland – deutlich weniger werden als bisher. So verlieren im mitteldeutschen Raum wohl die Standorte in Leipzig und Halle/Saale ihren Status als Bundesstützpunkt. Und nicht alle Schwimmer sind bereit, umzuziehen.

Viele von ihnen bekamen außerdem neue Trainer. Eingestellt wurden Übungsleiter, die der Linie des Bundestrainers folgen. Das war womöglich ein bisschen viel Veränderung auf einmal. Allerdings: Gab es eine andere Lösung als den Radikalumbau?

Von der Spitze des Deutschen Schwimmverbandes bekam Lambertz immer wieder Rückendeckung. Man müsse Reformen Zeit geben, um bewerten zu können, ob sie was bewirken, erklärte Präsidentin Gabi Dörries. Zeit bekommt der Bundestrainer – auf jeden Fall bis zu den Spielen 2020 in Tokio. Dann soll abgerechnet werden.

Die Stimmung im Team sei in der vergangenen Woche außergewöhnlich gut gewesen, bestätigen Schwimmer wie Trainer. Vom eingeschlagenen Kurs sind nun offenbar alle überzeugt. Und das ist immerhin eine kleine Trendwende. (mit sid)