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Montag, 26.02.2018

Noch einmal Gigantismus

Die Spiele waren laut IOC „erfolgreich in jeder Hinsicht“. Aber die Nachnutzung ist nicht überall klar. Eine Bilanz.

Von Thomas Häberlein und Nikolaj Stobbe

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Spiele der Farben und Symbole: Die Abschlussveranstaltung bot Südkorea noch einmal die Chance, sich als weltoffenes, innovatives, traditionsbewusstes aber auch modernes Land zu präsentieren.
Spiele der Farben und Symbole: Die Abschlussveranstaltung bot Südkorea noch einmal die Chance, sich als weltoffenes, innovatives, traditionsbewusstes aber auch modernes Land zu präsentieren.

© REX/Shutterstock

  • Spiele der Farben und Symbole: Die Abschlussveranstaltung bot Südkorea noch einmal die Chance, sich als weltoffenes, innovatives, traditionsbewusstes aber auch modernes Land zu präsentieren.
    Spiele der Farben und Symbole: Die Abschlussveranstaltung bot Südkorea noch einmal die Chance, sich als weltoffenes, innovatives, traditionsbewusstes aber auch modernes Land zu präsentieren.
  • Ehrenvolle Aufgabe: Eishockeyspieler Christian Ehrhoff trugt die deutsche Fahne zur Abschlussfeier.
    Ehrenvolle Aufgabe: Eishockeyspieler Christian Ehrhoff trugt die deutsche Fahne zur Abschlussfeier.
  • Pita Taufatofua hat es wieder getan: Der Skiläufer aus Tonga erschien zur Abschlussfeier mit freiem Oberkörper.
    Pita Taufatofua hat es wieder getan: Der Skiläufer aus Tonga erschien zur Abschlussfeier mit freiem Oberkörper.

Annyeonghi Pyeongchang, ni hao Peking! In der südkoreanischen Provinz Pyeongchang sind am Sonntagabend die 23. Olympischen Winterspiele zu Ende gegangen. Um 21.40 Uhr Ortszeit erklärte IOC-Präsident Thomas Bach die Spiele mit dem Motto „Neue Horizonte“ für beendet. 13 Minuten später erlosch das olympische Feuer im Olympiastadion, wo in gut zwei Wochen die Paralympischen Winterspiele eröffnet werden. Bach bezeichnete die Spiele als „erfolgreich in jeder Hinsicht“. Es seien in der Tat Spiele gewesen, die in allen Bereichen neue Horizonte eröffnet hätten – „danke, dass sie uns neue Horizonte gezeigt haben“, rief Bach den Gastgebern zu.

Dialog durch die Spiele

Bach ging auch auf die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea ein. „In eurem vereinten Einmarsch habt ihr euren Glauben an eine friedliche Zukunft mit uns geteilt“, sagte er zu den Sportler der beiden verfeindeten Bruderstaaten. Sport, betonte er, bringe die Menschen zusammen und baue Brücken in einer „zerbrechlichen Welt“. Das IOC werde dazu beitragen, dass der Dialog fortgeführt werde. Nachdem sie bei der Eröffnungsfeier noch unter der Vereinigungsfahne Koreas gemeinsam einmarschiert waren, liefen die Sportler aus Nord- und Südkorea bei der Abschlusszeremonie gemeinsam hinter ihren eigenen Flaggen ein. Auf der Ehrentribüne saß neben Südkoreas Staatspräsident Moon Jae In und US-Präsidententochter Ivanka Trump General Kim Yong Chol als hochrangigstes Mitglied der nordkoreanischen Delegation.

Fremdeln im Freien

Von einem Wintermärchen war bei den ersten Winterspielen auf der Halbinsel nichts zu spüren. Die koreanische Bevölkerung trug wenig zur Party bei, mied unter anderem wegen der Dauerkälte bei bis zu minus zehn Grad und wegen des eisigen Windes die olympischen Anlagen im Outdoor-Bereich. „Hier sind keine Zuschauer an der Strecke, alle 500 Meter steht mal ein Trainer“, klagte Kombinierer und Doppel-Olympiasieger Johannes Rydzek. Lediglich in einigen Eissporthallen in Gangneung kamen die Gastgeber aus sich heraus. Die Lautstärke stieg, sobald ein koreanischer Läufer aufs Eis ging. Im Curlingcenter spielte sich die südkoreanische Mannschaft in die Herzen ihrer Landsleute. Keinerlei Probleme gab es bei der Organisation. Ob beim Transport, der Unterkunft oder der Verpflegung – Beschwerden gab es kaum. „Wenn bei uns das Zimmer gereinigt wird, kommen gleich zehn Leute rein“, berichtete Eisschnellläufer Nico Ihle.

Problem mit der Nachnutzung

Gunilla Lindberg, einflussreiches IOC-Exekutivmitglied, schickte am Sonntag warnende Worte an die Organisatoren. „Wir wissen, dass Olympische Spiele nur dann ein Erfolg sind, wenn ein starkes Vermächtnis garantiert werden kann“, sagte die Schwedin und fügte an: „Das ist hier nicht der Fall.“ Sechs Wettkampfstätten wurden neu hochgezogen, sechs weitere renoviert. „Drei Anlagen haben keinen Nachnutzungsplan“, gestand Nancy Park, Sprecherin des Organisationskomitees. Konkret geht es um das Eisschnelllauf-Oval, die Eishockeyhalle im Olympiapark und das Alpin-Zentrum in Jeongseon. Für die fehlenden Nutzungspläne hatte Pyeongchang im Vorfeld der Spiele schon harsche Kritik im eigenen Land abbekommen. „Sie sind blind vorgegangen. Und jetzt haben sie keine Ahnung, wie sie die Sportstätten nach den Spielen nutzen sollen“, sagte Yu Tae Ho, Professor an der Korea University in Seoul. Das IOC hatte mehrfach zu sparsamem Vorgehen gemahnt. Pyeongchang ist noch ein Vertreter des alten Olympia, des Gigantismus. Die von Bach im Jahr 2014 ausgerufene Sparreform Agenda 2020 traf auf die Asiaten nicht mehr zu.

Die Etablierten überzeugen

Den großen neuen Weltstar haben die gut zwei Wochen nicht hervorgebracht. Am ehesten füllten der norwegische Skilangläufer Johannes Kläbo mit seinen drei Olympiasiegen und Ester Ledecka, die tschechische Doppel-Olympiasiegerin im alpinen Super-G und Parallel-Riesenslalom der Snowboarderinnen, diese Rolle aus. Mit Biathlet Martin Fourcade (Frankreich) holte einer der Etablierten des Wintersports ebenfalls dreimal Gold. Norwegens Marit Björgen kletterte im letzten Olympia-Wettbewerb von Pyeongchang, dem Skilanglauf über 30 Kilometer, an die Spitze der Rangliste aller Wintersportler in der olympischen Geschichte. Die niederländischen Eisschnellläufer und Norwegens Skilanglauf-Asse waren mit je siebenmal Gold die Erfolgreichsten bei den Spielen.

Medaillenträchtiges „Team D“

Die deutschen Athleten gewannen mit 14 Goldmedaillen so viele wie nie seit der Wiedervereinigung. Die Silbermedaille des Eishockey-Teams gehört zu den großen Erfolgen der Spiele – wie auch das Staffel-Gold der Nordischen Kombinierer und der Triumph des Eislaufpaares Aljona Savchenko und Bruno Massot. Erfolgreichste deutsche Teilnehmer waren Biathletin Laura Dahlmeier und Kombinierer Eric Frenzel (je 2 Gold, 1 Bronze), gefolgt von Kombinierer Johannes Rydzek sowie den Rodlern Natalie Geisenberger, Tobias Wendl und Tobias Arlt sowie Bob-Pilot Francesco Friedrich, die jeweils zwei Goldmedaillen gewannen.

Goldige starke Sachsen

Die Bobteams Friedrich und Walther sowie der Nordische Kombinierer Eric Frenzel und Skispringer Richard Freitag holten sieben Medaillenplätze nach Sachsen – viermal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze. Knapp am Podest vorbei schrammten die Oberbärenburger Bobpilotin Stephanie Schneider als Vierte und Oberwiesenthals Biathletin Denise Herrmann als Sechste.

Zurück zu den Wurzeln

Bis Ende März bleibt Zeit. Bis dahin, fordert das IOC, müssen sich die möglichen Kandidaten für eine Bewerbung um die Ausrichtung der Winterspiele 2026 mit den Herren der Ringe ins Benehmen setzen. Tatsächlich hat das IOC bereits mit vier ernsthaften Interessenten eine Art Workshop abgehalten: mit Calgary, Sapporo, Sion und Stockholm. Was daraus wird, ist unklar. „Wir sind der Meinung, dass es von Zeit zu Zeit wichtig ist, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Man kann nicht immer nur neue Triebe pflegen und die Wurzeln vernachlässigen“, sagte Bach am Sonntag. „Die traditionellen Wintersportnationen sollen nicht den Eindruck bekommen, dass sie nicht mehr willkommen sind. Das Gegenteil ist der Fall.“ (sid mit dpa/SZ)

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