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Donnerstag, 17.05.2018

Niemals geht man so ganz

Die Olympiasieger Aljona Savchenko und Bruno Massot verkünden eine Pause. Es ist ein Abschied vom Eis auf Raten.

Von Michaela Widder, München

Aljona Savchenko (r) und Bruno Massot
Aljona Savchenko (r) und Bruno Massot

© Matthias Balk/dpa

Urlaub ist für sie Stress. Wenn Aljona Savchenko an die Zeit des entspannten Nichtstuns zurückdenkt, empfindet sie das sogar eher als Last. „Ich habe mich aufgeregt, dass ich Urlaub gemacht habe. Ich brauche das einfach nicht“, sagt sie mit Nachdruck. In diesem Frühjahr müssen der Olympiasiegerin von Pyeongchang die eisfreien Tage noch schwerer gefallen sein, denn zusammen mit ihrem Partner Bruno Massot habe sie beschlossen, „eine Wettkampfpause einzulegen und andere Sachen zu probieren“.

Um das offiziell mitzuteilen, hat die Deutsche Eiskunstlauf-Union extra zu einer Pressekonferenz mit Brezel und Kuchen nach München in den Olympiapark eingeladen. Das Ende ihrer leistungssportlichen Karriere wollen sie am Donnerstag dagegen noch nicht verkünden, selbst wenn es nach dem langersehnten Olympiaerfolg der logische Schritt wäre.

Es ist kein Geheimnis, dass es vor allem und vielleicht sogar nur der 34-jährigen Savchenko immens schwerfällt, vom Wettkampfsport loszulassen. Ein Jahr Pause ist erst einmal geplant. „Wir werden dieses Jahr nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen“, sagt die gebürtige Ukrainerin, und dann wechselt sie in die Ich-Form – „auch wenn das mein großer Wunsch ist.“ Ob sie zurückkommen oder nicht, lassen sie für den Moment offen.

Doch es spricht einiges dagegen, dass sie noch einmal bei Titelkämpfen starten: Im Februar wurden sie nach einem nervenaufreibenden Wettkampf erstmals Olympiasieger. Fast aussichtslos abgeschlagen als Vierte nach dem Kurzprogramm, sorgten sie mit ihrer emotionalen Jahrhundertkür für einen der großen Momente der Spiele in Südkorea. Ihr Gold-Trainer Alexander König, dem Savchenko beim Wiedersehen in München wie ein kleines Kind in die Arme springt, ist wie geplant kürzlich von Oberstdorf zurück zu seiner Familie nach Berlin gezogen und wird dort als Trainer arbeiten.

Und der Franzose Massot, dem selbst der Urlaub auf den Malediven noch zu wenig war, wird im Oktober zum ersten Mal Vater. „Für mich ist die Pause von mindestens einem Jahr nicht so schwer wie für Aljona“, sagt der 29-Jährige: „Ich freue mich darauf, nicht dauernd Stress zu haben.“ Der extreme Ehrgeiz der Osteuropäerin und das Laisser-faire beim Mann aus der Normandie haben in den vier Jahren der Zusammenarbeit öfter zu Spannungen geführt.

Auf Tournee auch durch Kasachstan

Dass sie sich in der Öffentlichkeit aber dennoch nicht festlegen wollen, dürfte auch finanzielle Gründe haben, sie bekommen weiterhin Unterstützung von der Sporthilfe, Savchenko bleibt in der Bundeswehr. Und das Paar ist interessanter für mögliche Sponsoren, die in ihrem Sport schwer zu finden sind. Trotz aller Erfolge.

Auf dem Eis sind sie weiter als Paar zu sehen. Ein Vertrag für eine „Holiday on Ice“-Tournee durch 14 deutsche Städte ist unterschrieben, im Juni starten sie eine Show-Tour in Kasachstan und fliegen dann weiter für einen Monat nach Japan. „Ich vermisse schon jetzt Wettkämpfe. Schaulaufen ist schön, aber nicht so schön wie Wettkämpfe. Ich muss für irgendetwas arbeiten, ich brauche ein Ziel“, betont Savchenko, die in ihrer Chemnitzer Zeit zusammen mit Robin Szolkowy fünfmal Weltmeisterin wurde.

Richtig aufgeblüht ist sie aber erst, als sie 2014 nach dem Karriereende ihres langjährigen Eislaufpartners nach Oberstdorf zog und dort auch ihren Mann Liam Cross kennenlernte. Das Dorf im Allgäu soll Lebensmittelpunkt bleiben, für sie ist es der Ort, „wo ich meinen Traum geschafft habe“. Dort will sie sich langsam die Karriere nach der Karriere aufbauen und spricht von einer „Phase“, um herauszufinden, „in welche Richtung es geht“. Trainer König nennt es eine „Wahnsinns-Herausforderung für beide, eine Brücke ins normale Leben zu schlagen“.

Weil sich die zwei gut vorstellen können, ihr Wissen weiterzugeben, probieren sie sich als Trainer aus. Während Massot zu seinem französischen Betreuer Jean-Francois Ballester in die Schweiz nach La-Chaux-de-Fonds zieht und dort von ihm lernen will, bleibt Savchenko in Oberstdorf. Sie trainiert dann vorerst die zweimaligen amerikanischen Eiskunstlaufmeister Alexa Scimeca-Knierim und Chris Knierim. Den ersten Kontakt hatte Savchenko mit Alexa in der Kabine. „Dieses Mädchen hat geweint, ich wollte sie trösten und ihr sagen, dass sie nicht aufgeben soll. Aber ich musste selbst noch aufs Eis“, erzählt sie. „Und dann kam sie zu mir und meinte: ,Ich hab geträumt, dass du uns trainierst.‘“

Das US-Paar war mittlerweile zehn Tage zum Probetraining in Oberstdorf. Ende Mai fliegt Savchchenko in die USA, um eine Kür aufzubauen. Ab August will das Trio – auch mit Unterstützung von König – dann in Oberstdorf zusammenarbeiten. Um ihre Fitness bei einer möglichen Fortsetzung ihrer Karriere macht sich die zierliche Eisläuferin keine Gedanken, auch für den Fall, dass sie mal Mutter werden sollte. „Mir geht es nur besser. Ich werde fit bleiben und ich hoffe Bruno auch“, sagt sie mit einem Seitenhieb auf Lebemann Massot.

Eines steht definitiv fest. Falls Massot endgültig aufhört, würde sich die sechsmalige Weltmeisterin keinen neuen Mann mehr fürs Eislaufen suchen. „Wenn wir zurückkommen, dann zusammen“, sagt Savchenko.

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