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Freitag, 10.08.2018

Neuer Tiefpunkt für Jan Ullrich

Jan Ullrich ist am Freitagmorgen in Frankfurt wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung an einer Prostituierten vorläufig festgenommen worden.

Jan Ullrich auf einem Archivfoto vom 2. Juli 2017
Jan Ullrich auf einem Archivfoto vom 2. Juli 2017

© Guido Kirchner/dpa

Frankfurt/Main Der Absturz von Jan Ullrich wird immer dramatischer. Am Freitag, als er nach seinen jüngsten Eskapaden auf Mallorca eigentlich eine Therapie beginnen wollte, wurde der frühere Radstar in Frankfurt wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung an einer Prostituierten vorläufig festgenommen.

Zwischenzeitlich ermittelte sogar die Mordkommission wegen versuchten Totschlags. Sein „Neustart“ (O-Ton Ullrich) nach Alkohol- und Drogenproblemen endete in einer Arrestzelle des Frankfurter Polizeipräsidiums. Ullrich wurde am Freitagnachmittag wieder entlassen, weil „die Voraussetzungen für eine Inhaftierung nicht vorliegen.“

„Es soll zum Streit und zu einem körperlichen Angriff auf die Frau gekommen sein. Hierbei soll der Beschuldigte sie gewürgt haben, bis ihr schwarz vor Augen wurde“, teilte die Staatsanwaltschaft dem SID zum derzeitigen Ermittlungsstand mit. Der Vorfall hatte sich in einem Nobelhotel zugetragen. Die „Villa Kennedy“ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen ist auch das bevorzugte Quartier der Fußball-Nationalmannschaft in der Main-Metropole.

Dort hatte sich Ullrich (44) mit der Prostituierten getroffen, im Verlaufe der Zusammenkunft sei es zum Streit gekommen. Nach derzeitigem Erkenntnisstand sieht die Staatsanwaltschaft aber „keinen dringenden Tatverdacht wegen versuchten Totschlags, sodass aktuell kein Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gestellt wird“, hieß es in der Stellungnahme von Oberstaatsanwältin Nadja Niesen weiter.

Niesen, die am Nachmittag vor die Presse trat, betonte aber auch, dass die Ermittlungen noch andauerten. Neben der Beschädigten sollen „weitere Zeugen“ vernommen werden, Ullrich selbst sei „momentan nicht vernehmungsfähig“. Kurze Zeit später erklärte eine Polizeisprecherin, dass Ullrich „rechtliches Gehör gegeben“ worden sei und er „von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht“ habe.

Inhaftiert wird Ullrich offenbar zumindest nach dem Ermittlungsstand vom Freitagnachmittag nicht. „Hinsichtlich des verbleibenden Tatvorwurfs der gefährlichen Körperverletzung fehlt es nach Auffassung der Staatsanwaltschaft an einem Haftgrund“, schrieb Niesen. Der Aufenthalt in der Arrestzelle hatte offenbar mit dem desaströsen Zustand Ullrichs zu tun. Dieser habe zur Tatzeit „unter massivem Alkohol- und Drogeneinfluss“ gestanden, der eine Vernehmung bis zum Freitagnachmittag unmöglich machte.

Voraussetzung für eine Untersuchungshaft ist ein Haftbefehl, dessen Erlass von der Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht beantragt werden muss. Dafür müssen dringender Tatverdacht für ein erhebliches Delikt sowie ein Haftgrund (Flucht-, Wiederholungs- oder Verdunklungsgefahr) bestehen. Nur wenn diese Voraussetzungen vorliegen und Verhältnismäßigkeit gegeben ist, kann Haftbefehl beantragt und eine Untersuchungshaft angeordnet werden.

Auf Totschlag steht eine Strafe von fünf bis 15 Jahren, wobei im Fall Ullrich den Vorwürfen zufolge nur ein Versuch vorliegt, was erheblich strafmindernd wirken würde. Gefährliche Körperverletzung wird mit sechs Monaten bis zehn Jahren Gefängnis geahndet, solange keine verminderte Schuldfähigkeit oder Schuldunfähigkeit vorliegt. Wolfgang Hoppe, der Anwalt des Tour-de-France-Siegers von 1997, wollte sich zu den Vorwürfen gegen seinen Mandanten auf SID-Anfrage nicht äußern.

Nach Informationen der Bild-Zeitung, die zuerst von der Festnahme berichtet hatte, seien in Ullrichs Hotelzimmer mehrere Gramm Rauschgift (weiße Substanz, Kokain oder Speed) sichergestellt worden, was die Polizei nicht bestätigte.

Ullrich war am Donnerstagabend aus Mallorca angereist, um in Deutschland eine Therapie zu beginnen. Wenige Tage zuvor war er auf der Urlaubsinsel nach einem Zwischenfall auf dem Grundstück seines Nachbarn Til Schweiger vorübergehend festgenommen worden. Kurz vor seiner Abreise nach Deutschland sagte er der Bild: „Ich habe ein gutes Bauchgefühl, fühle mich wohl. Das wird mein Neustart.“

Ullrich hatte am Montag zugegeben, dass er sich in einer schweren Lebenskrise befindet. Er räumte den Konsum von Drogen ein und kündigte an, „aus Liebe zu meinen Kindern“ eine Therapie beginnen zu wollen.

Süchtig zu sein, bestritt der 44-Jährige. Laut seines Anwalts Hoppe ist dennoch bereits seit einiger Zeit ein Platz in einer Klinik in Deutschland für Ullrich reserviert. „Jan kann dort jederzeit hin. Wir hoffen alle, dass er schnell wieder auf die Beine kommt, und werden ihn dabei so gut wie möglich unterstützen“, hatte Hoppe gesagt.

Doch die Nacht in der mallorquinischen Arrestzelle reichte offenbar nicht aus, um in Ullrich einen Schalter umzulegen, obwohl er über „menschenunwürdige Zustände“ geklagt hatte.

Schon zu seiner aktiven Karriere hatte er immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen: Gewichtsprobleme, private Eskapaden und schließlich die unsägliche Dopinggeschichte, zu der er nie klar genug Stellung bezog. Ullrich löste mit seinem Tour-Sieg 1997 einen regelrechten Radsport-Boom aus und stand auf einer Stufe mit den deutschen Sport-Ikonen Michael Schumacher und Boris Becker. Seit Freitag ist mehr denn je klar: Vom Ruhm ist nichts mehr geblieben. (sid)