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Donnerstag, 05.07.2018 Perspektiven

Neue Rechte, alte Vorurteile

Das System Orbán benutzt den Antisemitismus und lehnt ihn gleichzeitig ab. Das ist charakteristisch für eine Ära des Übergangs – nicht nur in Ungarn.

Von János Gadó

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Mit einer Plakatkampagne unterstellte die ungarische Regierung dem US-Geschäftsmann George Soros, für die Flüchtlingswelle verantwortlich zu sein.
Mit einer Plakatkampagne unterstellte die ungarische Regierung dem US-Geschäftsmann George Soros, für die Flüchtlingswelle verantwortlich zu sein.

© imago

  • Mit einer Plakatkampagne unterstellte die ungarische Regierung dem US-Geschäftsmann George Soros, für die Flüchtlingswelle verantwortlich zu sein.
    Mit einer Plakatkampagne unterstellte die ungarische Regierung dem US-Geschäftsmann George Soros, für die Flüchtlingswelle verantwortlich zu sein.
  • János Gadó (60) ist Soziologe und lebt in Budapest. Er ist Redakteur der jüdischen Monatszeitung Szombat.
    János Gadó (60) ist Soziologe und lebt in Budapest. Er ist Redakteur der jüdischen Monatszeitung Szombat.

Die Länder Westeuropas sind in der Auseinandersetzung mit der Schuld am Holocaust viel weiter gekommen als die Länder Osteuropas. So dominieren dort Ideale, die als Gegengift gegen den Faschismus angesehen werden: die Kultur der Toleranz, der Integration, des Andersseins sowie die Ablehnung jeglicher Stammesidentität, der Abkapselung und der Ausgrenzung. Da diese Ideale heute weltweit verbreitet, anerkannt und stark legitimiert sind, ist der neuartige, postmoderne Judenhass, der im Namen dieser Ideale auftritt, viel intensiver und effektiver als der alte.

Die Grenzen zwischen Ost- und Westeuropa sind heute mehr oder weniger identisch mit dem Verlauf des früheren Eisernen Vorhangs, dessen Fall uns vor 29 Jahren so viel Freude bereitete. Den Unterschied zwischen beiden Bereichen kann man vielfältig festhalten: Ökonomen, Politologen und Historiker haben jeweils ihren eigenen Blickwinkel. Ich möchte hier und jetzt einen Aspekt hervorheben, der aus jüdischer Sicht wichtig ist. In der Frage der Verantwortung für den Holocaust hat Westeuropa ein Stadium der Selbstreflexion und des Sich-verantwortlich-Bekennens erreicht, während Osteuropa davor zurückschreckte.

Heute stehen Ungarn und Polen an der Spitze dieses rückwärtsgewandten Geistes: zwei Nationen, deren traditionell starker Adel sich weniger mit bürgerlichen Idealen von Arbeit und Wachstum, sondern viel lieber mit den romantischen und bisweilen narzisstischen Vorstellungen von Freiheitskampf und Sterben der Nation zu identifizieren pflegte. Gern überließ deshalb der Adel das Feld bürgerlichen Denkens und Wirkens den Juden. Es ist kein Zufall, dass in der Zeit der kapitalistischen Evolution im Gebiet dieser beiden Länder die größten jüdischen Gemeinschaften lebten.

Beide Nationen haben reichlich Erfahrungen gesammelt, was niedergeschlagene Freiheitskämpfe und Unterdrückung durch Fremde angeht. Heute, wenn im Europa des 21. Jahrhunderts ganz neuartige Herausforderungen zu meistern sind, ist man in Ungarn und Polen geneigt, auf den alten Interpretationsrahmen zurückzugreifen. Der einstige Adelsstand existiert heute nicht einmal mehr in Spuren, sein Geist aber lebt und wirkt unverändert fort.

Die in Ungarn lebenden Juden, und sind sie noch so assimiliert, tragen die Angst vor antidemokratischem Nationalismus als Bauchgefühl in sich. Dieser Geist wird in Ungarn von der Person des Reichsverwesers Miklós Horthy symbolisiert, der vom ersten bis zum letzten Augenblick des konterrevolutionären Systems ein Vierteljahrhundert lang an der Spitze des Landes stand. Seine Machtübernahme 1919 fiel mit dem sogenannten weißen Terror zusammen, sein Rückzug aus der Macht 1944 mit dem Drama des Holocaust. Er ist also ein Symbolbild (und auch Akteur) jener Dynamik, die Ungarn von der Diskriminierung bis zum Genozid trug.

Das System Orbán strebt nicht nach einer eindeutigen Stellungnahme zu Horthy. Man lässt sich die Tür für verschiedene – aus jüdischer Sicht inakzeptable – Interpretationen offen. Diese Ambivalenz stärkt nur die Bereitschaft der Juden in Ungarn, zwischen beiden Systemen eine gewisse Kontinuität zu sehen. Umgekehrt bekam die Judenfrage im System Orbán einen nationalen, christlichen, konservativen und integrativen Ansatz. Die Juden wurden – zumindest größtenteils – als Feindbild abgelöst und durch nicht-christliche Migranten von außerhalb Europas ersetzt.

Dennoch benutzt das System Orbán gegenwärtig unter vielen jüdischen Gesichtern das Phantom des kosmopolitischen/kapitalistischen Juden – in gewissem Maße – als Feindbild. Praktisch wird das auf einen einzigen Menschen, auf den aus Ungarn stammenden US-Milliardär George Soros, gemünzt – der aber zu einem gigantischen Hauptfeind aufgeblasen wird und der mit mächtiger Intensität präsentiert wird. Unterdessen wird entschieden negiert, dass die jüdische Abstammung von Soros irgendeine Rolle spielen würde in dem irrationalen Propagandakrieg, der gegen ihn geführt wird. Das System Orbán benutzt den Antisemitismus und lehnt ihn gleichzeitig ab – charakteristisch für eine Ära des Übergangs. Gleichzeitig pflegt die Regierung mit religiösen und nationalistischen (zionistischen) Juden eine demonstrativ gute Beziehung, nutzt sie geradezu zur Stärkung ihrer Legitimation. Gegenüber den Migranten muslimischen Glaubens verweist man nun nicht mehr auf die Verteidigung der christlichen, sondern der „jüdisch-christlichen“ Zivilisation.

In Ungarn, Polen und Mitteleuropa arbeiten und wirken grundsätzlich immer noch die Überreste des Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts nach: Das Feindbild ist der assimilierte Jude, der die moderne Gesellschaft umprogrammieren will als Kapitalist, Liberaler, Sozialist, Kosmopolit. Der prämoderne religiöse Antijudaismus („Die Juden haben Christus ermordet“) ist marginal in dieser Konstellation. Der postmoderne Antizionismus, der die Sprache der Menschenrechte spricht, und bei dem Israel das Oberböse ist, ist ebenfalls marginal – noch.

Das System Orbán ist zusammen mit den zur gleichen Zeit erstarkenden osteuropäischen Systemen in seiner Entwicklung dort angekommen, wo sich Westeuropa zwischen 1946 und 1968 befand: Den Antisemitismus lehnen sie ab, aber mit der Verantwortung dafür können sie nichts anfangen. Im Gegenzug dafür pflegen sie – auf nationalistischer Basis – die Beziehungen mit dem jüdischen Staat und vermeiden antizionistische Propaganda.

Der Judenhass spricht immer die Sprache seiner Zeit, gerade das gibt ihm eine unglaubliche Kraft. In der westlichen Welt gibt es keine Grenzen für einen Hass, der die Losungen der Menschenrechte, des Minderheiten-Schutzes und der Integration vertritt. Und da diese Ideale in Osteuropa nicht unterstützt werden und keine breite Legitimation genießen, gibt es dort für den neuartigen Hass keinen so guten Nährboden.

Aus jüdischer Sicht ist das extrem paradox: Dort, wo Fortschritt eingedämmt wird, wird auch der neuartige Hass eingedämmt. Der Fortschritt freilich bricht sich langsam Bahn – samt dem neuartigen Hass.

Eine Hauptmarschrichtung der westlichen Entwicklung des 21. Jahrhunderts ist eine sich selbst organisierende Zivilgesellschaft. Gleichzeitig ist der Judenhass des 21. Jahrhunderts gerade deshalb bemüht, sich in zivilen Initiativen festzusetzen. Die Anti-Israel-Boykottbewegung BDS zielt gerade auf westliche Organisationen ab und peilt die komplette wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Isolierung bzw. Auflösung des jüdischen Staates an. Wissenschaftliche Gesellschaften, universitäre Studentenbewegungen, feministische und schwule Foren machen sich die Forderungen zu einem Boykott des jüdischen Staates zu eigen und legen einen „Treueschwur“ auf die aggressiv auftretenden örtlichen BDS-Aktivisten ab. Das alles tun sie im Namen des Kampfes gegen Rassismus und Unterdrückung.

Auch in die Welt der Popmusik dringt die BDS-Bewegung mit aller Kraft ein. Führende Popstars werden zum Sprachrohr von BDS und üben Druck auf ihre Kollegen aus, Auftritte in Israel abzusagen. Die westeuropäische, progressive Linke hält die Anti-Soros-Plakate für empörend und primitiv – zu Recht. Das nicht weniger empörende und primitive Wesen der Anti-Israel-Hysterie will sie aber nicht zur Kenntnis nehmen, ja oft begrüßt und unterstützt sie diese. Hier gehen die Probleme in die nächste Runde. Indem Juden als Nationalisten, Stammesegoisten und Unterdrücker gebrandmarkt werden – im Namen von Integration und der Toleranz.

Das System Viktor Orbáns möchte die veraltete gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur früherer Zeiten konservieren beziehungsweise neu erschaffen. Das ist wohl eine Sackgasse, aber zumindest eine Nebenstraße. Die westliche Welt (vor allem Westeuropa) bewegt sich im Mainstream der Entwicklung und schleppt so den erneuerten und sich in Richtung Mainstream entwickelnden Judenhass mit. Wer gegen das System Orbán kämpft, für demokratische Werte und ein modernes Ungarn, bewegt sich im europäischen Rahmen. Er muss jedoch wissen: Während er die veraltete Politik ablehnt, wendet er sich einer Welt zu, die von einem erneuerten, politisch korrekten Judenhass gekennzeichnet ist.

Aus dem Ungarischen von Domokos Szabó. Unter dem Titel Perspektiven erscheinen kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. beobachter

    Typische Argumentationsmuster einer im Kern mindestens ebenso "reaktionären" Propaganda, die antikolonialistische Initiative BDS als antisemitisch zu delegetimieren.

  2. Bürger

    Es fällt auf, dass die extreme Linke und die extreme Rechte immer öfter dieselben Feinbilder teilen. Die Juden bzw. der Staat Israel stehen da historisch und aktuell leider in der ersten Reihe. Deshalb ist die politische Rechte genauso wie die extreme Linke von jedem Demokraten mit allen Mitteln zu bekämpfen. Das Ergebnis dieser beiden Ideologien ist für Menschen immer dasselbe: Verlust der Meinungsfreiheit, Repressionen, Unterdrückung, Folter und Tod.

  3. @2

    Das griffige Hufeisen-Argument klingt nett, geht aber an der Realität vorbei. Denn bei den "Rechtsextremisten/-populisten" tummeln sich Philosemiten und proisraelische Agitatoren, andererseits sind BDS-Unterstützer wie Roger Waters keine Linksextremisten. Und, um die Sache perfekt zu machen: Soros & Freunde sind auch bei Israels Regierung "verhasst". Bedroht ist Meinungsfreiheit also vor allem durch eifernde Mittelextremisten, die meinen einen selbstdefinierten politischen Rand mit allen Mitteln bekämpfen zu müssen und zu dürfen.

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