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Freitag, 18.05.2018

Neue Kinderstube für Radebeuler Kolkraben

Wegen der Karl-May-Festspiele mussten die Vögel weichen und werden nun in Riesa aufgezogen. Dort hat man mit solchen Fällen schon viel Erfahrung.

Von Stefan Lehmann

Wegen des Karl-May-Festes wurden sie aus dem Nest geholt, nun leben die beiden jungen Kolkraben vorübergehend im Riesaer Tierpark.
Wegen des Karl-May-Festes wurden sie aus dem Nest geholt, nun leben die beiden jungen Kolkraben vorübergehend im Riesaer Tierpark.

© Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Neugierig mustern die beiden pechschwarzen Vögel die Besucher, die wenige Meter entfernt am Eingang zur Voliere stehen. Von Scheu ist bei den beiden jungen Kolkraben nicht viel zu sehen.

Vor einer Woche mussten die beiden Vögel wegen der Karl-May-Festtage ihr Nest am Kleinen Stein in Radebeul verlassen. Noch am vergangenen Freitagvormittag kamen sie im Riesaer Tierpark unter. Das Geschwisterpaar hat sich gut eingelebt, sagt Tierpark-Chef Gerhard Herrmann. „Wir hatten auch schon Krähenvögel hier, die das Futter verweigern. Bei den beiden war das aber nicht der Fall.“ Etwa einen Tag habe es gedauert, danach habe der Hunger gesiegt. „Sicher war auch die Größe von Vorteil“, vermutet Herrmann. Schließlich sind die Vögel schon fünf bis sechs Wochen alt. Anhand des Größenunterschieds lassen sich die beiden Vögel leicht unterscheiden. „Meist wird im Abstand von ein, zwei Tagen gelegt und bebrütet.“ Ursprünglich waren die Rabenküken zu dritt, doch der Jüngste sei bereits tot gewesen, als die Vögel vor dem Karl-May-Fest aus dem Nest geholt wurden. „Das kommt vor. Vor allem, wenn das Futter knapp ist, wird das kleinste Tier nicht gefüttert, oder von den älteren Geschwistern aus dem Nest befördert“, erklärt Gerhard Herrmann.

In Riesa hat man Erfahrung mit der Pflege und Aufzucht von Wildvögeln. In der vergleichsweise großen Quarantäne-Voliere des Tierparks leben derzeit noch ein halbblinder Weißstorch und zwei Turmfalken, die mit Flügelverletzungen hergebracht wurden. Die jungen Kolkraben haben aktuell noch ihr eigenes Domizil, einen kleinen abgetrennten Bereich in der Voliere. Zu ihrem eigenen Schutz, erklärt der Tierpark-Chef. „Wir wissen nicht, wie der Storch auf sie reagiert.“ In wenigen Tagen wird sich das wohl ändern: Wenn die beiden Vögel flügge sind, werden sie den Platz in der Voliere benötigen, um ihre Muskeln zu trainieren. Das bedeutet auch das Ende des einladend gedeckten Büfetts. Dann nämlich soll das Futter im Käfig versteckt werden, damit die Raben lernen, sich ihre Mahlzeiten zu erarbeiten. Großartig suchen müssen sie allerdings nicht, sagt Herrmann und lacht. „Kolkraben sind sehr lernfähig. Die beobachten die Tierpfleger genau und fliegen dann zielgerichtet dorthin, wo das Futter ist.“ Diese Beobachtung haben Herrmann und seine Kollegen schon bei vielen anderen Rabenvögeln gemacht.

Auswilderung in Jacobsthal?

Bis die beiden fliegen können, werden ihnen die Mahlzeiten aber weiterhin zweimal täglich serviert. Kolkraben sind Allesfresser: Küken, Mäuse, Nüsse, eingeweichte Brötchen oder eine Art Insekten-Mix stehen auf dem Speiseplan. Die tierische Nahrung wird noch zerkleinert. „Normalerweise würden sie von den Alttieren lernen, wie sie die Beute zerrupfen“, erklärt Herrmann. Weil die Eltern fehlen, müssen die Tierpark-Mitarbeiter aushelfen. Einfach ins Nest zurücksetzen, wäre indes auch nicht infrage gekommen: Fehlen die Jungen über längere Zeit, dann geben die Eltern das Nest auf. Die Jungvögel wären verhungert.

Wenn die Kolkraben vollständig flugfähig sind, sollen sie ausgewildert werden, erklärt Steffen Wesser von der Unteren Naturschutzbehörde. Und das an einer Stelle, „an welcher möglichst ein unmittelbarer Anschluss an eine Rabengruppe gegeben ist“. Ob das wieder in Radebeul sein wird, ist demnach noch offen. Gut möglich, dass die Tiere stattdessen in der Nähe von Riesa verbleiben. Etwa in Jacobsthal, wo es ebenfalls eine größere Kolonie der Vögel gibt. Selten ist die Art in der Region übrigens nicht, heißt es aus dem Landratsamt. „Der Kolkrabe besiedelt den gesamten Landkreis in einem guten Bestand.“ Nachdem die Tiere lange Zeit stark bejagt wurden, gilt mittlerweile eine ganzjährige Schonzeit für sie.