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Montag, 10.05.2004

Neonazis mit Palästinensertuch

Von Johanna Kramer, dpa

Berlin - Früher war es einfach. Neonazis trugen Springerstiefel, die Antifa das Palästinensertuch. Heute kann es umgekehrt sein. Ein Teil der rechten Szene greift ganz bewusst auf Kennzeichen der linken Gegner zurück, wie auch auf der NPD- Demonstration am 1. Mai in Berlin zu sehen war. Die Gesinnung ist längst nicht immer an der Garderobe zu erkennen. Firmen, die zu Unrecht als Nazi-Marken gelten, sind froh über diesen Wandel.

Das Palästinensertuch tragen Neonazis zum Beispiel, um ihren Antisemitismus auszudrücken, berichtet Birgit Jagusch, Referentin beim Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Düsseldorf. Einige Rechte geben sich bewusst „brav und bieder“ in Jeans und Jackett, andere bleiben bei der martialischen Bomberjacke.

Es geht um die Frage, ob man sich abgrenzen oder integrieren soll. „Das ist noch nicht entschieden“, sagt Jagusch. Sie hat bei Rechten manche Anleihen aus der linken Szene beobachtet, beispielsweise Rosa- Luxemburg-Zitate oder sogar Musik der legendären alternativen Band Ton, Steine, Scherben. Für Jagusch sind das Versuche, in den gesellschaftlichen Mainstream zu gelangen.

In punkto Garderobe hat sich einiges getan: Die „taz“ spricht bereits von „des Neonazis neuen Kleidern“. „Man sollte genau hingucken“, meint Henning Flad, Politikwissenschaftler an der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), der sich intensiv mit den Kleidercodes befasst hat. „Auf keinen Fall ist jeder Jugendliche, der Lonsdale trägt, als Neonazi abzustempeln“. Früher war die britische Traditionsfirma in der rechten Szene beliebt, weil bei aufgeknöpfter Jacke „NSDA“ zu lesen war. Heute gilt ein anderes Label in der Szene als beliebter: Consdaple - der Mittelteil ergibt auf der Brust: „NSDAP“. Auch T-Shirts mit Bandnamen wie Landser oder Screwdriver gehören laut Flad ins rechte Milieu.

Lonsdale wehrt sich mit Multi-Kulti-Aktionen gegen die braune Kundschaft. Die Firma sei froh, das rechte Image loszuwerden, sagt Sprecher Tobias Heupts. „Das ist uns wichtig.“ So sponsert Lonsdale ein afrikanisches Fußballteam in Düsseldorf oder engagiert sich auf Straßenfesten in Sachsen für Zivilcourage. Das Label Ben Sherman sieht sich ebenfalls zu Unrecht mit der rechten Szene in Verbindung gebracht - der Vorwurf sei „Schwachsinn“, heißt es in einem Berliner Laden. Überhaupt sind vermeintliche Nazi-Marken wie Fred Perry auch bei Schwulen beliebt, berichtet ein Ladenbesitzer aus dem Prenzlauer Berg. „Es gibt ja auch schwule Skinheads.“

Mit den Dresscodes geht es also munter durcheinander. Die Marke Pit Bull wird sowohl von Neonazis, als auch von türkischen Jugendlichen getragen. Vereinzelt gibt es sogar Rechte, die wie Punks aussehen, berichtet Jagusch. Und wie erkennt man, ob beispielsweise ein Skinhead der rechten, linken oder homosexuellen Szene angehört? „Das ist 'ne gute Frage“, sagt die Referentin. Hinweis auf eine rechtsgerichtete Gesinnung können ihr zufolge Aufnäher mit der Ziffernfolge „88“, die „Heil Hitler“ bedeutet, oder Marken wie „Masterrace“ (Herrenrasse) sein.

Auf die Farbe der Schnürsenkel bei Springerstiefeln ist jedenfalls auch kein Verlass mehr, wie Szene-Kenner berichten. Rot kann bei den Linken für Anarchie stehen, bei den Rechten für Blutrache. (dpa)