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Samstag, 22.09.2018

Nach diesem Sommer wächst kein einziger Pilz

Mindestens zwei Wochen Regen wären nötig, sagt Pilzberater Steffen Hoeflich.

Von Frank Seibel

Paradies hinter Glas: Was er in der Natur nicht findet, kann Pilzberater Steffen Hoeflich jetzt allenfalls in einer Vitrine des Senckenberg Museums für Naturkunde bestaunen.
Paradies hinter Glas: Was er in der Natur nicht findet, kann Pilzberater Steffen Hoeflich jetzt allenfalls in einer Vitrine des Senckenberg Museums für Naturkunde bestaunen.

© Nikolai Schmidt

Landkreis. Den Kopf gesenkt, langsam einen Fuß vor den anderen und alles ringsum vergessen. Das ist Steffen Hoeflichs bevorzugte Körperhaltung, seit Kindheitstagen schon. Da gab es noch längst keine Smartphones. Steffen Hoeflich ist 56 Jahre alt und am Rand des Görlitzer Stadtparks aufgewachsen. Jedes Jahr im Herbst übte er dort den gebückten Gang, kroch auch mal unter Sträucher und tastete sich an grobem Wurzelwerk entlang. Eigentlich, sagt er, findet man immer etwas. Eine Becherlorchel oder ein Stummelfüßchen. Denn das sind Überlebenskünstler.

Aber in diesem Jahr ist alles anders. Schlimmer noch als 2003, als es zuletzt anders war als üblich. „Damals begann die Trockenheit erst im Juni. Diesmal hat es schon seit April kaum mehr geregnet“, sagt der Mann mit dem runden Gesicht und den immer suchenden Augen. Zwei Wochen lang müsste es jetzt durchweg regnen, im Wald sogar drei, damit der Boden einmal richtig durchfeuchtet wird. Dann könnte Steffen Hoeflich wieder gesenkten Hauptes durch Park und Wald gehen und glücklich werden: Dann würden endlich wieder Pilze aus dem Boden schießen.

Und dann würde er dienstags gewiss nicht allein am Nachmittag im Foyer des Senckenberg-Museums sitzen. Dann würden die Leute wieder kommen und fragen: Kann man den essen oder ist der giftig? Es kann der Gesundheit sehr zuträglich sein, erst den Pilzberater zu fragen und dann zu essen. Manchmal kommen die Leute auch, und fragen hinterher“, sagt Steffen Hoeflich. Zum Glück haben die Leute dann meistens nur Bauchschmerzen und nichts Schlimmeres. Häufig ist es dann so, dass sie einen Karbol-Champignon gepflückt haben – vor zwanzig Jahren noch eine Seltenheit, jetzt weitverbreitet auf Wiesen im Stadtpark und in städtischen Vorgärten. Als giftig wird er eingestuft. „Zum Glück nur schwach giftig“, schiebt Steffen Hoeflich nach. Verdauungsprobleme, Erbrechen.

Die Pilzwelt ändert sich, hat der Experte festgestellt, der ursprünglich mal Schriftsetzer war, aber seit fast zwanzig Jahren auf Minijob- oder ABM-Basis als Mykologe arbeitet – so heißen die Pilzkundler in der Fachwelt. Das hat mit dem veränderten Klima zu tun, sagt er. Es wird wärmer und trockener. Da verschiebt sich auch in der geheimnisvollen und facettenreichen Welt der Pilze allerhand. Steinpilze zum Beispiel waren in seiner Kindheit eine eher seltene Spezialität. Ganz anders als Maronen, die man überall leicht finden konnte. „Jetzt ist es genau umgekehrt“, sagt Steffen Hoeflich. Denn Steinpilze mögen es gerne etwas wärmer.

Aber eben nicht furztrocken. Nicht wie jetzt, nach einem wahrlich außergewöhnlichen Sommer. Dass es jetzt dennoch einen Steinwurf vom Museum entfernt viele Pilze gibt, stimmt ihn skeptisch. Polnische Händler auf dem Markt bieten Steinpilze in rauen Mengen an. „Die können nicht von hier sein“, sagt Steffen Hoeflich. Auch nicht aus den niederschlesischen Pilzparadiesen rund um Kohlfurt. „Dort ist es überall genauso trocken wie hier.“ Also müssen die Pilze, die hier wirklich lecker aussehen, aus Litauen oder aus der Ukraine kommen.

Aber bei aller Liebe: Die, sagt Steffen Hoeflich, würde er nicht essen. Tschernobyl ist auch 32 Jahre nach dem Super-GAU im dortigen Atomkraftwerk weiter östlich von hier gegenwärtig. Und sogar in der Görlitzer Region sollte man mit Maronen noch immer vorsichtig sein. Denn der braune Farbstoff in der Kappe speichere besonders gut das radioaktive Cäsium 137.

Auch das Wissen über Pilze verändert sich. Grünlinge zum Beispiel galten früher als ganz normale Speisepilze. Bis vor einigen Jahren mehrere Franzosen gestorben sind. „Man sollte sich alle zwei, drei Jahre die neueste Literatur besorgen“, sagt Steffen Hoeflich.

Vielleicht findet man da auch neue lustige Sorten. Gemeiner Schwefelporling, Flacher Lackporling, Becherlorchel, Schuppiger Schwarzfußporling, Gesäter Tintling. „Es gibt schon ganz schön verrückte Namen in Deutschland“, sagt Steffen Hoeflich. Es muss ja irgendwie Ordnung sein im unüberschaubaren Reich der Pilze. Allein an Großpilzen gibt es in Deutschland etwa 5 000 Arten, sagt Hoeflich. Wobei „groß“ bedeutet, dass man den Pilz mit bloßem Auge erkennen kann. Aber auch das stimmt nicht ganz. Denn nicht den Pilz sieht man, sondern die Frucht des Pilzes. Der eigentliche Pilz ist ein weitverzweigtes Geflecht, das im Boden lebt und auch mal Monate, ja jahrelang ruhen kann. Bis dann wieder der Regen kommt.

Bis dahin hat er nur erhobenen Hauptes einen Grund zur Freude. Neben dem Zeitungskiosk auf dem Wochenmarkt, oben in einem Loch im Stamm der alten Rosskastanie, hat sich doch noch ein Pilz seinen Lebensraum erobert. Auch das ist eine Folge des Wetters, sagt Hoeflich. Denn nur wenn Bäume geschwächt sind, können sich Pilze hier einen so komfortablen Lebensraum erobern.

Jeden Dienstag von 16 bis 18 Uhr lädt Steffen Hoeflich zur kostenlosen Pilzberatung ins Senckenberg-Museum am Marienplatz ein.