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Donnerstag, 30.08.2018

Musterschüler ohne Titel

Die neue Trainergeneration ist erst nach der Spielerkarriere erfolgreich – so wie Dynamos Favorit Lukas Kwasniok.

Von Daniel Klein

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Lukas Kwasniok im März bei der Auszeichnung zum Jahrgangsbesten der Fußballlehrer-Ausbildung, die jetzt gerade Dynamos Übergangstrainer Cristian Fiel absolviert.
Lukas Kwasniok im März bei der Auszeichnung zum Jahrgangsbesten der Fußballlehrer-Ausbildung, die jetzt gerade Dynamos Übergangstrainer Cristian Fiel absolviert.

© Jan Huebner

Nach dem Spiel gegen den Hamburger SV am Samstag soll der Nachfolger von Uwe Neuhaus präsentiert werden. Vieles deutet darauf hin, dass die Länderspielpause nicht bis zum Ende ausgereizt werden muss, weil der Kandidat bereits gefunden ist. Doch unabhängig davon, ob es nun Lukas Kwasniok, bis Ende Juli A-Jugend-Trainer beim Karlsruher SC und vergangenen Sonntag angeblich Augenzeuge der 1:3-Niederlage gegen Heidenheim, oder Hannes Wolf, im Januar entlassener Coach beim VfB Stuttgart, oder doch ein anderer wird: Dynamo bekommt auf jeden Fall einen Trainertypen, den es so bisher in Dresden noch nicht gab – und das ist gewollt.

Namen will Sportdirektor Ralf Minge nicht nennen, aber er skizzierte bereits ein Anforderungsprofil für den Neuen: Interdisziplinäres Arbeiten und das Verzahnen der sportlichen Abteilungen stünden ganz oben auf der Prioritätenliste. Soll heißen: Der 25. Nachwende-Trainer soll kein Alleinunterhalter sein, sondern einer, der vom Fachwissen seines Stabes profitieren will. Dies kann man zugleich als Kritik und Trennungsgrund für Neuhaus verstehen.

Der Stab hatte im Sommer Zuwachs bekommen, mit Felix Schimmel als Co-Trainer für Spielanalyse, Sascha Lense als Mannschaftspsychologen und Philippe Hasler als Athletiktrainer. Es sind alles Spezialisten auf ihrem Gebiet, sie sollen helfen, die Mannschaft besser zu machen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Chef ihr Wissen auch nutzt. Genau darauf wollen Minge und sein Kollege Kristian Walter achten. Dies und die Persönlichkeitsstruktur seien die Basis für die Gespräche. „Das Alter steht dabei nicht im Vordergrund“, erklärte Minge.

Es ist sicher kein Ausschlusskriterium, fest steht aber auch, dass sich jüngere Fußballlehrer mit der Umsetzung neuer Methoden leichter tun als erfahrene, die es gewohnt sind, lediglich einen Co- sowie Torwarttrainer an ihrer Seite zu haben. Kwasniok ist 37, genauso wie Wolf.

Dynamo ist mit dem „nächsten Entwicklungsschritt“, wie ihn Minge nennt, keinesfalls ein Vorreiter, sondern folgt lediglich einem seit Jahren anhaltenden Trend – und das auch eher zögerlich als rasant, was ein Vergleich mit RB Leipzig zeigt: Dort arbeiten sieben Trainer, hinzu kommen noch Psychologe, Leistungsdiagnostiker, Teambetreuer, Reha-Trainer, Integrationsbeauftragter und zwei Videoanalysten. Macht zusammen 14, und alle arbeiten ausschließlich für die Profi-Mannschaft. Natürlich spielt RB in einer anderen Liga als Dynamo, auch finanziell, trotzdem zeigt das Beispiel, wohin die Reise im modernen Fußball geht.

Die neuen Arbeitsmethoden auf und neben dem Platz haben zugleich einer neuen Trainergeneration den Einstieg in den Profibereich erheblich erleichtert. Thomas Tuchel, Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco und Florian Kohfeldt eint neben ihrem beinahe noch jugendlichen Alter ihre Vergangenheit: Sie haben selbst nie höherklassig gespielt und die Ausbildung zum Fußballlehrer mit Bestnoten abgeschlossen. Den Lehrgang im März beendeten Robert Klauß, Co-Trainer bei RB, und Kwasniok als Jahrgangsbeste. Bei der gleichen Veranstaltung erhielt Wolf die Auszeichnung zum „Trainer des Jahres 2017“.

„Ein Abschluss mit 1,0 oder 1,5 sagt noch nichts darüber aus, ob derjenige auch zu uns passt“, kontert Minge. Das ist richtig, doch schaden kann ein guter Notendurchschnitt offenbar auch nicht. Erzgebirge Aue sucht seit einigen Jahren gezielt Trainer mit dieser Vita und hatte mit Tedesco und Hannes Drews Erfolg. Kwasniok sollte eigentlich der Nächste sein, doch der Wechsel scheiterte an den Ablöseforderungen der Karlsruher. Wenige Tage später beurlaubte der KSC seinen U19-Trainer.

Die neue Generation wird oft als Laptop-, System- oder auch Konzepttrainer tituliert, nach der harschen Kritik von Mehmet Scholl sind es inzwischen fast Schimpfwörter. Der Ex-Nationalspieler hatte mit drastischen Worten bemängelt, dass diese Trainer kaum noch Wert auf die individuellen Fähigkeiten wie das Dribbling legen würden, stattdessen müsse sich alles dem System unterordnen.

Auf Kwasniok trifft diese Kritik wohl nicht zu. In einem Interview wenige Tage vor seiner Trennung vom KSC bemängelte er ebenfalls die Ausbildung im Nachwuchs. Es gebe in Deutschland keine Spezialisten und keine Unterschiedsspieler mehr, jeder müsse alles können, erklärte er.

Das ist eine Seite, eine andere ist die Technik, die immer mehr Einfluss nimmt im Fußball. Seit dieser Saison darf ein Trainer auf der Bank während des Spiels Funkkontakt mit einem Übungsleiter auf der Tribüne aufnehmen. In Hoffenheim, Leipzig und anderswo stehen riesige Bildschirme neben den Plätzen, um auch im Training Lauf- und Passwege zeigen zu können. Immer mehr Daten werden erhoben, die deutlich mehr aussagen als die bisher üblichen wie Passquote, Ballbesitz und Torschüsse. Die neuen Indikatoren heißen Pressingindex, Raumkontrolle und Passeffektivität. Ermittelt werden die Daten mit aufwendigen Kamerasystemen. Informatiker der Sporthochschule Köln behaupten, dass man anhand dieser Indikatoren die oberen und unteren Tabellendrittel vorhersagen kann.

Es klingt ein bisschen nach Science Fiction, ist aber längst schon Realität. Der will sich nun auch Dynamo nicht länger verschließen. Kwasniok ließ die U19 zuletzt mit einer 5-5-0-Taktik spielen, also ohne Stürmer. „Mir stand einfach keiner in Topform zur Verfügung“, erklärte er. Die Situation erinnert stark an die jetzige bei Dynamo, wo ein Angreifer gesucht wird. Oder kopiert Kwasniok sein 5-5-0 in Dresden?

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Brandinger

    Liebe SZ-Redaktion, es muss "Schimpfworte" und nicht "Schimpfwörter" heißen. So viel redaktionelle Arbeit darf man schon erwarten, oder?! Freundliche Grüße!

  2. Hannes

    Also Herr Brandinger, mit Ihrem Intellekt sollten Sie doch wissen, dass der Nominativ Plural beide Formen zulässt.

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