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Dienstag, 18.10.2005

Mord als „Warnsignal“ der Mafia

Von Paul Kriener, SZ-Korrespondent in Rom

Der Killer war ein Profi; Datum und Schauplatz der Tat hatte er nach ihrem größtmöglichen Symbolwert gewählt. Deshalb gehen Ermittler und Zeitungskommentatoren davon aus, dass der Mord an Francesco Fortugno keine private Angelegenheit, sondern eine Botschaft an Italiens Öffentlichkeit war.

Später Sonntagnachmittag, ein Wahllokal in der Kleinstadt Locri; Italiens Opposition sucht ihren Spitzenkandidaten für die Parlamentswahl 2006. Francesco Fortugno, Vizepräsident des Regionalparlaments, hat eben gewählt, unterhält sich mit Freunden. Da tritt ein Vermummter auf den 54-Jährigen zu, feuert fünf Schüsse aus allernächster Nähe ab und verschwindet. Fortugno ist sofort tot.

Locri liegt an der Spitze des italienischen Stiefels. Die „Ndrangheta“, die kalabrische Mafia, hat dort das Sagen. Während sich in den vergangenen Jahren alle Augen auf die sizilianische Cosa Nostra richteten, galt die „Ndrangheta“ in ihrer Gefährlichkeit lange als unterschätzt. Nach zahlreichen lukrativen Entführungen vor zwei, drei Jahrzehnten hat sie kaum mehr landesweite Schlagzeilen produziert. Dafür hat sie in aller Stille ihr gesamteuropäisches Imperium aufgebaut: Die „Ndrangheta“ soll heute das Monopol im Kokainhandel mit und aus Südamerika innehaben.

Zu Hause terrorisiert sie die Region. Es vergeht praktisch kein Tag, an dem nicht Geschäfte abgebrannt, Autos zur Explosion gebracht oder Haustüren und Fenster beschossen werden. Bürgermeister oder Industrielle finden Pistolenkugeln in ihrer Post; die Gewerbetreibenden, Tourismusbetriebe auch, werden erpresst bis hin zur Geschäftsaufgabe. Etwa drei Viertel zahlen regelmäßig Schutzgeld, um ihre Ruhe zu haben.

Dramatische Situation

In einem dramatischen Brief an den Staatspräsidenten verlangt der Vorsitzende des kalabrischen Industriellenverbands, Pippo Callipo, mittlerweile sogar den Einsatz des Heeres: „Wir stehen im Krieg. Und anders kommen wir nicht mehr weiter.“ Anders als die hierarchische sizilianische Mafia ist die „Ndrangheta“ dezentral, in Familien, organisiert, deren genau abgesteckte Reviere das ganze Land überziehen.

Das jährliche Geschäftsvolumen der „Ndrangheta“ wird derzeit auf 35 Milliarden Euro geschätzt – die Mafia ist damit reicher und effizienter als die Region Kalabrien, die nur 29 Milliarden Euro erarbeitet. Kalabriens Wirtschaftsleistung liegt nur bei gut der Hälfte des italienischen Landesdurchschnitts, die Arbeitslosenquote mit fast 25 Prozent dafür beinahe dreimal darüber.

Agazio Loiero, Kalabriens neuer Regionalpräsident, hat schon im Wahlkampf deutlich gemacht, dass er gegen die Mafia vorgehen will. Sein erster Schritt, die Entlassung von siebzig höheren Verwaltungsfunktionären hat das „Gleichgewicht“ zwischen Staat und Organisiertem Verbrechen empfindlich gestört. Zugleich lässt Loiero die Region erstmals in allen Mafiaprozessen als zivilen Nebenkläger auftreten und Millionensummen an Entschädigung verlangen.

Das Attentat im Wahllokal wird so auch als Warnsignal an eine womöglich neue Regierung in Rom gewertet: Romano Prodis Linke sollen, bitteschön, die Geschäfte nicht stören, die unter Silvio Berlusconis Rechten so üppig blühen können.