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Mittwoch, 08.08.2018

Molotowcocktail-Werfer vor Gericht

Von Stephan Klingbeil

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Sowohl das Grillhaus am Puschkinplatz als auch die Shisha-Bar an der Pausitzer Straße waren 2015 Ziel der Brandanschläge. Fotos: Sebastian Schultz
Sowohl das Grillhaus am Puschkinplatz als auch die Shisha-Bar an der Pausitzer Straße waren 2015 Ziel der Brandanschläge. Fotos: Sebastian Schultz

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  • Sowohl das Grillhaus am Puschkinplatz als auch die Shisha-Bar an der Pausitzer Straße waren 2015 Ziel der Brandanschläge. Fotos: Sebastian Schultz
    Sowohl das Grillhaus am Puschkinplatz als auch die Shisha-Bar an der Pausitzer Straße waren 2015 Ziel der Brandanschläge. Fotos: Sebastian Schultz

Erst zerbarsten Glascheiben, dann loderten die Flammen. Zwei Männer waren in der Nacht vom 29. zum 30. September 2015 durch die Riesaer Innenstadt gezogen und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Dafür mussten sich an diesem Dienstag der 35-jährige Enrico R. aus Glaubitz und der 22-jährige Riesaer Rene H. am Landgericht Dresden verantworten. Brandstiftung, Diebstahl und anderes wurden dem polizeibekannten Duo zur Last gelegt. Der jüngere Angeklagte war zur Tatzeit ein Heranwachsender, weshalb der Prozess gegen beide vor der Jugendkammer stattfand.

Die Vorwürfe gegen die zwei Deutschen, die noch in der Tatnacht von der Polizei verhaftet wurden, wiegen schwer. Sie gestanden einen Teil der Taten, hätten aber kaum noch Erinnerungen daran. Nachdem sie damals Schnaps und Drogen konsumiert hatten, sollen sie im Rausch in einen Lottoladen eingebrochen sein und sich zweimal gewaltsam Zutritt in einen Netto-Einkaufsmarkt verschafft haben. Dabei gingen ebenfalls Scheiben zu Bruch. Es entstanden Sachschäden in vierstelliger Höhe.

Zudem nahmen die beiden Angeklagten Zigaretten im Wert von 600 Euro mit. Wie die Männer vor Gericht bestätigten, sollten mit dem Erlös aus dem Verkauf der Beute Drogenschulden beglichen werden. Doch in jener Nacht geschah noch mehr.

Das Duo soll zwei Molotowcocktails gegen die Einrichtung von Betreibern mit Migrationshintergrund geworfen haben. Zunächst blieb es beim Versuch der Brandstiftung. Das Duo war wohl mit einer mit Benzin gefüllten Plastikflasche unterwegs. Laut Anklage wurde zunächst eine Scheibe der Shisha-Bar in der Pausitzer Straße eingeworfen. Zum Glück konnte das Feuer rasch gelöscht werden. Es blieb bei Rußspuren an der Hauswand. Dann sollen die Beschuldigten einen Brandsatz auf das Grillhaus am Puschkinplatz geworfen haben.

Hier breitete sich das Feuer schnell aus. Die Dachkonstruktion der mit Holz verkleideten Rückseite des Häuschens sei bei dem Brand eingestürzt. Der jüngere Beschuldigte räumte ein, dass er beide Male am Tatort gewesen sei. Der 35-jährige Haupttäter hätte aber die Molotowcocktails geworfen.

Der ebenfalls jahrelang drogenabhängige Beschuldigte gab seine Beteiligung zu, verwies aber auch auf Erinnerungslücken, die ihm zufolge mit seinem Alkohol- und Crystalkonsum zusammenhingen.

Hatten die Brandanschläge mit Fremdenhass zu tun? Die Polizei erklärte damals, sie ermittle „in alle Richtungen“. So zogen die Beamten zunächst auch einen politischen Hintergrund in Betracht. In einer ersten Polizeivernehmung hieß es, dass einer der Angeklagten damals geschrien hätte: „Verschwindet aus Riesa!“ Jedoch haben die Ermittlungen keine Anhaltspunkte für einen rechtsextremen Tathintergrund ergeben, hieß es nun von der Staatsanwaltschaft. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters schlossen die beiden Angeklagten ein fremdenfeindliches Motiv aus. „Ich habe nichts gegen Ausländer“, sagte Rene H. Vielmehr hätte es im Vorfeld der Brandanschläge Streit mit zwei Türken aus dem Umfeld der Betreiber von Bar und Imbiss gegeben. Die Angeklagten und die zwei Männer kannten sich. Wie der Anwalt von Enrico R. vor Gericht erklärte, sei sein Mandant von einem der Männer zuvor übel beschimpft worden. Auch hätte der Türke mit einem Gullydeckel die Autoscheibe eines Bekannten von R. eingeworfen. Es sei um Drogen gegangen, offenbar wurden Schulden nicht bezahlt, hieß es. Ob es Ermittlungen in diese Richtung gab, konnte die Staatsanwaltschaft nicht bestätigen, ausgeschlossen sei es aber nicht. Letztendlich bat der Richter zu einem Rechtsgespräch. In der Folge wurden beide Verfahren noch vor der Zeugenbefragung eingestellt. Der 35-jährige Angeklagte war erst im November 2015 in Dresden unter anderem wegen Diebstahls mit Waffen zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt worden. Er wurde wegen guter Führung Ende 2017 entlassen und begann im Anschluss eine Drogentherapie.

Sein Verfahren wurde eingestellt, da die Riesaer Taten theoretisch schon bei seinem Prozess 2015 hätten mitangeklagt werden können. Die nun zu erwartende Gefängnisstrafe wäre im Vergleich zum damaligen Urteil nicht viel höher gewesen. Der 22-Jährige muss auch nicht in Haft. Sein Verfahren wurde nach Jugendstrafrecht vorläufig eingestellt. Als Auflage muss er jetzt zu Suchtberatung und Verhaltenstraining.