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Mittwoch, 08.11.2017

Mit Kuhmaske für Gleichberechtigung

Noch immer werden in Indien Mädchen abgetrieben oder nach der Geburt getötet, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Viele Inder wollen das nicht länger hinnehmen: Über soziale Medien vernetzen sie sich und protestieren für Frauenrechte - manchmal auf kreative Weise.

Von Karen Bauer

Der Fotograf und Künstler Sujatro Ghosh am 11. September 2017 auf dem Khan Market in Neu Delhi. Die Kuhmaske aus Gummi ist Requisite für sein Instagram-Projekt.
Der Fotograf und Künstler Sujatro Ghosh am 11. September 2017 auf dem Khan Market in Neu Delhi. Die Kuhmaske aus Gummi ist Requisite für sein Instagram-Projekt.

© dpa

Neu Delhi. Für sein Instagram-Projekt hat Sujatro Ghosh sogar Morddrohungen bekommen: Seit Anfang Juli reist der 24-jährige Künstler durch Indien und fotografiert Frauen mit einer Kuhmaske - vor dem Triumphbogen India Gate, beim Telefonieren, auf dem Basar, neben einer echten Kuh.

Viele Inder fühlen sich dadurch provoziert, denn Kühe sind ihrem hinduistischen Glauben zufolge heilig. Und seit Narendra Modi und seine hindu-nationalistische Partei BJP regieren, werden die Tiere besonders geschützt.

„Kühe sind in Indien mehr wert als Frauen“, sagt Ghosh. „Wer Kühen etwas antut, der wird gelyncht.“ Selbsternannte Kuhschützer verprügeln oder töten derzeit immer wieder Menschen, die Kühe transportieren oder verdächtigt werden, Rindfleisch zu essen. Die Täter sind radikale Hindus, die zur Stammwählerschaft der BJP gehören. Oft kommen sie ungestraft davon. Ghosh fährt fort: „Wenn eine Frau misshandelt oder vergewaltigt wird, dann zieht sich der Prozess oft Monate hin - wenn überhaupt etwas passiert.“

Ein unhaltbarer Zustand, finden viele junge Inder. Wie Sujatro Ghosh setzen sie sich deshalb für Frauenrechte ein. Unter dem Hashtag #AintNoCinderella posten Inderinnen etwa Fotos nächtlicher Parties und beharren so auf ihrer Bewegungsfreiheit. Anders als Aschenputtel aus dem Märchen wollen sie nicht hinnehmen, dass das Fest für sie um Mitternacht enden muss.

Zuvor war eine 29-jährige Inderin in der nordindischen Stadt Chandigarh nachts auf dem Heimweg von einem Einkaufszentrum von zwei Männern verfolgt und bedrängt worden. Selbst schuld, meinte der BJP-Politiker Ramveer Bhatti. Das Mädchen hätte so spät abends eben nicht allein draußen sein sollen, sagte er der „Times of India“.

Aktivisten wie @ladiesfinger oder @shesaysindia kämpfen auf Twitter unter dem Hashtag #LahuKaLagaan - übersetzt: Steuer auf Blut - gegen die Steuer auf Damenbinden. Denn viele arme Inderinnen können sich keine Hygieneartikel leisten. Sie leiden deshalb häufiger unter Infektionskrankheiten oder müssen während ihrer Periode zuhause bleiben.

Fronten im Kampf für Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt es viele: Auf 1 000 männliche Säuglinge kommen laut Volkszählung in Indien im Schnitt nur etwa 919 Mädchen. Obwohl es seit mehr als 20 Jahren verboten ist, Eltern vor der Geburt das Geschlecht ihres Kindes mitzuteilen, werden noch immer Mädchen abgetrieben oder kurz nach der Geburt getötet. Grund dafür ist unter anderem die hohe Mitgift, die die Brauteltern traditionell an den Bräutigam zahlen müssen. Jährlich werden außerdem mehr als 30 000 Vergewaltigungen angezeigt; die Dunkelziffer dürfte noch höher sein, schätzen Aktivisten.

Auch Belästigungen sind an der Tagesordnung. In der Metro in der Hauptstadt Neu Delhi gibt es deshalb für Frauen eigene Waggons - zu ihrem Schutz. Das ist gut gemeint und ermöglicht vielen Inderinnen, ohne Angst vor Übergriffen zu reisen, aber: „Es wäre toll, wenn Frauen in Delhi eines Tages keine eigenen Abteile mehr brauchen würden“, sagt Japleen Pasricha, Gründerin des Blogs „Feminism in India“. Sie kämpft dafür, dass Frauen im Netz, und damit auch im öffentlichen Raum, sichtbarer werden.

Einmal pro Monat veranstaltet sie deshalb in Delhi einen „Wikipedia-edit-a-thon“: Einen Tag lang schreiben die Teilnehmerinnen Wikipedia-Artikel über bekannte Inderinnen. Denn Frauen sind auf der Plattform unterrepräsentiert - sowohl was den Inhalt angeht, als auch was die Autorinnen betrifft. Dies wurde nach Recherchen der „New York Times“ 2011 erstmals publik. Studien der Universität Minnesota und der West Virginia University folgten, und im Jahr 2013 hat Wikipedia eine eigene „Gender Gap Task Force“ eingerichtet. Die Arbeitsgruppe soll der Geschlechterdiskriminierung entgegen wirken.

Ansätze gibt es also viele. Aber die Kampagnen erreichen längst nicht alle, denn Zugang zu sozialen Medien ist in Indien immer noch Luxus. Laut der Volkszählung 2011 leben etwa 70 Prozent der Inder auf dem Land, und nur etwa jeder Sechste nutzt dort das Internet.

Der Künstler Sujatro Ghosh trägt sein Projekt deswegen aus dem Netz auf die Dorfplätze: Mit seiner Kuhmaske reist er durchs Land und sucht nach neuen Fotomodels. Das sorgt für Aufsehen. Und selbst wenn die Frauen in einem Dorf nicht mitmachen wollen, erfährt zumindest die ganze Gemeinde von Ghoshs Kampf für Gleichberechtigung. (dpa)

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