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Mittwoch, 13.06.2018 Aus dem Gerichtssaal

Mit 80 Sachen Fußgänger umgefahren

Der Angeklagte überholte auf winterlicher Straße mehrere Fahrzeuge. Dem Geschädigten gibt er eine Mitschuld.

Von Jürgen Müller

Bei einem Unfall auf der Meißner Straße in Radebeul wurde ein Fußgänger schwer verletzt. Ein Autofahrer hatte mit knapp 80 Sachen überholt und den Fußgänger übersehen.
Bei einem Unfall auf der Meißner Straße in Radebeul wurde ein Fußgänger schwer verletzt. Ein Autofahrer hatte mit knapp 80 Sachen überholt und den Fußgänger übersehen.

© dpa

Meißen. Es ist früher Nachmittag im Januar vorigen Jahres, als ein 28-jähriger Dresdner nach Radebeul zur Arbeit fährt. Auf der Meißner Straße herrscht mäßiger Verkehr, die Straße ist verschneit, aber nicht glatt, die Sicht gut. Vier, fünf Fahrzeuge fahren vor dem Dresdner die vorgeschriebenen 50 Kilometer pro Stunde, doch das ist dem Mann in dem Opel Astra wohl zu langsam. Er setzt zum Überholen der Fahrzeugkolonne an, fährt in der Ortschaft mit mindestens 76 Kilometern pro Stunde, da passiert es. Er erwischt auf der Mitte der zwölf Meter breiten Straße mit seinem Auto einen Fußgänger, der gerade die Straße überquert. Der 61-jährige Mann wird durch die Luft geschleudert, erleidet schwere Verletzungen, zieht sich mehrere Rippenbrüche, einen Lungenkollaps, einen Lungenanriss und einen Kreuzbandriss zu. Zwei Wochen muss er im Krankenhaus bleiben, anschließend ist eine Rehabilitation nötig. Das Knie soll zunächst mit konventionellen Methoden geheilt werden, doch später muss doch eine Operation folgen. Noch heute leidet der Mann unter den Verletzungen. Zwar kann er wieder laufen, doch Joggen ist nicht drin.

Wegen fahrlässiger Körperverletzung sitzt der Opel-Fahrer nun vor dem Meißner Amtsgericht. Sein Verteidiger gibt eine Erklärung ab, betont, dass auch sein Mandant bei dem Unfall schwer verletzt wurde, sein Auto Schrott ist. „Er hat den Fußgänger nicht gesehen und auch nicht mit ihm gerechnet“, sagt der Anwalt und gibt dem Fußgänger eine Mitschuld. Der habe an dieser Stelle überhaupt nicht die Straße überqueren dürfen. Keine 100 Meter entfernt sei nämlich eine Fußgängerampel. Der Geschädigte sei „durch die Pkws gegangen“, habe auf der Mitte der Straße angehalten, in den Gegenverkehr geschaut und sei dann plötzlich losgelaufen. Sein Mandant habe gemerkt, dass er nicht mehr bremsen kann, habe deshalb Gas gegeben, um auszuweichen. Doch das habe nicht geklappt, das Auto habe den Mann seitlich erfasst.

Der Unfall tue ihm sehr leid, es sei „unglücklich gelaufen“, sagt der Angeklagte. Der Fußgänger habe in die andere Richtung geschaut, ihn deshalb nicht gesehen. Er hat sich bei ihm schriftlich entschuldigt. Eine persönliche Entschuldigung habe der Mann nicht angenommen. Die finanziellen Ansprüche seien von der Versicherung vollständig beglichen worden, behauptet der Verteidiger. Das stimmt aber nicht. Man streite sich immer noch um Geld, weil die Versicherung ihm eine Mitschuld an dem Unfall gebe, so der Geschädigte.

Immerhin gibt der Angeklagte zu, dass er zu schnell gefahren ist. „So um die 80 Sachen waren es schon“, sagt er. Per Strafbefehl wurde er zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen verurteilt. Das war ihm zu viel, zumal diese Vorstrafe ins Führungszeugnis eingetragen würde. Der Verteidiger will eine Geldstrafe von 70 Tagessätzen erreichen, doch da macht die Staatsanwältin nicht mit. Dagegen sprächen unter anderem die erheblichen Verletzungen des Geschädigten. „Man könnte sogar über eine Gefährdung des Straßenverkehrs nachdenken“, sagt sie.

Schließlich beschränkt der Verteidiger den Einspruch gegen den Strafbefehl auf die Höhe der Geldstrafe. Der Angeklagte wird wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 25 Euro, insgesamt also 2 250 Euro, verurteilt. Außerdem erhält einen Monat Fahrverbot. Die Staatsanwältin hatte drei Monate Fahrverbot gefordert.