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Donnerstag, 03.05.2018

„Mir ist schon etwas bange“

Die Mannschaft steckt tief im Abstiegskampf, doch der Abwehrchef kann nur zuschauen. Dabei braucht Dynamo dringender denn je einen wie Sören Gonther. Ein Gespräch über seine Situation – und die der Kollegen.

Er würde gerne helfen, kann aber nicht. Trotzdem weiß Sören Gonther, was im Abstiegskampf gefragt ist. Der 31-Jährige hat reichlich Erfahrung.
Er würde gerne helfen, kann aber nicht. Trotzdem weiß Sören Gonther, was im Abstiegskampf gefragt ist. Der 31-Jährige hat reichlich Erfahrung.

© Robert Michael

Herr Gonther, wie geht’s Ihnen und vor allem dem Kreuzband?

Dem neuen Kreuzband geht es gut, genauso wie mir. Ich liege im Plan – auch wenn das Training gerade jetzt doppelt anstrengend ist, weil sich das Bein erst wieder an die Belastung gewöhnen muss. Aber das sind eher muskuläre Dinge, das Knie ist super. Drehungen, Passspiel, Intervallläufe ohne Ball – das klappt alles.

Wie verfolgen Sie die Dynamo-Spiele?

Das ist extrem schwierig, auf der Tribüne oder vorm Fernseher zu hocken. Dafür bin ich nicht der Typ. Bei unseren Spielen bin ich total angespannt, viel mehr, als wenn ich selbst spiele. Da hätte ich wenigstens einen gewissen Einfluss. Deshalb ist mir hin und wieder schon etwas bange angesichts unserer Situation. Trotzdem bin ich hundertprozentig überzeugt, dass wir den Klassenerhalt schaffen.

Woran fehlt es Dynamo in dieser Saison, mal abgesehen von Punkten?

Man muss sich nur das Spiel vom Samstag anschauen: Düsseldorf hat seine Chancen genutzt, wir nicht – ähnlich wie zwei Wochen zuvor gegen Kiel.

Ist die mangelhafte Chancenverwertung das größte Problem?

Nicht nur. Wir müssen uns in dieser Saison vielmehr vorwerfen, dass wir zu viele Gegentore bekommen haben. 51 Gegentore in 32 Spielen – das sind ganz objektiv betrachtet zu viele. Gerade in Führung liegend haben wir viel zu viele Punkte hergegeben, weil wir defensiv zu viel zugelassen haben. Und defensiv hat nicht nur mit Abwehr und Torwart zu tun, das ist immer eine gesamtmannschaftliche Geschichte.

Viel wird derzeit über das Gegentor zum 1:2 gegen Düsseldorf und Torwart Marvin Schwäbe diskutiert. Hat Dynamo ein Problem zwischen den Pfosten?

Nein. Das ist für mich völliger Humbug. In so einer Situation die Schuld auf Einzelne zu schieben, ist absoluter Quatsch. Natürlich haben wir im Laufe der Saison – ich inklusive – immer wieder individuelle Fehler gemacht. Aber die Gegentore zuletzt waren alle eher gruppentaktische Sachen, bei denen wir uns als gesamte Mannschaft nicht gut verhalten haben. Also Fehlerketten, die so einfach nicht passieren dürfen. Am Ende ist der Torwart dann die ärmste Sau.

Stellt sich die Frage nach Führungsspielern, die solche Fehlerketten unterbinden könnten. Gibt es davon zu wenige?

Ich habe schon den Anspruch, so eine Rolle einzunehmen – falle aber fast die gesamte Saison aus. Auch Marco Hartmann hat verletzungsbedingt viele Spiele verpasst. Und in der Innenverteidigung war erst Florian Ballas öfter angeschlagen, jetzt fehlt Jannik Müller. Es geht dabei nicht nur um die Lautsprecher, sondern dass potenzielle Stammspieler zu lange ausgefallen sind. Das ist etwas, was eine Mannschaft in der zweiten Liga nicht immer auffangen kann.

Mit Ihrem Blick von außen: Worauf kommt es jetzt an?

Fakt ist: Jetzt zählen nur noch die Ergebnisse. Dass wir guten Fußball spielen, sollten wir trotzdem beibehalten. Und dann müssen wir unser eigenes Tor mit allen Mitteln verteidigen. Ein alter Trainer von mir hat mal gesagt, wir sollten uns vorstellen, die Familie sitzt hinten im Tor, und die müssen wir beschützen. Das ist eine Marschroute.

Erzgebirge Aue und Union Berlin sind die letzten Gegner, also ausgerechnet zwei Ostrivalen. Spielt das eine Rolle?

Natürlich, aber aus einem anderen Grund. Spiele gegen einen direkten Konkurrenten sind immer besser, weil man alles in der eigenen Hand hat. Für die Mannschaft selbst ist der Gegner aber total egal, gerade in dieser Saison. Die Liga ist so ausgeglichen, da macht es – wie man gesehen hat – kaum einen Unterschied, ob es gegen Aufsteiger Düsseldorf geht oder Absteiger Kaiserslautern. Auch das Spiel war unglaublich hart. Es geht nur darum, sich auf die eigenen Stärken, das eigene Spiel zu konzentrieren.

Können Sie abseits des Platzes Einfluss nehmen und der Mannschaft helfen?

Ich bin jeden Tag beim Training und in der Kabine, tausche mich regelmäßig mit dem Mannschaftsrat aus. Dabei versuche ich, meine Erfahrungen einfließen zu lassen, auch aus den vergangenen zwei Jahren, als ich mit St. Pauli im Abstiegskampf steckte. Wichtig ist, dass wir den Spaß am Fußball auch jetzt nicht verlieren. Nur so kann man erfolgreich sein. Eine gewisse Portion Lockerheit muss dabei sein, und dafür hat der Trainer ein gutes Händchen.

Nächste Saison stehen Sie wieder auf dem Platz. Wie oft haben Sie sich schon beim Gedanken an die 3. Liga ertappt?

Ich kann nicht leugnen, dass ich mir mal Gedanken gemacht habe, ob wir nächstes Jahr zum 1. FC Köln oder nach Meppen fahren. Aber ich habe anfangs ja schon gesagt: Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass die Mannschaft das Ding nach Hause fährt. Es ist also nicht so, dass ich nicht mehr schlafen kann.

Das Interview führte Tino Meyer.

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