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Ministerpräsident beim Obstbauern

Auf seiner Landkreis-Tour besucht Michael Kretschmer auch den Sörnewitzer Betrieb von Michael Görnitz. Und sieht den Einsatz gegen Hagel und Trockenheit.

15.08.2018
Von Uta Büttner

räsident beim Obstbauern
So funktioniert das mit dem Hagelschutznetz. Obstbauer Michael Görnitz (r.) erklärt Ministerpräsident Michael Kretschmer in seiner Apfelplantage die neue Technik.

© Arvid Müller

Coswig. Es ist heiß und trocken am Montagnachmittag. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) besucht auf seiner Tour durch den Landkreis Meißen auch das Obstbauunternehmen Görnitz auf seiner Apfelplantage zwischen Elbgaustraße und Cliebener Straße.

Die Wetterkapriolen dieses Jahres haben auf den Früchten Spuren hinterlassen. Inhaber Michael Görnitz zeigt die kleinen Flecken. Verursacht durch Hagelschlag. „Als Klasse-I-Ware kann ich diese Äpfel nicht mehr verkaufen“, erklärt der Obstbauer dem Ministerpräsidenten. Die beschädigten Äpfel seien nur noch als billigere Ware der Klasse II oder als Industrieware – also für Saft oder Mus – geeignet. Michael Kretschmer ist verwundert: „Ich würde diese Äpfel nehmen. Für mich ist das A-Ware“.

Damit bildet er die Ausnahme, meint der Obstbauer: „Dann haben Sie eine andere Wertvorstellung.“ Denn obwohl die Flecken kaum zu sehen sind und diese den Geschmack in keiner Weise beeinträchtigen, kaufen die Leute solche Äpfel nicht, erläutert Görnitz.

Laut Ministerpräsident ist es eine gesellschaftskulturelle Frage, was wirklich minderwertige Qualität ist. Hier ist ein Umdenken nötig. „Vielleicht kann ich einen Beitrag zur Bewusstseinsänderung leisten“, sagt Kretschmer. Beispielsweise mit einer Kampagne, damit die Leute auch solche Äpfel nehmen. Michael Görnitz ist begeistert: Das würde auch den Druck der Einzelhandelsketten vermindern.

Was die Landwirte aber noch dringender bräuchten, sind steuerfreie Risikorücklagen, sagt Görnitz. Also die Möglichkeit, erwirtschaftete Gelder aus guten Erntejahren zur Seite zu legen, um es im nächsten Jahr bei Bedarf einzusetzen: „Wir entnehmen dieses Geld ja nicht.“ Derzeit muss der Spitzensteuersatz von 45 Prozent gezahlt werden. Finanzen, die später fehlen. Beispielsweise für nötige Hagelschutznetze oder Bewässerungsanlagen. Als Zweites spricht Görnitz eine durch den Staat bezuschusste Mehrgefahrenversicherung an – gegen Verluste durch extreme Wettereinflüsse. Und zwar nicht nur für Obstbauern, sondern für alle Landwirte. Diese beiden Maßnahmen würden wirklich helfen, anstatt die „sinnlose Nachregelung“ bei Ertragsausfall, sagt Görnitz. Denn Betriebe wie seiner, die auch in diesem Jahr geerntet haben, bekommen dann kein Geld. „Aber wir hatten auch hohe Kosten für Bewässerungsanlagen“, sagt er.

„Eine Risikorücklage ist das Vernünftigste, was es gibt. Noch besser als die Versicherung“, pflichtet Kretschmer dem Obstbauern bei. Doch der Bund lehnt dies bisher strikt ab.

Eine weitere Hilfe für Landwirte wäre laut Görnitz ein höherer Fördersatz für investive Maßnahmen wie seine Hagelschutznetze. Derzeit liegt dieser bei 30 Prozent. Besonders ärgerlich war für ihn: Wenige Tage vor dem Aufbau hatten die Hagelkörner bereits großen Schaden angerichtet. Deshalb erwarte er einen Verlust in sechsstelliger Höhe. Denn für ein Kilogramm der beschädigten Früchte rechnet der Obstbauer nur noch mit zwei bis vier Cent. Auf acht allein belaufen sich jedoch die Pflückkosten.

Grund für die prognostizierten Niedrigpreise ist die diesjährige hohe Apfelproduktion in Polen. Und wegen des Russland-Embargos fällt dieser Markt weg, auch für Polen. Somit werden viele Importe aus dem Nachbarland erwartet, die den Preis enorm drücken werden. Mit dem dort bestehenden Stundenlohn von 2,90 Euro und einem ganz anderen Steuersystem können deutsche Obstbauern nicht konkurrieren, erläutert Görnitz. Da eine Lösung mit der Einführung eines Binnenmarktes wie in der Schweiz nicht möglich ist, „brauchen leistungsstarke Betriebe neue Exportmärkte“, sagt Michael Görnitz. Als Beispiele nennt der Geschäftsführer des Sächsischen Obstbauverbandes, Udo Jentzsch, Saudi-Arabien, Indien, China, Nordafrika.

Zur Sprache kamen außerdem der Fachkräftemangel und Möglichkeiten, bereits Kindern die Arbeit der Landwirte näherzubringen. Als krasses Beispiel erzählt Görnitz von Abiturienten, die nicht wussten, dass Stachelbeeren Stacheln haben. Gegen diese Unwissenheit müsse man etwas tun, erwidert Kretschmer. Beispielsweise könne das Programm Schule und Theater erweitert werden. Bauernhöfe könnten besucht und vielleicht auch zwei bis drei Stunden dort gearbeitet werden. „Die Schüler sehen dann, wie anstrengend diese Arbeit ist“, sagt Kretschmer.

Und dann ändert sich vielleicht auch ein stückweit das Bewusstsein der Menschen, dass auch Äpfel mit so einem minimalen Schaden wie den kleinen Flecken gekauft werden. Ein Ziel des Ministerpräsidenten.