erweiterte Suche
Freitag, 10.08.2018

„Mieten haben die Schmerzgrenze erreicht“

Peter Bartels, der Vorsitzende des Dresdner Mietervereins, warnt vor steigenden Kosten und wachsender Wohnungsnot.

Von Franziska Klemenz

31

Bild 1 von 2

 Leer stehen vor allem teure Neubauten. Bartels Lösung: Viel mehr städtischer Wohnungsbau.
Leer stehen vor allem teure Neubauten. Bartels Lösung: Viel mehr städtischer Wohnungsbau.

© Sven Ellger

  •  Leer stehen vor allem teure Neubauten. Bartels Lösung: Viel mehr städtischer Wohnungsbau.
    Leer stehen vor allem teure Neubauten. Bartels Lösung: Viel mehr städtischer Wohnungsbau.
  • Peter Bartels (73) sieht den Wohnungsleerstand unter zwei Prozent als Indikator für eine Wohnungsnot in Dresden.
    Peter Bartels (73) sieht den Wohnungsleerstand unter zwei Prozent als Indikator für eine Wohnungsnot in Dresden.

Herr Bartels, wie beurteilen Sie die derzeitige Lage der Mieter in Dresden?

Schwierig. Wir sind am Anfang einer Situation, die uns Verhältnissen wie in München, Hamburg und anderen deutschen Großstädten näherbringt. Wir haben einen vermietbaren Wohnungsleerstand unter zwei Prozent. Neu gebaute Wohnungen stehen leer, weil sie sich kaum einer leisten kann. Außerdem wird die Zahl der Obdachlosen in Dresden immer größer – auch das ist ein Indikator für neue Wohnungsnot.

Wie viele Mieter suchen denn gerade?

Das kann ich nicht sagen. Wir vermitteln keine Wohnungen, wir beraten beim Mietrecht. Was auffällt: In letzter Zeit geht die Zahl der Anfragen zur Prüfung eines neuen Mietvertrags deutlich zurück. Von 1995 bis etwa 2007 hatten wir einen Mietermarkt. Vermieter waren Konkurrenten. Etwa seit 2015 haben wir eine neue Wohnungsnot. Jetzt haben Vermieter das Sagen.

Sollte man Eigentümer werden, die eigene Wohnung kaufen, statt zu mieten?

Nein. Wohnen zur Miete ist heutzutage in großen Städten die ideale Form. In unserer Gesellschaft muss man flexibel sein. Was passiert denn, wenn ich in meiner eigenen Wohnung lebe, meinen Job verliere oder den Arbeitsort wechseln muss?

Apropos flexibel: Wie schätzen Sie die Situation für junge Familien ein?

Wer in den letzten fünf Jahren eine Familie gegründet und Kinder bekommen hat, hat ein großes Problem. Oft werden bis zu 50 Prozent vom Einkommen für die Miete ausgegeben. Leere Wohnungen haben wir nur im teuren Neubaubereich und im unsanierten Wohnungsbestand. Diese Bauten befinden sich meist in Vierteln mit einfachen Wohnlagen, an verkehrsreichen Straßen oder im fünften oder sechsten Stock von Plattenbauten. Außerdem besteht die Gefahr, dass man plötzlich raus muss, wenn doch saniert wird.

Und wie sieht es für die Rentner aus?

Rentner leben zum Teil in Wohnungen, die eigentlich zu groß für sie geworden sind. Rentner, die in eine kleinere Wohnung umziehen möchten, machen es nicht, da sie teurer als ihre große Wohnung sind.

Ist die Stadtverwaltung schuld?

Es ist ein langfristiges Konzept erforderlich, um vor allem einkommensschwachen Haushalten ein angemessenes Wohnen zu ermöglichen. Dresden hat als einzige Stadt in Deutschland ihre kommunalen Wohnungen vollständig verkauft, und zwar zu einem Zeitpunkt, als schon absehbar war, dass wir eine wachsende Stadt sind.

Geht die Stadt mit der neuen Wohnungsbaugesellschaft „Wohnen in Dresden“ in die richtige Richtung?

Ja, unbedingt. Aber man muss bedenken, welchen Aufwand wir nun betreiben müssen, um ein Wohnungsunternehmen auf die Beine zu stellen, das in unserer Stadt Einfluss nehmen kann, damit auch Bürger mit geringem Einkommen angemessen wohnen können. Oder um effektiv bei der Stadtentwicklung eine Linie vorgeben zu können. Diese Ziele erreichen wir erst, wenn das Wohnungsunternehmen über einen Anteil von mindestens zehn Prozent der Wohnungen verfügt – 30 000 Stück.

Profitieren genug Einkommensschwache von den Bauten der WiD?

Derzeit verfügen wir über etwa 25 000 Haushalte, die Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein für Sozialwohnungen haben. Berücksichtigt man die Einkommens- und Kostenentwicklung der letzten Jahre, müssten es 85 000 Haushalte sein. Gerade laufen Diskussionen, wie wir den Kreis der Berechtigten erweitern können.

Machen Sie der Vonovia Vorwürfe?

Die Vonovia ist nun mal ein gewinnorientiertes Unternehmen, das vor allem seine Aktionäre glücklich machen muss. Im Moment nutzt die Vonovia deutschlandweit die Wirtschaftslage und hohe Umlagequoten aus und modernisiert ihren Bestand. Das bedeutet zukünftig Mieterhöhungen um bis zu 30 Prozent. Allen Betroffenen empfehle ich, Modernisierungsankündigungen und Mieterhöhungen prüfen zu lassen. Wir haben festgestellt, dass die Vonovia hier auch Fehler macht.

Welche?

Die Vonovia versucht, wie auch andere Vermieter, ihre Vorstellungen durchzusetzen, indem sie etwa aus einer einfachen eine mittlere Wohnlage macht. Für eine mittelgroße Wohnung kann das bei der Mieterhöhung bis zu 20 Euro im Monat bedeuten.

Wie kann man sich wehren?

Der Bürger kann seine Wohnlage leicht von der Stadtverwaltung prüfen lassen. Sie bekommen binnen ein bis zwei Tagen eine Mitteilung über die Einordnung der Wohnlage. Unsere Erfahrung zeigt, dass auch das Gericht in der Regel zur gleichen Einordnung kommt; eine Reihe von Vermietern musste da schon den Kopf einziehen.

Haben Sie Hoffnung auf eine Neuauflage früherer Mietverhältnisse?

Eine Zeit wie von 1995 bis 2007 wird es voraussichtlich nicht wieder geben. Der damalige Wohnungsleerstand, der auch noch gut über das gesamte Stadtgebiet verteilt war, kam nur zustande, weil Bürger, die ihre Arbeit verloren hatten und außerhalb Dresdens eine annehmen mussten. Heute haben wir einen starken Zuzug. Die Stadt wächst, die Miete bemisst sich nach der äußersten Schmerzgrenze der Mieter.

Klingt düster.

Mehr städtischer Wohnungsbau kann die Lage ändern. Bis dahin könnte eine Einführung der Mietpreisbremse in Sachsen die Entwicklung dämpfen. Derzeit ist das Bundesgesetz ein zahnloser Tiger; Änderungen sind vorgesehen. In Sachsen fehlt die notwendige Landesverordnung noch immer.

Das Gespräch führte Franziska Klemenz.

Leser-Kommentare

Seite 1 von 7

Insgesamt 31 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Micha

    Den Vorsitzenden des Dresdner Mietervereins nach den Vorteilen von Eigentum zu befragen dürfte ähnlich sinnvoll sein wie einen Veganer zu den Vorzügen eines saftigen Bratens zu interviewen...

  2. Friedemann

    Nachdem unsere tolle CDU an städtischen Eigentum verscherbelt hat, was nicht niet- und nagelfest war, so u..a. die Woba. und mit der Abrissbirne durch Wohngebiete gefegt ist, brauchen wir uns über steigende Mieten nicht zu wundern. Dabei sollte doch jedem CDU-Wirtschaftsexperten klar sein, dass die Differenz zwischen Nettoeinkommen und Wohnkosten der Betrag ist, der zum Leben übrig bleibt. Sind die Wohnkosten niedriger, braucht man unter Umständen nicht so hohe Löhne zu zahlen, ein leichter Standortvorteil. Kapiert?

  3. Titania

    Man könnte auch einfach aufhören, Gewerbeflächen auszuweisen. Dann würde Bosch vielleicht in Kamenz bauen und die Leute könnten einfach in Ostsachsen bleiben. Oder die Regierungsbehörden geben ein paar Stellen nach Döbeln ab, da könnte man auch gut wohnen.

  4. Radebeuler

    Kleiner Tipp: Weniger Parkflächen, weniger Tiefgaragen, weniger Parkhäuser, weniger Shoppingtempel, schmalere Straßen, ... schon wäre Platz für Wohnraum. Als Nichtdresdner könnte man glauben, die Dresdner mögen es so, wie es ist.

  5. Stefan

    Eine Anmerkungen von einem, der gerade eine Wohnung suchte: Die Wohnlage findet man recht einfach im Internet heraus. Dresden stellt eine benutzerfreundliche Website bereit, auf der man den Mietspiegel errechnen kann. Dumm nur, dass ein Großteil der Vermieter sich nicht an diesem orientieren muss! In Pieschen wird mir eine Wohnung in einfacher Lage für 9,50/m² angeboten. Der Mietspiegel sagt mir, dass der Maximalpreis für diese Art von Wohnung bei 7,20 € liegt, durchschnittlich werden nur 6,34 € gezahlt. Darauf angesprochen, dass ich nun um die Hälfte mehr zahlen soll, meint der Vermieter lakonisch, dass er sich hier an keine Mietpreisbremse halten müsse. Kein Entgegenkommen, z. B. auch kein Monat ohne Kaltmiete. Laut Immobilienportal steht die Wohnung schon seit zwei Monaten leer. Es gibt keinen Grund für die Vermieter, an ihrer Praxis etwas zu ändern. Was ich jetzt nicht verstanden habe: Wäs spricht denn gegen eine Mietpreisbremse, wie andernorts üblich?

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 7

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.