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Mittwoch, 16.05.2018

Messerstecherin soll ins Gefängnis

Die 60-Jährige hatte einem Mann in den Hals gestochen. Der überlebte nur durch Zufall. Die Frau flüchtet sich in Erinnerungslücken.

Von Jens Hoyer

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Am 14. Dezember hatte die Polizei das eigene Revier als möglichen Tatort mit Flatterband abgesperrt. Am Hintereingang war ein schwer verletzter Mann gefunden worden. Die Blutspur führte ums Haus.
Am 14. Dezember hatte die Polizei das eigene Revier als möglichen Tatort mit Flatterband abgesperrt. Am Hintereingang war ein schwer verletzter Mann gefunden worden. Die Blutspur führte ums Haus.

© Archiv/Jens Hoyer

  • Am 14. Dezember hatte die Polizei das eigene Revier als möglichen Tatort mit Flatterband abgesperrt. Am Hintereingang war ein schwer verletzter Mann gefunden worden. Die Blutspur führte ums Haus.
    Am 14. Dezember hatte die Polizei das eigene Revier als möglichen Tatort mit Flatterband abgesperrt. Am Hintereingang war ein schwer verletzter Mann gefunden worden. Die Blutspur führte ums Haus.
  • Auf der Treppe zum Haus Burgstraße 19 haben die Kriminaltechniker Blutspuren gesichert.
    Auf der Treppe zum Haus Burgstraße 19 haben die Kriminaltechniker Blutspuren gesichert.

Döbeln. Am 14. Dezember vergangenen Jahres hatte die Polizei in Döbeln das eigene Polizeirevier zum Tatort erklärt. Hinter der Absperrung mit Flatterband waren an einigen Stellen größere Blutlachen zu sehen. Einige Stunden zuvor war ein damals 55 Jahre alter Mann an der Toreinfahrt zum Hof des Reviers fast verblutet. Die Polizeibeamten fanden ihn gerade noch rechtzeitig und holten den Rettungsdienst. Schnell stellte sich heraus: Eine Frau hatte dem Mann in den Hals gestochen. Am Mittwoch musste sich die 60-Jährige vor dem Amtsgericht Döbeln wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Die kleinere hagere Frau, die neben ihrem Rechtsanwalt Karsten Opitz Platz genommen hatte, hätte die Öffentlichkeit gerne ausgeschlossen. Aber Richter Janko Ehrlich lehne den Antrag auf eine nichtöffentliche Verhandlung ab. Die Begründung, dass die Frau unter einer posttraumaischen Belastungsstörung leidet und Angst vor großen Menschenansammlung hat, erschien ihm nicht ausreichend. Die EU-Rentnerin, der ein ermittelnder Kriminalbeamer hohe Intelligenz nachsagt, hätte fast einen Menschen umgebracht. Nach einer Nacht, die sie mit einer nicht näher definierten Menge billigen Weinbrands verbrachte, kam es zu der Bluttat. Ein wirklicher Grund kam auch in der Verhandlung nicht zutage.

Der verletzte Mann wohnt im Haus gegenüber und kam seit Jahren jeden Morgen zum Frühstück in die Wohnung der Angeklagten. Auch an diesem Tag stand er früh vor der Tür, holte einen Eimer Kohlen aus dem Keller, während die Gastgeberin Kaffee kochte. Das gemeinsame Frühstück eskalierte offenbar, wobei sich die Angeklagte in angeblichen Gedächtnisverlust flüchtete. Immerhin gab sie zu, dass sie es gewesen sein könnte. Bei der Polizei machte sie damals in der Vernehmung detailliertere Angaben. Zumindest, nach einigen Zigarettenpausen, wie der Kriminalbeamte in der Verhandlung erklärte. Es hatte wohl Streit um Geld gegeben. Der Mann habe sich immer nur bei ihr durchgeschlaucht. Noch während des Frühstücks ging die Frau in die Küche, holte ein Messer und kam ins Wohnzimmer zurück, wo ihr Gast im Sessel saß. „Ich versuchte sie noch zurückzuhalten“, erklärte das Opfer in der Verhandlung. Aber die Frau wechselte das Messer in die linke Hand und stach ihm in den Hals.

Der Verletzte verließ die Wohnung, schleppte sich in Richtung Polizeirevier, wo ihn Beamte am Tor stehen sahen. Als sie nachfragten, ob er Hilfe braucht, habe dieser verneint. Die Wunde sei unter der Kleidung verborgen gewesen. Andere Polizisten fanden den Mann wenig später auf dem Rasen liegend vor. Die Blutspur ließ sich bis zum Eingang des Polizeireviers zurückverfolgen, sagte ein Beamter aus. Die Polizisten gingen in die Wohnung des Mannes und schlossen sie als Tatort aus. Nach einem Hinweis fanden sie die Blutspur auf der anderen Straßenseite wieder. Die Tatverdächtige fanden die Polizisten schlafend auf der Couch im Wohnzimmer vor. Auf dem Kacheltisch, wo eine halb leere Schnapsflasche stand, war eine Blutlache, auch der Sessel war blutverschmiert. Auf dem Tisch lag das Messer.

An der Täterschaft der Frau hatten weder die Staatsanwaltschaft noch der Verteidiger Zweifel. Auch nicht darüber, dass wegen der Alkoholisierung – bei der Angeklagten wurden 2,2 Promille festgestellt – ein Fall von verminderter Schuldfähigkeit vorliegt. Richter Janko Ehrlich verurteilte die 60-Jährige, die über viele Jahre nicht straffällig geworden war, wegen gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahr und zehn Monate Haft. Einen Grund, die Strafe zur Bewährung auszusetzen, sah der Richter nicht. „Es ist nicht im Affekt passiert. Sie haben das Messer erst aus der Küche geholt“, sagte er in der Begründung. „Wenn der Mann in seine Wohnung gegangen wäre, dann wäre er tot.“ Das Opfer hat keine bleibenden Schäden davongetragen und musste nur eine Woche im Krankenhaus zubringen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Eine Woche hat die Verteidigung Gelegenheit, Berufung einzulegen.