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Sonntag, 25.03.2012

Mazda ist der neue Renner bei den Autodieben

In Görlitz steigt der Fahrzeugklau weiter. Trotz aufwendiger Ermittlungen sind Fahndungserfolge der Polizei selten.

Von Ralph Schermann

Frau Inge aus Königshufen legt am Abend in ihren nagelneuen Mazda ein duftendes Paket Kaffee. „Der soll den Plastegeruch wegnehmen“, sagt sie. Am nächsten Morgen ist jedoch noch viel mehr weg. Das gesamte Auto fehlt. Doch den Kaffee trifft keine Schuld.

Schuld daran ist die Grenzkriminalität. Zu deren Bilanz 2011 gehören in der Oberlausitz 786 Fahrzeugdiebstähle einschließlich solcher Versuche. 869 waren es 2009. Das klingt nach Rückgang, ist es aber nicht. „Es gibt da eine Verdrängung, die immer wieder variiert. Derzeit liegt der Schwerpunkt in Zittau sowie zwischen Görlitz und Weißwasser, doch die Autodiebe sind auch in Großstädten wie Dresden, Leipzig oder Cottbus am Werk“, sagt Gerd Lange.

Tendenz ist weiter steigend

Der Kriminalist leitet die achtköpfige Sonderkommission „Mobile“, die 2008 aufgestellt wurde. Nach Wegfall der deutsch-polnischen Grenzkontrollen kletterten damals die Autodiebstähle schlagartig in enorme Höhen, erinnert sich der Erste Kriminalhauptkommissar. Allein in der Stadt Görlitz gab es damals 82 Fälle, 2009 waren es schon 131, und für 2011 nennt die Statistik 154 Fälle. Die Tendenz dieser Straftaten ist weiter steigend. Und seit Dezember 2011 wiederholt sich dabei ein Phänomen, was bereits 2010 über mehrere Monate auftrat und Fahrzeuge japanischer Hersteller betrifft: Plötzlich konzentrieren sich die Diebe wie wild auf erst Toyota und nun Mazda. „Etwa jeder zweite Fahrzeugdiebstahl in Görlitz betrifft zurzeit die Marke Mazda“, sagt einer der Auswerter in der SoKo, Kriminalhauptmeister Falko Schirmer. Warum das so ist, können Ermittler allerdings nur vermuten: „Offenbar besteht bei den Ersatzteilverwertern aktuell eine große Nachfrage“, überlegt Falko Schirmer. Er weiß aus seinen Vergleichsreihen aber auch, dass sich das in den nächsten Monaten durchaus wieder ändern dürfte: „Konstant als Spitzenreiter bleibt seit Jahren bei den gestohlenen Autos trotz aller Schwankungen wie gehabt die VW-Gruppe.“

Aufklärung ist sehr schwierig

Die Aufklärung ist sehr schwierig, die Quote erreicht beim Fahrzeugdiebstahl nie mehr als 15 Prozent. Wer nicht auf frischer Tat ertappt wird oder in eine Fahndungskontrolle gerät, ist weg. „Keine Frage, überwiegend verschwinden die Fahrzeuge ins Ausland“, bestätigt Gerd Lange. Da täuscht auch nicht die Tatsache, dass von den rund hundert voriges Jahr wieder aufgefunden Fahrzeugen 75 in Deutschland standen. „Das hängt damit zusammen, dass Diebe, die sich verfolgt sehen, die Wagen stehen lassen.“ Und wie weiträumig Diebe agieren, schildert Gerd Lange an einem Fall von Anfang März: „In Dresden wurde ein Autodieb festgenommen. Ihm waren Spuren zuzuordnen, die zu Fahrzeugdiebstählen in Hagenwerder, Krauschwitz und Boxberg führten.“

Und nicht lange zurück liegt auch der Fall des in Zittau gestohlene Autos, mit dem am Bagger in Hagenwerder gestohlenes Buntmetall abtransportiert wurde. „Auch so etwas ist oft ein Grund für Autoklau, die meisten und höherwertigen Fahrzeuge indes werden zur Ersatzteilgewinnung zerlegt, oder sie werden mit gefälschten Papieren verkauft“, schildert der SoKo-Leiter.

Noch immer gelangen deshalb viele gestohlene Fahrzeuge bis nach Osteuropa. In Litauen gibt es gleich nach der Grenze riesige Verwerterhallen, teils schon geordnet nach den einzelnen Fahrzeugtypen. Polizeiliche Arbeit scheint dagegen machtlos, denn eine Zuordnung von einzelnen Teilen zu einem Diebstahl ist dort kaum noch möglich. Viel zu wenig Fahrzeugteile tragen tatsächlich tpyspezifische Kennzeichnungen.

Polizei arbeitet über Grenzen

Gerd Lange weiß aber auch, dass Fahrzeuge immer öfter gleich hinter den deutschen Grenzen in Polen und Tschechien ausgeschlachtet werden. „Da trifft man mittlerweile auf ein Netz von alten Garagen, stillgelegten Betrieben oder Scheunen, das sehr schnell gewechselt und über das von der Bevölkerung kaum gesprochen wird“, weiß er von seinen Kollegen von jenseits der Neiße. Seitens der SoKo hilft fast täglich ein Beamter in Polen bei der Zuordnung festgestellter Fahrzeugteile, und „nur Dank der guten Zusammenarbeit mit polnischen und tschechischen Polizisten konnten 2011 tatsächlich mehrere Autoklau-Fälle geklärt werden“.

Dennoch gibt es kein Görlitzer Aufatmen: Sind Autos einmal weg, kommen sie kaum zurück. Gerd Lange erklärt, warum kriminalistische Arbeit dabei so kompliziert ist: „Bei einem Mord hat man die Leiche, beim Laubeneinbruch ist die Laube noch da, doch beim Autoklau ist der komplette Tatort verschwunden.“ Und mit ihm manchmal sogar ein Päckchen Kaffee.