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Freitag, 15.08.2003 DDR-Geschichte

Margot stärkt die kirchliche Friedensarbeit

Von Hans-Jürgen Röder

Im Weltbild der SED gab es nur gute und böse, arme und reiche, friedliche und aggressive Menschen. Die DDR selbst stand auf Seiten der Sieger der Geschichte, die sich unter Moskaus Führung gegen den Imperialismus und sein aggressives Wesen zur Wehr setzen musste. Nach dem Willen der SED-Führung sollte dies Sache aller sein, also auch der Frauen, Jugendlichen und Kinder.

Nur ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg dahin war die Einführung von Wehrunterricht vor 25 Jahren für die neunten und zehnten Klassen der allgemein bildenden Schulen. Und dennoch hat diese Entscheidung wie nur wenige zuvor die Gemüter in der DDR schon im Vorfeld kräftig erregt. Sie gab aber auch nachhaltige Impulse für die kirchliche Friedensarbeit.

Dabei klang das, was mit Beginn des neuen Schuljahres am 1. September 1978 an den Polytechnischen Oberschulen zum Pflichtfach wurde, angesichts der bereits bestehenden Praxis eher harmlos.

Freund-Feind-Denken

in Frage gestellt

Jeweils vier theoretische Unterrichtsstunden in der 9. und 10. Klasse „zu Fragen der sozialistischen Landesverteidigung“ sah die Direktive von Volksbildungsministerin Margot Honecker vor. Hinzu kam jedoch am Ende des 9. Schuljahrs ein vormilitärisches Ausbildungslager für die zum Teil erst 14-jährigen Jungen. Es sollte freiwillig sein und sich über zwei Wochen erstrecken, in denen auch Waffenausbildung vorgesehen war. Wer sich dagegen wehrte, konnte den für Mädchen konzipierten Lehrgang „Zivilverteidigung“ mitmachen. Außerdem waren im 10. Schuljahr „Tage Wehrbereitschaft“ vorgesehen, auf drei Tage begrenzt und für Jungen und Mädchen gleichermaßen Pflicht.

Die regionalen Kirchentage des Sommers 1978 in Erfurt, Leipzig und Stralsund brachten das geplante Pflichtfach immer wieder zur Sprache, sei es in Arbeitsgruppen, die nach den Aufgaben kirchlicher Friedensarbeit fragten, sei es in Podiumsdiskussionen mit Bischöfen und anderen leitenden Mitarbeitern der Kirchen. Dieses Drängen veranlasste die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen, ein Studien- und Aktionsprogramm „Erziehung zum Frieden“ in Auftrag zu geben, das nur wenige Wochen nach Einführung des Wehrunterrichts in den Kirchgemeinden die Runde machte.

Anliegen dabei war es, die Gemeinden zur Friedensarbeit anzuregen, um der staatlichen Militarisierung Wege gewaltfreier Konfliktbewältigung entgegenzusetzen. Angefragt war nicht nur das ausgeprägte Freund-Feind-Denken der SED, sondern auch das in Ost und West verfolgte Konzept einer militärischen Friedenssicherung. Die Resonanz blieb nicht aus. In vielen Kirchgemeinden entstanden kleine Friedensgruppen, die nach dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“ und „Schwerter zu Pflugscharen“ der SED-Doktrin „Der Friede muss bewaffnet sein“ widersprachen. Was dabei in den 80er Jahren an Ideen und Anregungen zur Sprache kam, ist auch außerhalb der Kirchen nicht ohne Wirkung geblieben. Der Ruf „Keine Gewalt“ trug schließlich im Herbst 1989 zur friedlichen Revolution bei. (epd)