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Dienstag, 12.07.2016

„Manchmal bekomme ich die Krise“

Über die Zukunft der Kleingartenanlagen und das Alter der Laubenpieper spricht Verbandschef Gerhard Schlender.

Von Mario Heinke

Gerhard Schlender (65), Vorsitzender und Geschäftsführer des Territorialverbandes Zittau der Kleingärtner im Büro am Martin-Wehnert-Platz.
Gerhard Schlender (65), Vorsitzender und Geschäftsführer des Territorialverbandes Zittau der Kleingärtner im Büro am Martin-Wehnert-Platz.

© Mario Heinke

Zittau. Der Stadtrat hat in seiner jüngsten Sitzung ein Konzept zur Entwicklung der Zittauer Kleingartenanlagen bis zum Jahr 2030 beschlossen. Im Konzept sind die Sparten bewertet und in drei Kategorien eingeteilt worden. Maßgeblichen Anteil an der Erarbeitung des Papiers hat der Territorialverband Zittau der Kleingärtner. Gerhard Schlender, Vorsitzender und Geschäftsführer spricht mit der SZ über aktuelle Probleme und die Zukunft der Kleingärtner in der Stadt.

Herr Schlender, haben die Zittauer Kleingartenanlagen eine Zukunft?

Ja, ich glaube schon, wenn auch in der Zukunft nicht alle. Wenn ich mir das Durchschnittsalter unserer Kleingärtner anschaue, bekomme ich aber manchmal die Krise. In den kommenden zehn Jahren wird sich der Leerstand von Parzellen in den Gartenvereinen deutlich erhöhen. Schon jetzt füllen die Neuzugänge die Abgänge nicht auf. Das war auch ein Grund, dass wir mit Stadträten gesprochen und die Erarbeitung der Kleingartenkonzeption angeregt haben. Nun darf man nicht nur ein Kleingärtner und dessen Laube sehen. Kleingartenanlagen sind wesentlich mehr, allein durch die Vielfalt dessen, was auf diesen Flächen blüht und gedeiht, die Artenvielfalt an Insekten und Kleingetier. Es gibt keine Fläche in der Stadt und auf dem Land, wo die Vielfalt auf engsten Raum größer ist als in einer Kleingartenanlage. Sie sind grüne Inseln in der Stadt und beeinflussen das Klima positiv.

Das Konzept liegt nun vor, gab es für Sie Überraschungen?

Nein, unser Verband vertritt 2 637 Kleingärtner in 53 Kleingartenvereinen, davon 28 Zittauer Vereine. Wir kennen die Probleme, jetzt haben wir es schriftlich. Dass die SZ die Einteilung der Zittauer Anlagen in drei Kategorien veröffentlichte, sorgte unter den Kleingärtnern für einige Unruhe und war in dieser Form so nicht angedacht. Da könnten wir gleich aufhören, sagten mir einige Kleingärtner. Es ist doch aber klar, dass keine Anlage von heute auf morgen einfach geschlossen wird. Wenn der Leerstand in dem einen oder anderen Verein aber schon heute 60 Prozent beträgt, sollte man schon über die Verkleinerung bzw. Rückbau betroffener Anlagen nachdenken dürfen. Mir ist auch klar, dass Sie einen 75-Jährigen nicht so leicht davon überzeugen können, eventuell eine Parzelle in einem anderen Gartenverein anzunehmen.

Sie können also nicht eingreifen, um Ordnung herzustellen?

Nein, wir als Verband wollen und können nicht vereinsintern eingreifen, da die Vereine juristisch selbstständige Körperschaften sind. Das Konzept kann aber helfen, dass betroffene Vereine, die ihre Anlagen oder Teile davon schließen wollen, nicht mit den Kosten für den Rückbau allein gelassen werden. Wir möchten, dass Flächenstilllegungen im Einvernehmen und in Zusammenarbeit mit der Stadt erfolgen.

Warum ist es so schwer, neue Kleingärtner zu finden?

Ich bin seit 1976 Kleingärtner, seither hat sich viel verändert. Für die junge Generation steht heute mehr der Erholungsfaktor im Vordergrund, nicht in erster Linie die Versorgung mit selbstangebautem Obst und Gemüse. Obwohl das nicht auf jeden jüngeren Kleingartenfreund zutrifft. Die Vereine reagieren schon großzügiger, was die Auslegung der Vorschriften angeht, nur alles hat eben seine Grenzen, um nicht die Gemeinnützigkeit eines Kleingartenvereins zu gefährden. Ich kenne keinen Vorstand, der die Einhaltung des Bundeskleingartengesetzes mit dem Zollstock überprüft. Um speziell auf Ihre Frage zu antworten: Schwer ist es darum, weil einfach zu wenige junge Menschen in unserer strukturschwachen Gegend vorhanden sind.

Sind die Grenzen, die das Bundeskleingartengesetz festlegt, zu eng gefasst?

Das Gesetz regelt die kleingärtnerische Nutzung und dessen Einhaltung ist die Voraussetzung für die Anerkennung der Gemeinnützigkeit der Kleingartenvereine. Die niedrige Pacht für die Parzelle ist an die Gemeinnützigkeit gekoppelt. Das wird leider oft vergessen. Es gibt in Sachsen schon mehrere Fälle, wo Vereine ihre Gemeinnützigkeit aberkannt bekommen haben, und dann stehen diese Vereine vor dem Problem, dass der Verpächter sich nicht mehr an den ortsüblichen Höchstpachtzins orientieren muss. Im Durchschnitt beträgt der Pachtzins im Verband 8 Cent/Quadratmeter und beim Wegfall der Gemeinnützigkeit bestimmt der freie Markt den Preis.

Was tut der Territorialverband der Kleingärtner?

Wir fördern den Erhalt der Kleingartenanlagen in Zittau und Umgebung, vertreten die im Territorialverband Zittau der Kleingärtner organisierten Vereine im Landesverband Sachsen, beraten die Mitgliedsvereine in fachlicher und organisatorischer Hinsicht, helfen bei Problemen und bieten jährlich Schulungen für Vorsitzende, Schatzmeister und Kleingartenfachberater an. Die umfassenden Kenntnisse zu den Fachthemen holen sich Vorstandsmitglieder des Territorialverbandes in Schulungen des Landesverbandes Sachsen. Nicht zu vergessen ist der umfangreiche Versicherungsschutz, den wir den Vereinen und den einzelnen Pächtern über den Verband anbieten können.

Auch der Verband hat Nachwuchsprobleme, sie suchen einen Schatzmeister?

Ja, unser Schatzmeister Dietmar Ruppert legt, aus gesundheitlichen Gründen, sein Ehrenamt nieder. Ich hoffe, dass wir bald einen ebenbürtigen Nachfolger finden.