erweiterte Suche
Dienstag, 15.05.2018

„Manche haben noch immer Angst vor ehemaligen IMs“

Lutz Rathenow ist für die Aufarbeitung von SED-Unrecht in Sachsen zuständig. Mittwoch kommt er nach Riesa.

Der Schriftsteller Lutz Rathenow war in der unabhängigen Friedens- und Bürgerrechtsbewegung der DDR aktiv. Zwischenzeitlich wurde er von der Stasi inhaftiert. Seit 2011 ist er Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen.
Der Schriftsteller Lutz Rathenow war in der unabhängigen Friedens- und Bürgerrechtsbewegung der DDR aktiv. Zwischenzeitlich wurde er von der Stasi inhaftiert. Seit 2011 ist er Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen.

© Robert Michael

Riesa. Lutz Rathenow sieht auch knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall noch großen Bedarf, über Unrecht zu sprechen, das Menschen in der DDR angetan wurde. Als Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ist Rathenow mit seinen Kollegen gerade dabei, durch den ganzen Freistaat zu fahren, um zuzuhören und zu beraten. Am Mittwoch, 16. Mai, gibt es eine Bürgersprechstunde im Riesaer Rathaus.

Herr Rathenow, was treibt Menschen heute noch an, herauszufinden, was ihnen in der DDR angetan wurde?

Es gibt viele Gründe. Erst bei Renteneintritt stellen manche fest, dass sie ohne Eingriffe in ihre Biografie mehr Geld bekommen würden. Manche haben nach 1990 vielleicht gut verdient, aber wenig eingezahlt. Oder sie waren arbeitslos und merken erst jetzt, wie sich das auf ihre Rente auswirkt. Sie lassen von uns die Möglichkeiten eines beruflichen Nachteilsausgleiches und ihrer Rehabilitierung prüfen. Oder sie haben Fragen an die Stasi-Akten oder jene als dramatisch empfundenen Ereignisse, die sie nicht darin finden. Wo könnten noch Dokumente sein? In anderen Fällen fragen Kinder, warum ihre Eltern auf die Namen Hoheneck oder Bautzen so merkwürdig reagierten. Vielleicht haben sie Aktenkopien im Nachlass gefunden. Im Zusammenhang mit beruflicher Rehabilitierung ist mir eine Gruppe aufgefallen, die mir immer noch vernachlässigt scheint.

Welche?

Verfolgte Schüler. Es geht um Kinder, die ihre Schullaufbahn nicht abschließen konnten. Nicht zum Abitur zugelassen worden sind. Oder nicht zum Studium durften. Es gab Behinderung aus religiösen Gründen. Mit Sicherheit gibt es da auch Fälle in Riesa. Die Vergangenheit vermischt sich mit den Problemen nach 1990. Daher werden die Fragen, mit denen die Leute zu uns kommen, immer vielfältiger.

Sie fahren durch ganz Sachsen. Merken Sie an den Fragen, wo Sie sind?

Es ist ein Unterschied, ob wir in einer ländlichen Gegend unterwegs sind, in einer Industriestadt wie Riesa oder in einer Grenzregion. Themen wie Fluchtversuche oder Zwangsaussiedlungen sind im Vogtland präsenter als andernorts. An Industriestandorten war die Überwachung stärker als im ländlichen Raum. Dort konnte aber der einzelne Überwachte sich eher politisch ausgegrenzt fühlen. Je wichtiger ein Betrieb für die DDR-Wirtschaft war, desto größer der Einfluss aus Berlin. Dafür hatte der ländliche Raum eigene Probleme. Wenn der Staat den Personalausweis einzog und durch den Ersatzausweis PM 12 ersetzte, konnte das auf dem Land zu zusätzlichen Problemen führen. Ein Handwerker durfte den Kreis nicht ohne Genehmigung verlassen. Ich bin mit meinen Kollegen derzeit viel in Sachsen unterwegs, um die Probleme zu vergleichen und zu analysieren. Nur so können wir die Situation für Menschen verbessern, die unter der SED-Diktatur gelitten haben. Oder glaubhafter erklären, warum das in ihrem Fall nicht mehr gehen kann. Wir helfen den Leuten, Anträge auszufüllen, und vermitteln Kontakte zu Opferhilfeorganisationen, etwa bei ehemaligen Heimkindern. Wir haben unser Beratungsangebot vergangenes Jahr faktisch verdoppelt – auch um die Politik daran zu erinnern, die Antragsmöglichkeiten für die Gesetze zur Rehabilitierung zu entfristen. Alle scheinen das zu wollen, aber eine Gesetzesvorlage gibt es noch nicht.

Was hält andere Menschen immer noch davon ab, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen?

Für manche ist das zu aufregend. Andere sagen sich: So lang ich noch arbeite, will ich mich damit nicht lähmen. Wieder anderen können nicht viel materielle Entschädigung erwarten oder sie lesen Bücher dazu oder sehen Filme. Es kommt auch vor, dass Leute schlichtweg Angst vor ehemaligen Offizieren oder IMs haben, die sie immer noch für einflussreich halten.

In Ihrer Einladung sprechen Sie auch von Wiedergutmachung. Warum?

Die Wiedergutmachung hat zwei Ebenen: die symbolische und die materielle. Wer in Haft war, kann mit finanzieller Hilfe rechnen. Aber in der DDR wurden natürlich auch andere Möglichkeiten gefunden, um Menschen fertigzumachen. In diesen Fällen wären Härtefallregelungen für soziale Ausgleichsleistungen wichtig.

Knapp 80 Bürger haben die „Riesaer Petition“ mit dem Ziel unterschrieben, dass die DDR die Menschenrechte anerkennt. Werden die Petitionäre „automatisch“ entschädigt?

Die Riesaer Petition war eine tolle Aktion. Außerhalb von kirchlichen oder dissidentischen Gruppen gab es so etwas nicht oft in der DDR. Automatisch entschädigt wird aber niemand. Dafür brauchen wir Dokumente, die zeigen, auf welche Art repressiv in sein Leben eingegriffen worden ist.

Nehmen wir mal an, ein Riesaer Petent möchte wissen, wie er bespitzelt wurde – und von wem. Wie gehen Sie vor?

In diesem Fall dürfte die Stasi eine Akte angelegt haben. Wir informieren über die Erfolgsaussichten einer Akteneinsicht und helfen, bei Bedarf den Antrag auf Akteneinsicht bei der Stasi-Unterlagenbehörde auszufüllen. Wer seinen Personalausweis dabei hat, kann sich den Gang zur Polizei zur Identitätsbescheinigung sparen. Denn der Antrag muss sonst beglaubigt werden.

Fragen Sie nach, warum jemand die Klarnamen seiner Spitzel erfahren will?

Jeder hat ein Recht dazu. Ich frage nicht. Ich informiere aber sehr wohl darüber, dass nicht jeder IM einer Person bewusst schaden wollte. Wir unterstützen auch Forschungsansätze. Da geht es um mehr als die sogenannten Spitzel, sondern um Verhältnisse, die ihr Wirken mit bestimmen.

Gibt es Fälle, in denen Sie jemandem davon abraten, zu recherchieren?

Ja, wenn wir das Gefühl haben, dass es eine zu große Belastung wäre. Bei manchen Besuchern merkt man schon in der Sprechstunde, wie der Blutdruck steigt. Andere haben manische Vorstellungen entwickelt. Die Auseinersetzung mit der Vergangenheit soll einen für das Heute nicht fertigmachen.

Waren auch schon mal Täter in der Sprechstunde?

Niemand kommt und sagt: Hallo, ich bin Täter. Oft verschwimmen die Grenzen zwischen Täter und Opfer. In einer Diktatur gibt es vieles dazwischen. Aber ja, es waren schon ehemalige IMs in der Sprechstunde. Manchmal merkt man das erst im Gespräch. Sie können keine finanzielle Entschädigung erwarten, aber manche sind später auch zu Opfern politischer Willkür geworden. Rentenansprüche haben natürlich auch ehemalige Hauptamtliche. Die beantragen aber eher in der Stasiunterlagenbehörde die Bestätigung ihrer Arbeitszeiten für den Rentenanspruch. Sozialrechtlich ist das völlig in Ordnung. Wir kümmern uns um alle, aber stehen an der Seite derer, die Probleme in der DDR hatten und nicht so sehr jener, die anderen Probleme bereiteten.

Die Bürgersprechstunde findet am Mittwoch, 16. Mai, zwischen 9 und 18 Uhr im Riesaer Rathaus statt. Eine Voranmeldung ist notwendig. Auch telefonische Anfragen sind während der Sprechzeit möglich: Telefon 03525 700 286.

Das Gespräch führte Britta Veltzke.