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Dienstag, 06.02.2018

„Man hat Euch wirklich nur betrogen“

Vor 50 Jahren wurde DDR-Rodlerinnen olympisches Gold und Silber verwehrt. Eine Profiteurin der Disqualifikation litt mit.

Von Volker Kluge

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Die Opfer im Olympiaskandal von Grenoble: Die Oberwiesenthalerinnen Ortrun Enderlein (l.) und Anna-Maria Müller wurden bei den Winterspielen vor 50 Jahren um Gold und Silber gebracht.
Die Opfer im Olympiaskandal von Grenoble: Die Oberwiesenthalerinnen Ortrun Enderlein (l.) und Anna-Maria Müller wurden bei den Winterspielen vor 50 Jahren um Gold und Silber gebracht.

© ullstein bild/Schlage

  • Die Opfer im Olympiaskandal von Grenoble: Die Oberwiesenthalerinnen Ortrun Enderlein (l.) und Anna-Maria Müller wurden bei den Winterspielen vor 50 Jahren um Gold und Silber gebracht.
    Die Opfer im Olympiaskandal von Grenoble: Die Oberwiesenthalerinnen Ortrun Enderlein (l.) und Anna-Maria Müller wurden bei den Winterspielen vor 50 Jahren um Gold und Silber gebracht.
  • Erstmals liefen am 6. Februar 1968 zwei deutsche Olympiateams ein: vorn das der BRD, dahinter das der DDR.
    Erstmals liefen am 6. Februar 1968 zwei deutsche Olympiateams ein: vorn das der BRD, dahinter das der DDR.
  • Empörung über den Medaillenraub artikulierte am Tag nach der Disqualifikation auch die Sächsische Zeitung.
    Empörung über den Medaillenraub artikulierte am Tag nach der Disqualifikation auch die Sächsische Zeitung.

Vor 50 Jahren betrat in Grenoble erstmals ein selbstständiges DDR-Team die olympische Arena. Im Wintersport war die DDR aber noch keine Macht. Neben der Eiskunstläuferin Gabriele Seyfert ruhten die Medaillenhoffnungen allein auf den Rennrodlern, die 1964 in den Einzeldisziplinen Gold und Silber geholt hatten. Doch die Wettkämpfe von 1968 standen unter keinem guten Stern. Es kam vor, dass morgens minus 18 Grad und mittags plus 12 gemessen wurden. Die Rennen begannen deshalb erst mit dreitägiger Verspätung.

Bei den Männern lag nach zwei Läufen der Österreicher Manfred Schmid in Führung, gefolgt vom 1964er-Sieger Thomas Köhler aus Zwickau. Unmittelbar danach folgten die Frauen. Erwartungsgemäß belegten die DDR-Mädchen die vorderen Plätze. Einzige Überraschung: Die Italienerin Erika Lechner konnte sich hinter Ortrun Enderlein und Anna-Maria Müller, aber vor Angela Knösel auf Platz drei schieben.

Die Rennen sollten tags darauf fortgesetzt werden. Doch erst in der nächsten Nacht konnte die Bahn mit flüssiger Luft vereist werden, sodass sie am Morgen des 13. Februars befahrbar war. Unbekannt war, dass der westdeutsche Mannschaftsleiter Richard Hartmann eine Temperaturkontrolle der Kufen beantragt hatte. Der Internationale Rennrodelverband (FIL) hatte 1965 sein Reglement um einen Absatz ergänzt: „Erwärmung der Kufen: Bei Startbeginn eines Konkurrenten müssen die Schienen der Kufen eine normale Temperatur aufweisen, die der Startumgebung entspricht.“ Das Verbot war nötig geworden, weil durch angeheizte Kufen der Startbereich der Bahnen zerstört wurde. Konkret hieß das: Der Startleiter hatte fortan vor Beginn des Rennens die Temperatur des Stahls mit der Hand zu kontrollieren.

Vor dem Männerlauf erschien der polnische Jury-Vorsitzende Lucjan Swiderski am Start. An Schmids Schlitten führte er einen unbekannten „Schneetest“ durch, bei dem er wenig Schnee auf eine Kufe schnippte. Wie bei null Grad zu erwarten, schmolzen die Kristalle in kurzer Zeit. Begleitet vom italienischen Mannschaftsleiter Paul Ambrosi und Österreichs Cheftrainer Emmerich Walch, erschien Swiderski wenig später am Damenstart. Er prüfte den Rennrodel einer Vorläuferin aus Japan und wandte sich den DDR-Schlitten zu. Wie gehabt, schnippte er auf die Kufen einige Schneekristalle, die bei Temperaturen von plus vier Grad in Zehntelsekunden zerrannen.

Da nach Ansicht von Swiderski die Kufen zu warm waren, forderte er die Frauen auf, die Schlitten mit den Kufen in den Schnee zu stellen. Danach prüfte der Startleiter erneut die Temperatur durch Handauflegen. Da er keine Beanstandungen hatte, erteilte er die Freigabe. Der dritte Lauf bestätigte den Wettkampfverlauf. Müller verkürzte den Rückstand auf Enderlein auf 0,02 Sekunden. Auf Rang drei Lechner, gefolgt von Knösel. Wenig später wurde der vierte Lauf wegen des Wetters verschoben.

Kaum waren die DDR-Fahrer ins Hotel zurückgekehrt, erhielt ihr Leiter die Aufforderung, vor der Jury zu erscheinen. Die teilte ihm die Disqualifikation der Rodlerinnen mit. Kurz darauf veröffentlichte IBM das Resultat: 1. Lechner, 2. Schmuck, 3. Dünhaupt (beide BRD). Der Skandal war komplett. Mittendrin drei junge Frauen, die sich keiner Schuld bewusst waren. Für sie sprach, dass der Rennleiter die Bahn freigegeben hatte, womit er bestätigt hatte, dass die Regeln eingehalten wurden.

Hartmann nutzte mittags einen Empfang, um zu einer Mannschaftsleiter-Besprechung ins westdeutsche Hotel einzuladen – ohne DDR. Er übernahm den Vorsitz und formulierte eine Resolution an den FIL-Vorstand mit der Forderung, nicht nur die DDR-Rodlerinnen, sondern das ganze Team auszuschließen. Darüber herrschte keine Einmütigkeit. Zweiflern hielt man entgegen, dass es einen Film gäbe, in dem man das Heizen sehen könnte. Auf Nachfragen stellte sich heraus, dass dieser nicht existierte. Die Vertreter Norwegens, Schwedens und der CSSR verweigerten ihre Unterschrift. Der Franzose war gegangen.

Dann überstürzten sich die Ereignisse: 14.30 Uhr traf bei DDR-NOK-Präsident Heinz Schöbel per Telegramm ein wissenschaftliches Gutachten über die Abkühlung von Schlittenkufen der TU Dresden ein. Gegen 15.30 Uhr erschienen die drei Sportlerinnen im FIL-Hotel. 16.30 Uhr erklärte das DDR-Team beim Notar an Eides statt, die Kufen nicht erwärmt zu haben.

Am nächsten Tag ging die DDR-Mannschaftsleitung zum Angriff über. Auf einer Pressekonferenz verlas Manfred Ewald eine Erklärung, in der er das IOC bat, den FIL-Beschluss aufzuheben. Urheber des Komplotts sah er „in Kreisen der westdeutschen Führung“, was diese zurückwies. In der Rückschau gestand der damalige NOK-Geschäftsführer Walther Tröger, „die Sache nie ganz durchschaut“ zu haben.

Vergleicht man das Protokoll mit dem Pressekommunique, das die FIL veröffentlichte, stößt man auf Widersprüche. So heißt es in Letzterem, Müller und Knösel hätten zugegeben, dass „ihre Kufen wesentlich erhöhte Temperaturen aufwiesen“. Im Protokoll bestritten sie, Kufen erwärmt zu haben. Auch die Zeit, in der die „Schneeprobe“ vorgenommen wurde, hatte sich verändert. Aus „ungefähr zehn bis acht Minuten vor Abfahrt der ersten Dame“ wurden in der Deklaration „drei bis sieben Minuten“. Das erlaubte der FIL-Exekutive, die Disqualifikation auf Verletzung der Startbereitschaft auszuweiten, obwohl die DDR-Frauen hohe Startnummern hatten. Es vergingen etwa 30 bzw. 60 Minuten, bis diese ihre Rennen aufnehmen konnten.

Es gab keine Vergleichswerte

Bewusst verschwiegen wurde die Anordnung, die Schlitten in den Schnee zu stellen. Auch die Behauptung, dass die Kontrolle „in objektiver Weise“ erfolgte, war scheinheilig. Mit Ausnahme der Japanerin wurde die „Schneeprobe“ nur bei den DDR-Frauen vorgenommen, sodass keine Vergleichswerte vorlagen. Die Resultate wurden in Hundertsteln gemessen, aber die Kufentemperatur ermittelte man durch Handauflegen. „Zeugen“ waren alles andere als objektiv – Trainer, die ein Interesse hatten, ihre Athleten vorn zu platzieren. Doch die FIL stellte weder deren Rolle infrage noch die Zuverlässigkeit der „Schneeprobe“ oder Swiderskis Wahrnehmung: „Alle drei Fahrerinnen waren bei dieser Feststellung (zu warmer Kufen, d. A.) rot und erschrocken.“ Dass die Sportlerinnen empört waren, war für ihn unvorstellbar.

Um sich ein eigenes Bild zu machen, ließ sich IOC-Präsident Avery Brundage einfliegen. Er las die Dokumente und erkannte die Widersprüche. Da nach der Olympischen Charta die Verbände in allen technischen Fragen verantwortlich sind, sah er sich außerstande, die Entscheidung zu verändern. Kaum war er abgereist, strich die FIL den vierten Durchgang. Die Platzierung nach drei Läufen war das Endresultat.

Der Kalte Krieg nahm Fahrt auf. Weit lehnte sich der BRD-NOK-Präsident Willi Daume aus dem Fenster. Er bezeichnete Ewald & Co. als „elende Lügner“ und „Betrüger“, die er für den „größten Skandal“ verantwortlich machte, „der die Olympischen Spiele belastet“ hätte.

Da sich die DDR-Propaganda auf den „Klassenfeind“ konzentrierte, kamen die Italiener und Österreicher gut weg. Selbst Swiderski wurde geschont, obwohl bekannt war, dass der Rentner ökonomisch von Hartmann abhängig war. Diese Zurückhaltung war von höchster Stelle – vom damaligen zweiten Mann Erich Honecker – angeordnet. Da das „Brudervolk“ im Januar 1968 erneut demonstriert hatte, wurde alles unterlassen, um Öl ins Feuer zu gießen. Der Skandal wurde zu den Akten gelegt, was umso leichter fiel, weil das Doppel Bonsack/Köhler noch Gold errungen hatte.

Nachdem ein weiteres Gutachten die Unschuld der Frauen bestätigt hatte, beantragte der DDR-Verband erneut ihre Rehabilitierung. Doch die FIL zeigte kein Interesse. Kein Wunder: Generalsekretär wurde 1971 Swiderskis Freund Jan Steler, ein in Frankreich lebender polnischer Architekt. Offiziell gelten die Akten als nicht auffindbar. Intern ermittelte die Stasi. Sie fand 1976 heraus, dass Swiderski einem Gewährsmann anvertraut hatte, dass der polnische NOK-Generalsekretär Tomasz Lempart ihm den Auftrag für die Falschbehauptung gegeben hätte. Lempart verlor im April 1968 sein Amt und wurde zur Emigration nach Israel genötigt. Bald darauf übersiedelte er nach Köln, wo er Direktor des Bundesausschusses Leistungssport wurde.

Wenn es noch eines Beweises bedarf, so sei ein Brief zitiert, den Erika Lechner an Ortrun Enderlein schrieb: „Liebe Ortrun! Als ich die Zeitung, die Du mir geschickt hast, gelesen hatte, kamen mir die Tränen. Ich habe nie daran geglaubt, dass Eure Kufen angeheizt waren, denn ich kenne Euch als ehrliche Mädchen. Deshalb wollte ich noch am Tag der Disqualifikation zu Dir kommen und mit Dir sprechen. Aber ich durfte nicht, es kamen andere Befehle, über die ich keine Macht hatte … Glaube mir Ortrun, ich hätte mit meiner Bronzemedaille die größere Freude, denn diese Medaille, die ich jetzt habe, wird in meinem Herzen nie mir gehören. … Man hat Euch wirklich nur betrogen und Euch die verdienten Medaillen genommen, die wir jetzt haben und damit unglücklich sind.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. ichduer

    Dieser Betrug an den DDR-Sportlern war doch seinerzeit mehr als offensichtlich. Und es waren nicht die einzigen mießen Machenschaften der Westzonenoberen. Denken wir nur an die Geschichte um Willi von der Kuhweide. Hier hatte eindeutig der DDR-Sportler die Berechtigung an den Olympischen Spielen sich erkämpft. Vorgeschoben wurde aber der Westzonensportler (s.o.) von den Verantwortlichen aus der Westzone. Und es ist noch nicht zuende. Wer muss denn den Kader für die westdeutschen Fußballmannschaften heranziehen, damit diese sie dann für ein Butterbrot wegkaufen können? Oder wie war das mit unserer Eisschnelläuferin Claudia Pechstein? Hat man sich bei ihr einmal entschuldigt? Für die Oberen des deutschen Eislaufverbandes war es ein gefundenes Fressen, obwohl nachweislich kein Doping vorlag. Ihre Erfolge hat man sich aber auf seine Fahnen geschrieben. Das ist nach meiner Meinung mehr als schamlos

  2. Joachim Herrmann

    Zum Zeitpunkt von Olympia war ich 21. Ich "durfte" mir die bundesdeutsche Ungeheuerlichkeit im Fernsehen (DDR) ansehen. Natürlich waren mir (zuerst) die Hintergründe der Machenschaften nicht bekannt. Was aber auf Grund vieler Berichte sehr schnell nachgeholt wurde. Wer hat sich, nicht nur für dieses Verbrechen den Sportlern gegenüber je entschuldigt- niemand bis heute- warum auch?! Schon an diesem Beispiel ist ersichtlich und es sollten Unzählige noch folgen, das Sport eben doch Politik ist, politisch vereinnahmt wird- egal von welcher Seite. Seite 28 Jahren werden die "Lagen" der DDR "aufgearbeitet"- von wem- na klar, vom Sieger. Wo bleiben die "Aufarbeitungen" der "Lagen" West und die Klärung vieler Fragezeichen?! Vielleicht sollte man da mal eine "Enquete Kommission" einsetzen. Auch den Verbänden des IOC nahe legen- "Vorkommnisse" und deren Sportler im nachhinein zu rehabilitieren- auch mit Übergabe von Medaillien. Das wird es unter einem BRD-Bach nicht geben- wir sind ja die Sieger?!

  3. Joachim Herrmann

    P.S.: Um es noch deutlicher zu sagen- es ist mir egal, welche Sportoberen West, wie Ost im NOK oder sonstwo, sich politisch oder auch nur sonstwie an Sportlern und ihren Leistungen vergriffen haben- ALLE gehören auf den Müllhaufen der Geschichte! Auch glaube ich, dass mittlerweile viele der Akten zu den Vorkommnissen "gereinigt" wurden. Wir auch deshalb nie offiziell erfahren dürfen, was sich so in Hinterzimmern des Sports abgespielt hat. Und das geht scheinbar immer weiter - so?! Eines weiß ich aber und das mit Bestimmtheit, dass es eine grundlegende "Bereinigung des DDR- Sports" im Interesse westdeutscher Funktionäre und Politik gegeben hat und das ist auch nachweißbar. Nur, von "drüben" ist man da doch etwas verschlossener! Letztens, was so an "Austausch, Übernahme und Einverleibung" von DDR- Sport aller Kategorien stattgefunden hat, kommt sehr dem Wirtschaftsgebaren der Treuhand und westlicher Konzerne nahe. Aber auch da wird es keine Enquete Kommission geben?!

  4. Andreas

    Schön zu [email protected] und @2 wie Ihr so einen Artikel interpretiert.Ich muss sagen das man sowas garnicht für bares nehmen solte-ist halt auch bissel Journalismus dabei...

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