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Freitag, 07.09.2018

„Man fällt unter eine Art Generalverdacht“

Biathlet Arnd Peiffer spricht zum Saisonstart über den Dopingskandal und über das Leben nach dem Olympiasieg.

Lässig und entspannt: Arnd Peiffer nach dem Training in Oberhof.
Lässig und entspannt: Arnd Peiffer nach dem Training in Oberhof.

© Robert Michael

Herr Peiffer, sieben Monate nach Ihrem größten Triumph beginnt an diesem Wochenende mit den deutschen Meisterschaften in Altenberg die neue Saison. Wie präsent ist Ihnen der Olympiasieg im Sprint noch?

Natürlich war das ein besonderer Moment, der sich eingebrannt hat. Auch, weil ich nicht gedacht hätte, dass es noch klappt. Aber es ist nicht so, dass ich jeden Tag daran denke. Wenn mich beim Training mein Kumpel Benedikt Doll bei einem Anstieg überholt, hilft es mir nicht, dass ich in Pyeongchang der Beste im Sprint war.

Wie oft haben Sie sich das Goldrennen angeschaut?

Noch nie komplett. Aber ich kann das jederzeit, weil meine Eltern alles auf einem Festplattenrekorder aufzeichnen. Als ich das erste Mal im Weltcup antreten durfte, wusste ja niemand, ob es vielleicht auch mein letztes Rennen wird. Da hat es angefangen, inzwischen sind bei 281 Starts einige Stunden Filmmaterial zusammengekommen. Wenn ich mir das in vielleicht 30 Jahren mal anschaue, könnte das ganz lustig werden, denke ich – mein Aussehen, die Klamotten ... Rückblickend erschrickt man da mitunter.

Was hat sich rückblickend seit Ihrem Olympiasieg geändert?

Für mich persönlich nicht viel. Ich wusste auch vorher schon, was ich kann und was nicht. Was sich aber geändert hat, ist die Sicht einiger Leute auf mich. Früher wurde ich immer als Sprint-Weltmeister von 2011 angekündigt. Das passierte so oft, dass es wie ein Teil von mir wurde. Der Weltmeister ist verschwunden, jetzt bin ich nur noch der Olympiasieger. Daran muss ich mich erst einmal gewöhnen.

Das ist wirklich das Einzige?

Man wird im Leistungssport ganz schnell wieder geerdet, weil man stets an den größten Erfolgen gemessen wird. Wenn ein Olympiasieger dann Achter wird, heißt es: Das war heute aber nicht so gut. Natürlich ist das Quatsch, aber das muss man für sich selbst immer wieder so einordnen. Und da hilft eine Trainingsgruppe, die einem jeden Tag die Grenzen aufzeigt.

Ist es deshalb besser, erst mit 30 Olympiagold zu gewinnen als mit 20?

Auf jeden Fall. Ich hätte mit 20 nicht die ganze Zeit diese Erwartungslast aushalten wollen. Mit 30 ist das etwas anderes, das rundet die Karriere ab.

Stehen die Sponsoren nun bei Ihnen Schlange?

Ich bin in dieser Sache sehr treu, die meisten Sponsoren habe ich schon lange. Das hilft vor allem, wenn es bei mir mal nicht so gut läuft: Sie bleiben dann ganz entspannt. Genauso mache ich das jetzt auch. Ich trenne mich nicht von ihnen, nur weil ich nach dem Olympiagold vielleicht ein besseres Angebot bekommen habe.

Nach einem solchen Erfolg hört man oft den Satz, dass nun der größte Traum in Erfüllung gegangen sei. Sie haben so etwas nie gesagt.

Weil ich als Kind – im Gegensatz zu anderen – nie davon geträumt und es nie in ein Poesiealbum geschrieben habe. Ich bin da anders gestrickt, habe stets nur in meinen Kategorien gedacht. Als ich zum Beispiel in der Altersklasse 15 deutscher Meister geworden bin, war das für mich das Allergrößte. Olympiasieg stand nie auf meiner Agenda. Das war als Ziel viel zu weit weg und deshalb als Motivation fürs tägliche Training schwierig. Ich bin immer nur den nächsten Schritt gegangen.

Sorgen Sie sich, dass jetzt, wenn alles erreicht ist, die Motivation flöten geht?

Überhaupt nicht. Wenn mein Kerngeschäft, also ein ganz normaler Trainingstag mit zwei Einheiten, einer Mittagspause und Physiotherapie, gut gelaufen ist, sacke ich am Abend zufrieden aufs Sofa. Das genügt mir als Motivation.

Sie sind jetzt 31. Stört Sie die Frage nach dem Karriereende?

Die ist legitim. Meine Antwort lautet: Ich plane von Jahr zu Jahr. Es macht mir gerade so viel Spaß, weil das Team aus Trainern, Physiotherapeuten und Skitechnikern über Jahre gewachsen ist und alle in die gleiche Richtung wollen. Da ist keiner dabei, der bremst oder einem die Erfolge nicht gönnt. Das ist enorm wichtig. Und außerdem bin ich der älteste deutsche Biathlet, habe also stets mit Jüngeren zu tun.

Nicht ganz so spaßig ist die Situation bei der Internationalen Biathlon-Union. Präsident und Generalsekretärin sind zurückgetreten. Der Vorwurf lautet: Korruption im Zusammenhang mit WM-Vergaben und vertuschten Dopingproben. Was denken Sie darüber?

Ich finde es schockierend. Wir haben einen tollen Sport, den sich viele Leute gerne ansehen. Und dann haben wir einen Verband, der sich angreifbar macht, der nicht neutral ist, Sachen unter den Teppich kehrt. Der aber auf der anderen Seite seit Jahren den sauberen Sport propagiert. Da kommt man sich als Athlet verschaukelt vor – und sicher auch die Zuschauer. Ich verstehe nicht, warum man nicht von den Fehlern anderer gelernt hat. Zum Beispiel vom Radweltverband, der zunächst versuchte, alles zu vertuschen, damit die schöne, heile Welt nicht zerstört wird. Dadurch wurden die Probleme natürlich immer größer. Man muss konsequent gleich dazwischen hauen, sonst macht es eine ganze Sportart kaputt. Im Radsport ist genau das passiert.

Wie lautet Ihre Lösung?

Bei uns gibt es Kontrollen, die von der nationalen (Nada) und internationalen Antidoping-Agentur (Wada) sowie der Biathlon-Union (IBU) beauftragt werden. Von den Nada-Leuten bekomme ich regelmäßig Besuch, von den IBU-Leuten liegt der letzte schon länger zurück. Wenn ich mir nun vorstelle, dass es in einigen Ländern Agenturen gibt, die deutlich weniger machen als bei uns die Nada, dann werden die Athleten dort ganz schön selten kontrolliert. Da müsste die IBU eingreifen und einspringen. Das kostet natürlich richtig Geld, aber daran fehlt es der IBU garantiert nicht. Eine andere Sache ist: Große Unternehmen haben einen Aufsichtsrat, also ein Kontrollgremium. Vielleicht sollte die Wada solch eine Funktion im Biathlon übernehmen und auch die Strafen aussprechen.

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft des Biathlons?

Um das Ansehen, natürlich. Das Schlimme ist, dass man als Athlet ein ganz kleines Rädchen ist. Mehr als bei Kontrollen zur Verfügung zu stehen, kann man nicht machen. Und dann fällt man unter eine Art Generalverdacht, weil der Verband einzelne Sportler deckt. Das einzig Positive ist: Es rumpelt gerade. Wenn man in einer Ausdauersportart zehn Jahre gar nichts hört, ist das verdächtiger, als wenn es ab und zu mal rumpelt.

Gespräch: Daniel Klein

Der erste Teil der deutschen Meisterschaften findet am Wochenende in Altenberg statt. Gestartet wird auf Skirollern am Samstag 11 und 14 Uhr (Sprint) und am Sonntag 10.45 und 13 Uhr (Verfolgung). Eintritt: 10 Euro (erm. 5).

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