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Mittwoch, 16.05.2018

Luther-Jünger in Böhmen

Eine Ausstellung in Decin zeigt die Spuren sächsischer protestantischer Adliger.

Von Steffen Neumann

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Schlossverwalterin Iveta Krupickova steht am Taufstein aus der Kirche in Valtirov, der wie die Figurengruppe am Epitaph der Familie Bock im Hintergrund in der Ausstellung auf Schloss Decin (Tetschen) zu sehen ist.
Schlossverwalterin Iveta Krupickova steht am Taufstein aus der Kirche in Valtirov, der wie die Figurengruppe am Epitaph der Familie Bock im Hintergrund in der Ausstellung auf Schloss Decin (Tetschen) zu sehen ist.

© Petr Spanek

  • Schlossverwalterin Iveta Krupickova steht am Taufstein aus der Kirche in Valtirov, der wie die Figurengruppe am Epitaph der Familie Bock im Hintergrund in der Ausstellung auf Schloss Decin (Tetschen) zu sehen ist.
    Schlossverwalterin Iveta Krupickova steht am Taufstein aus der Kirche in Valtirov, der wie die Figurengruppe am Epitaph der Familie Bock im Hintergrund in der Ausstellung auf Schloss Decin (Tetschen) zu sehen ist.
  • Die Florian-Kirche in Usti nad Labem (Aussig) ist ein prominentes Beispiel der Sächsischen Renaissance. Sie ist täglich für Besuchergeöffnet.
    Die Florian-Kirche in Usti nad Labem (Aussig) ist ein prominentes Beispiel der Sächsischen Renaissance. Sie ist täglich für Besucher geöffnet.

Böhmische Schweiz. Das Grundbuch von Arnoltice (Arnsdorf) in der Böhmischen Schweiz wurde noch genutzt, da waren die Herren auf dem Buchdeckel in den Ländern der böhmischen Krone längst unerwünschte Personen. Es sind die Konterfeis von Martin Luther und Philipp Melanchthon, die den Einband zieren. Als im Jahr 1669 die letzten Eintragungen im Grundbuch hinterlassen wurden, waren die protestantischen Gläubigen längst aus Böhmen vertrieben. Aber die Reformatoren blieben auf dem Buchdeckel und erinnerten an eine Zeit, als die Regionen um Decin (Tetschen) und Usti nad Labem (Aussig) für 100 Jahre Vorreiter des lutherischen Glaubens in Böhmen waren.

Dort hatte die Reformbewegung und Kritik an der herrschenden päpstlichen Kirche damals durch Jan Hus und die Hussiten bereits eine lange Tradition. Dass der lutherische Glauben so schnell nach Böhmen vorstieß, hatte aber noch einen anderen Grund, der in Sachsen begründet war. Dieser Entwicklung widmet sich ein gemeinsames Projekt des Stadtmuseums Pirna mit mehreren tschechischen Partnern, darunter die Universität in Usti und das Schloss in Decin, wo derzeit eine Ausstellung zu dem Phänomen läuft.

„Eingeführt wurde der lutherische Glauben von zwei sächsischen Adelsfamilien: den Salhausenern und den Bünaus“, sagt Iveta Krupickova vom Schloss Decin. Beide Adelsfamilien kauften Anfang bis Mitte des 16. Jahrhunderts mehrere Güter in Nordböhmen, darunter die Herrschaften Scharfenstein, wozu auch das eingangs erwähnte Arnsdorf gehörte, Tetschen sowie Schönpriesen, heute als Krasne Brezno ein Stadtteil von Usti.

Bereits 1518 nahm auf Veranlassung Johanns von Salhausens der erste lutherische Prediger in Benesov nad Ploucnici (Bensen) seinen Dienst auf, also nur ein knappes Jahr nach Luthers Thesenanschlag an die Schlosskirche in Wittenberg. „Er wirkte zunächst nur für die Adligen. Das Volk blieb noch länger katholisch, ehe es auch den lutherischen Glauben annahm“, erklärt Krupickova.

Die Ausstellung mit dem Titel „Sola fide“ (Allein durch Glauben) in Anspielung auf Luthers Lehre, dass der Mensch allein durch Glauben und nicht durch Taten gerecht wird, zeigt, wie die Spuren des lutherischen Adels bis heute sichtbar sind. Sie manifestieren sich vor allem in drei Kirchen: Sankt Florian in Krasne Brezno, Sankt Jakob in Svadov (Schwaden) und Sankt Wenzel in Valtirov (Waltirsche) jeweils bei Usti. Während Sankt Florian für Besucher geöffnet ist, sind die Kirchen in Svadov und Valtirov normalerweise geschlossen. „Durch das Projekt bietet sich die einzigartige Möglichkeit, die Kirchen an ausgewählten Tagen zu besichtigen“, sagt Krupickova. Die Innenräume sind ganz in der lutherischen Tradition eingerichtet. Zentral sind Taufstein und Kanzel. Die in katholischen Kirchen omnipräsente Jungfrau Maria fehlt.

Prächtig sind die Kirchen, die alle im Stil der Sächsischen Renaissance erbaut wurden, trotzdem. Dafür sorgt eine reiche Epitaph-Kunst. Ein weiteres Beispiel ist der Alabasteraltar des sächsischen Bildhauers Melchior Kuntze in der Floriankirche. Die Ausstellung zeigt einerseits Stücke aus den Kirchen, vor allem aber Exponate, die sonst in Depots schlummern. Zu sehen sind auch zwei Leihgaben aus Pirna – zwei Stiche von Albrecht Dürer.

Begleitet wird die Ausstellung, die bis Ende September läuft und mit deutschen Texten versehen ist, durch Konzerte und Vorlesungen. Die erste findet am Donnerstag, 19 Uhr, im Stadtmuseum Pirna statt. Der Kunsthistoriker und Autor der Ausstellung Jan Royt spricht auf Deutsch über den Lutherischen Adel und sein Erbe in Nordböhmen.

Hinweise zu Führungen in den Kirchen und weitere Informationen auf www.ff.ujep.cz/sola-fide