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Lügenmuseum finanziell in Bedrängnis

Die Einrichtung im alten Gasthof Serkowitz wird vom Land nicht als Museum anerkannt. Das hat steuerliche Auswirkungen.

07.02.2018
Von Nina Schirmer

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Reinhard Zabka hat sich 2012 im ehemaligen Gasthof Serkowitz niedergelassen und dort sein Lügenmuseum neu aufgebaut, das es zuvor schon in Brandenburg gab. Jetzt hat der Künstler Probleme mit der sächsischen Landesstelle für Museumswesen bekommen.

© André Wirsig

Radebeul. Bei Reinhard Zabka ist schon Fasching. Allerdings kein lustiger. Bürokratischen Karneval nennt der Künstler das, was ihm gerade passiert. Sein Lügenmuseum im ehemaligen Gasthof Serkowitz ist offiziell kein Museum. Das hat die Sächsische Landesstelle für Museumswesen an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entschieden.

Für Zabka kam diese Entscheidung nicht nur aus künstlerischer Sicht wie ein Schlag ins Gesicht. Auch finanziell hat sie Auswirkungen für den gebürtigen Erfurter, der 2012 nach Radebeul zog. Denn Museen sind von der Umsatzsteuer befreit. Wird das Lügenmuseum nicht als solches anerkannt, muss er die eingesparten Steuern mindestens für die letzten beiden Jahre zurückzahlen. Die Summe geht zwar nicht in die Zigtausende, trifft den Künstler aber trotzdem schmerzlich. Er hat Klage beim Oberverwaltungsgericht eingereicht.

Mit Hinweis auf das laufende Gerichtsverfahren will sich die Direktorin der Landesstelle gegenüber der SZ nicht zu dem Vorfall äußern. Katja Margarethe Mieth habe das Lügenmuseum selbst besucht und eine Anerkennung als Museum abgelehnt, sagt Zabka und zeigt ein Schreiben der Direktorin. Darin steht, dass er keine museumstypischen Aufgaben im ehemaligen Gasthof erfülle. In Museumssammlungen würden Kultur- und Kunstbesitz gesammelt, dokumentiert, der Allgemeinheit dauerhaft erhalten und zugänglich gemacht. Dies sei im Kunstprojekt Lügenmuseum von Reinhard Zabka nicht der Fall. Es handele sich dabei zwar um ein Gesamtkunstwerk, aber weder um ein Museum, eine wissenschaftliche noch eine Kunstausstellung, wird von der Landesstelle für Museumswesen erläutert.

Der 68-Jährige und sein Lügenmuseum polarisieren. Die einen sind von der Ausstellung restlos begeistert. „Wenn es bei uns so ein tolles, inspirierendes, faszinierendes, skurriles Museum gebe, dann wären wir oft da“, schreibt ein Besucher im Gästebuch. Und ein weiterer: „In diesen Räumen möchte ich leben. Einfach genial anzuschauen.“ Andere, auch Radebeuler, können mit seiner Kunst nichts anfangen.

Bei der Entscheidung, ob es sich um ein Museum handelt, geht es aber nicht um Gefallen und persönlichen Geschmack. Die Landesstelle setzt dafür Richtlinien vom Internationalen Museumsrat ICOM an. Das Verwunderliche: In Brandenburg, wo Zabka sein Lügenmuseum früher betrieb, bekam er die Anerkennung und damit die Steuerbefreiung. Das zuständige Ministerium in Potsdam hatte Mindeststandards festgelegt, die auch kleine Museen erfüllen können. Dazu gehörte zum Beispiel, dass eine Kunstsammlung der Öffentlichkeit regelmäßig zugänglich gemacht wird und dort auch ein künstlerisches und museales Rahmenprogramm stattfindet.

Im Lügenmuseum gibt es seit Dezember den neuen Ausstellungsraum „Interieur Underground“, wo Werke aus der DDR-Subkultur gezeigt werden. Das Projekt mit dazugehörigem Katalog, in dem DDR-Künstler über Ausgrenzung und Repression berichten, wurde sogar gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Unterstützung bekommt Zabka von Oliver Rump von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Er ist Professor für Museumsmanagement und kann die Entscheidung der sächsischen Landesstelle überhaupt nicht nach vollziehen, findet sie sogar „ziemlich albern“. Nach Meinung des Professors ist das Lügenmuseum ganz klar ein Museum. Mehr noch: „Reinhard Zabka ist ganz dicht dran am Ursprung der heutigen Museen.“ Denn er habe eine Art Wunderkammer geschaffen, die an ein Kuriositätenkabinett erinnert, welche die ersten Museumsformen überhaupt waren.

„Es gibt derartig viele andere Museen in Deutschland, die die ICOM-Richtlinien auch nicht komplett erfüllen“, sagt Rump. Darunter seien sogar große, weltbekannte Häuser. Der Experte spricht sich für eine vielfältige Museumslandschaft aus, in der auch kleine Einrichtungen gefördert werden und nicht nur große staatliche Institutionen. Zabka will auf jeden Fall weiter kämpfen. Und er lädt die Leute ein, sich ein Bild vor Ort zu machen. „Die Besucher sollen vorbeikommen und selbst entscheiden, ob es sich um ein Museum handelt.“