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Mittwoch, 14.03.2018

Lovoo legt sein Herz flach

Die Flirt-App erfindet sich nach Fake-Skandal und Kauf durch die US-Meet-Group neu. Doch hat die Dresdner Firma damit auch Erfolg?

Von Michael Rothe

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„Mach den heutigen Tag zu einem unfassbar großartigen“, so deuten Lovoo-Chef Florian Braunschweig (l.) und Firmensprecher Eric Jangor, den Motivationsspruch in der Dresdner Firma.
„Mach den heutigen Tag zu einem unfassbar großartigen“, so deuten Lovoo-Chef Florian Braunschweig (l.) und Firmensprecher Eric Jangor, den Motivationsspruch in der Dresdner Firma.

© Juergen Loesel

  • „Mach den heutigen Tag zu einem unfassbar großartigen“, so deuten Lovoo-Chef Florian Braunschweig (l.) und Firmensprecher Eric Jangor, den Motivationsspruch in der Dresdner Firma.
    „Mach den heutigen Tag zu einem unfassbar großartigen“, so deuten Lovoo-Chef Florian Braunschweig (l.) und Firmensprecher Eric Jangor, den Motivationsspruch in der Dresdner Firma.
  • Zettelwirtschaft im Onlineportal mit Herz. Angelehnt an das japanische Kanban-System markieren die Karten den Projektstand: Blau heißt in Planung, Gelb in Umsetzung und Orange fertig.
    Zettelwirtschaft im Onlineportal mit Herz. Angelehnt an das japanische Kanban-System markieren die Karten den Projektstand: Blau heißt in Planung, Gelb in Umsetzung und Orange fertig.

Alle vier Monate ist bei der Flirt-App Lovoo in Dresden Party angesagt. Solche Maßnahmen zur Teambildung sind meist Höhepunkt und Abschluss von Workshops. Und Grund zum Feiern gab’s zuletzt wiederholt: sei es die erfolgreiche Übernahme durch die amerikanische Meet Group im Herbst, die Einweihung des hauseigenen Fitnessstudios Ende Januar oder die strategische Neuausrichtung inklusive neuem Slogan und abgespecktem Firmenlogo. Das auf der Spitze stehende bunte Herz liegt jetzt flach – dumm für jenes verkuppelte Pärchen, das sich aus Dankbarkeit das alte Zeichen in den Nacken tätowieren ließ.

„Die Symmetrie musste raus, Liebe hat Ecken und Kanten“, sagt Geschäftsführer Florian Braunschweig. „Außerdem sind wir erwachsener geworden, haben uns hinterfragt.“ Es gehe nicht um Treffer auf Basis zusammengeführter Daten einsamer Singles. „Wir wollen weg von der bloßen Sicht aufs Profilbild, die Chemie muss stimmen.“ Für die Erkenntnis habe das Unternehmen das Ohr auf die Straße gelegt und dem Volk aufs Maul geschaut, so der Medieninformatiker. Es gebe keine Verliebensgarantie, schon gar nicht alle elf Minuten. „Matchmaking ist mehr Schein als Sein“, sagt der 33-Jährige. Deshalb habe Lovoo einen neuen Slogan: „Das echte Leben spielt hier.“

Beim Dresdner Datingportal war nicht immer alles echt. 2016 hatte das Unternehmen für Aufsehen gesorgt, als die Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume an der Prager Straße durchsuchen ließ. Zwei der drei Chefs kamen kurzzeitig in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Lovoo soll Profile von Frauen erfunden haben, um Männer in bezahlpflichtige Dienste zu locken. Die Ermittlungen wurden gegen die Zahlung von 1,2 Millionen Euro eingestellt.

Mittlerweile gibt sich das Unternehmen geläutert, hat Fakes und Spams den Kampf angesagt – neben dem jüngst von Stiftung Warentest monierten mangelhaften Datenschutz ein Thema der gesamten Branche. Dazu beschäftigt es ein spezielles Team, welches sich um die Identifizierung falscher Profile kümmert. Dabei kommt ein automatisches Anti-Spam-System zum Einsatz, das verdächtige Profile anhand von Nutzungsverhalten erkennt. So würden 75 Prozent aller Fakes gefunden, heißt es. Der Rest werde von anderen Nutzern gemeldet oder von Mitarbeitern des Supports erkannt. Ferner gebe Lovoo in einem Transparenzreport quartalsweise Einblick in interne Zahlen und Anti-Fake-Aktivitäten.

Lovoo hat seinen Traumpartner gefunden. Der börsennotierte US-Konzern The Meet Group kaufte den Dresdner Sitz mit 80 Mitarbeitern aus elf Ländern sowie die Berliner Filiale mit weiteren knapp 20 Leuten für rund 58 Millionen Euro. Die Amerikaner haben Standorte in New Hope bei New York sowie in San Francisco, und sie betreiben Portale wie MeetMe und Hi5. Der Deal ist einer der spektakulärsten im Online-Dating-Markt. Plötzlich hatte der Konzern über 300 Mitarbeiter. Die ersten aus Dresden waren bereits zu Besuch bei den US-Kollegen. Der Chef „war schon vier, fünf Mal drüben“, wie er sagt. „Wir streben einen harmonischen Austausch an“, so Florian Braunschweig. Der Hesse lebt seit elf Jahren an der Elbe und ist einer von drei verbliebenen Lovoo-Gründern. Vier Mitstreiter hatten ihre Anteile versilbert.

Die Schwester-Plattformen im Konzern sind US-lastig und unterscheiden sich bei den Zielgruppen. Da richtet sich etwa das Portal Tagged speziell an Afroamerikaner. Andere haben – wie demnächst auch Lovoo – den Fokus auf Live-Streaming, wo man andere Menschen im Alltag begleiten kann. Das ist in China ein großer Trend. Lovoo zielt nach eigenen Angaben auf Kennenlernen, Flirten, Liebe, Heirat. „Wir wollen mehr sein als eine Dating-App: Orientierung in Liebesdingen über’s Kennenlernen hinaus“, beschreibt Firmensprecher Eric Jangor den neuen Kurs. Dresden solle „die starke Präsenz von Meet in Europa werden, aber unabhängig bleiben“. Die Zeichen stünden auf Wachstum, so der 34-Jährige. Von Kannibalisierung oder gar Existenzangst keine Spur, es gehe um Synergien und darum, voneinander zu lernen und zu profitieren, sagt er.

So eine Lovoo-Fete ist alles andere als eine Ü-40-Party. Das Durchschnittsalter der Truppe liegt bei Ende 20. Die nächste Feier soll Anfang Juni steigen. Dann sind auch die Konzernzahlen für das vergangene und in Teilen erste gemeinsame Jahr bekannt.

Wird es dann Sekt oder Selters geben? Die Börsen haben den deutsch-amerikanischen Deal bislang nicht honoriert. Die auch in Frankfurt am Main und Stuttgart gehandelte Aktie der Meet Group hat in den vergangenen zwölf Monaten gut die Hälfte ihres Wertes verloren. Der guten Stimmung am europäischen Außenposten in Dresden tut das keinen Abbruch. Für dessen Mitarbeiter beginnt das Geschäft jeden Tag neu. Und laut dem riesigen Leitspruch dort an der Wand sollen sie ihn zu einem „unfassbar großartigen“ machen.