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Freitag, 08.06.2018

Liebesbriefe aus der Kaserne

Korrespondenz über einen Zeitraum von 15 Jahren – von dem NVA-Offizier, der später den Mauerbau befehligte.

Von Birgit Ulbricht

Der Historiker Stefan Wolter hat den Briefwechsel zwischen Heinz Novy und seiner Freundin Gisela in den Jahren 1951/52 aus der Kaserne Großenhain in einem Buch herausgebracht.
Der Historiker Stefan Wolter hat den Briefwechsel zwischen Heinz Novy und seiner Freundin Gisela in den Jahren 1951/52 aus der Kaserne Großenhain in einem Buch herausgebracht.

© privat

Großenhain. „Alle meine Kameraden auf meiner Stube sind ausgegangen, es ist direkt angenehm, wenn alles so schön still ist, und nur die Musik aus dem Lautsprecher ist zu hören. Gisa, tüchtig müde bin ich und außerdem habe ich solch große Sehnsucht nach Dir. Und sie wird noch verstärkt durch die schöne Volksmusik, die durch den Lautsprecher zu hören ist.“

Das ist einer der Auszüge aus unzähligen Briefen, die Heinz Novy seiner Freundin Gisela in den Jahren 1951/52 aus der Kaserne Großenhain schreibt. Heinz ist damals 20 Jahre alt. Traumatisiert durch die Vertreibung aus Schlesien und die Zerstörung Dresdens ist er voller Eifer, am Schutz des Aufbaus einer vermeintlich gerechteren Gesellschaft mitzuwirken. Als junger Kommunist wird ihm ein glänzender Lebensweg als Polizist in Aussicht gestellt. Und so landete der idealistische Junge zunächst in Eggesin. Dort besuchte er eineinhalb Jahre die Polizeischule, in der er eifrig lernt und aus der er als Polizeikommissar nach Großenhain versetzt wird.

Hier realisiert er bald, dass sein eingeschlagener Lebensweg kein Zuckerschlecken ist. Und er beginnt zu hadern. Nie wieder lehnt sich der spätere Oberst der Nationalen Volksarmee so sehr gegen die Kasernenwelt auf, wie in dieser Zeit in Großenhain. Mehr als einmal unterscheidet Heinz bitter zwischen „wir in der Kaserne drinnen“ und „ihr da draußen“: „Seit Tagen ist hier eine unverschämte Hitze, wenn wir dann ums Gebäude ziehen, sieht man nur eine riesige Staubwolke und in dieser Wolke müde verschwitzte und schwarze Gesichter. Aber das macht nichts, ist ja für Euch.“ Und dann wird er wieder ganz weich: „Im Radio spielten so schöne Weihnachtslieder, dass ich gleich wieder Sehnsucht nach Dir bekommen habe. Es ist doch komisch, dass man dabei so schwermütig wird. Man merkt doch gleich, dass ich noch lange kein Kommunist bin. Und ich bilde mir immer ein, dass ich schon ziemlich hart geworden bin. Nun, ich muss mich halt noch mehr anstrengen.“

Immer wieder wird Heinz versetzt – nach Doberlug, Quedlinburg und Prora. Von dort befehligt er später die Truppen zum Mauerbau nach Berlin. „Sehnsuchtssonate“ ist eine so mitreißende wie seltene Briefdokumentation eines Paares, das vor dem Hintergrund der eben gegründeten DDR die Liebe und das Leben entdeckt. Es macht Lebensentwürfe verstehbar, die heute nur noch wenig zählen.

Die Spannung zwischen Idealen und Ideologie ist über 15 Jahren hinweg mit Händen zu greifen. Historiker Dr. Stefan Stadtherr Wolter hat die Korrespondenz in ihre Zeit eingebettet. Die Einblicke in die Welt eines ranghohen Offiziers der NVA und seiner Lebensgefährtin werfen die Frage nach dem Umgang mit ostdeutschen Biografien erneut auf. Stefan Wolter will bewusst der Erinnerungskultur im wiedervereinten Deutschland widersprechen, wie er selbst sagt, dass noch immer einen Teil seiner Geschichte tilge und den Kalten Krieg bewusst herunterspiele. Der Bezug zu Großenhain macht die Lektüre für hiesige Leser noch spannender.

Stefan Wolter: Sehnsuchtssonate. Liebesbriefe im Kalten Krieg, ISBN-13: 978-3746037813, BOD 19,80 Euro

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