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Donnerstag, 09.03.2006

Lieber sterben als nachgeben

Schicksal. Vor 25 Jahren wurde Josef Kneifel in Karl-Marx-Stadt als Terrorist verurteilt, er wollte einen Sowjetpanzer vom Sockel sprengen.

Von Thomas Schade

Nasskalt und trüb ist es an diesem Sonntag. Schneeregen fällt. Da geht keiner gern raus. Ideale Bedingungen für Josef Kneifel. „Heute oder nie“, sagt sich der 38-Jährige am Nachmittag des 9. März 1980 und rüstet sich für eine der ungewöhnlichsten Straftaten der Chemnitzer Geschichte.

Kneifel überklebt das Kennzeichen seines Trabant-Kombi. Aus XX 00-04 wird RX 40-00. Er wuchtet eine Gasdruckflasche in das Auto und packt einen alten Wecker dazu. „Ich mach’ jetzt los“, sagt Kneifel zu seiner Frau Irmgard, die erkältet im Bett liegt. Beide wissen, es kann ein Abschied für immer sein. Dann zwängt sich der drahtige, aufgeschossene Mann mit der Halbglatze und der schwarz gerahmten Brille in seinen Trabi.

Auf der Fahrt von Niederlichtenau nach Karl-Marx-Stadt plagen ihn Zweifel. Jungpionier, FDJler, sogar Volkspolizeihelfer ist er mal gewesen. Er hat Goethe und Schopenhauer gelesen, obwohl er nach sieben Schuljahren nur Fleischer, später Werkzeugmacher gelernt hat. „Der Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn habe ihm dann „die Augen geöffnet“, sagt er heute. „Über die Sowjetunion wurden wir doch belogen.“

Bald ging Kneifel nicht wählen, sagte offen, was er denkt: Die Blockparteien seien doch das Gleiche wie die SED. Und in der Sowjetunion habe es auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegeben. Zehn Monate Haft wegen „Staatsverleumdung“ waren 1975 die Quittung. Im Magdeburger Gefängnis trat Kneifel für eine Bibel in den Hungerstreik und wurde mit verschärftem Arrest bestraft. Wegen seiner politischen Überzeugung sei er mit Schwerkriminellen zusammengesperrt worden. „Das hat meine Seele verätzt“, sagt er heute.

Diese Demütigung habe in ihm „gefressen“. Immer habe er überlegt: „Wie kannst du dich davon befreien?“ In seiner Dachkammer stand an der Wand: „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen“.

Keiner bemerkt den Täter

Und das treibt ihn an diesem Abend des 9. März 1980 an: Gegen 21 Uhr parkt Kneifel seinen Trabi in der Klarastraße. Sein Ziel ist der sowjetische Traditionspanzer T 34 mit der Nummer 195 – für ihn das „Symbol des Stalin-Imperialismus“. Der Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan kurze Zeit zuvor ist der Auslöser. Nun will er den Panzer vom Betonsockel sprengen. Kurz vor halb zehn liegt er mit seiner Elf-Kilo-Bombe unter der Panzerwanne und beobachtet die Dresdner- und die Frankenbergerstraße, die hier aufeinandertreffen. Kneifel platziert den Sprengsatz, stellt den Zeitzünder ein. Er hat nur wenige Minuten, um zu verschwinden. Am Trabi hört er den dumpfen Knall. In der Frankenbergerstraße 30/32 warten die Leute vorm Fernsehen aufs Ende des „Polizeirufs 110“, da bersten plötzlich Fensterscheiben – getroffen von Splittern und dem Druck. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt.

Kneifel ist vom Knall enttäuscht. Hat er sein Ziel erreicht? Im Ungewissen kehrt er heim, beseitigt alle Spuren und berichtet seiner Frau. Sie überredet ihn, erneut zum Panzer zu fahren, um Gewissheit zu erlangen. Wenig später sehen sie, dass der Koloss noch auf dem Sockel steht. Es wimmelt von Polizei, aber keiner nimmt Notiz von dem Trabi. Was Kneifels nicht wissen: Die Bombe hatte ein vier Zentner schweres Laufrad abgesprengt und 50 Meter in den Hof der Bezirkspolizei geschleudert.

Eine Spezialkommission des MfS beginnt noch in der Nacht zu ermitteln. Schäden werden schnellstens beseitigt, aber wie ein Lauffeuer spricht sich der Anschlag in der Stadt rum. In SED-Parteiversammlungen wird die Ungeheuerlichkeit verurteilt. Unter den Leuten ist Neugier: Wer hatte es gewagt, den Staat so anzugreifen? „Endlich hat mal einer was gemacht“, hätten ihm Leute gesagt. „Das war meine stille Genugtuung“, sagt Kneifel 26 Jahre später.

Akt der Selbstvernichtung

Da sitzt er – heute 63-jährig – in seiner kleinen Wohnung im Süden von Nürnberg. Umringt von Büchern und Bildern seiner verstorbenen Frau. Immer noch drahtig, aber krank, zwingt er sich, fit zu bleiben. Dreimal pro Woche fährt er mit dem Rad in die Klinik und schließt sich selbst an die Dialysestation an. Leise und gelassen spricht er über das, was passiert ist. Nur beim Warum brechen die alten inneren Kämpfe wieder auf. „Wer verlässt schon sein sicheres, behagliches Nest, gefüllt mit Liebe und Wärme und dem einzigen geliebten Menschen, um das zu tun, was höchst wahrscheinlich Selbstvernichtung bedeutet.“ Kneifel ist der Selbstvernichtung nur knapp entkommen.

130 Aktenbände zeugen heute noch vom gewaltigen Aufwand, den die Staatssicherheit bei der Suche nach dem Täter betrieb.

Lange kommt sie nicht voran. Irgendwann hätte sie beim Überprüfen „feindlicher Elemente“ auch vor Kneifels Tür gestanden. Er war verdächtig, hatte schon wegen Staatsverleumdung gesessen. Doch entdeckt wird Kneifel vom ausgefeilten Stasi-Überwachungssystem.

Erfolg der Schnüffler

Am 15. August 1980, einem Freitag, informiert die für das Abhören zuständige Abteilung 26 des MfS über ein Gespräch in den Diensträumen des Karl-Marx-Städter Superintendenten Christoph Magirius. Am Nachmittag erscheint dort der Pfarrer einer Jungen Gemeinde, der unter dem Beichtsiegel von einem seiner Schützlinge erfahren hatte, wer den Panzer vom Sockel holen wollte. Die Kirchenmänner sprechen über Details der Sprengung und darüber, wie sie sich als Mitwisser verhalten sollen. Magirius entscheidet sich für das Beichtgeheimnis. Aber in seinem Amtssitz läuft die Abhörmaßnahme „Theo I“, die Stasi hört alles mit. Obwohl der Name Kneifel im Gespräch nicht fällt, brauchen die MfS-Ermittler übers Wochenende nur eins und eins zusammenzählen, denn Kneifels Stiefsohn und dessen Freunde sind Mitglieder dieser Jungen Gemeinde.

Am Montag wird Josef Kneifel vorm Betriebstor der PGH Dynamo verhaftet, nach einer Woche bricht er sein Schweigen und beschreibt in Dutzenden Vernehmungen alle Details seines Anschlags. Genau ein Jahr nach der Tat, am 9. März 1981, steht er vor dem Karl-Marx-Städter Bezirksgericht – angeklagt als Terrorist. Die zugelassene Öffentlichkeit besteht fast nur aus MfSlern. Zwei Wochen vorher hat die Staatssicherheit einen Plan „zur Durchführung der gerichtlichen Hauptverhandlung gegen den Terroristen Josef Kneifel“ geschmiedet.

Kneifel erkennt das Gericht nicht an, lautstark äußert er sich abfällig über die Richter, wird vom Prozess ausgeschlossen und erst zur Urteilsverkündung in Pantoffeln, Hemd und Hose wieder in den Saal „gezerrt“, wie er beschreibt. „Das Lebenslänglich stand doch schon vorher fest“, sagt Kneifel heute. In Haft beginnt er sofort einen Hungerstreik, will als „politischer Gefangener“ behandelt werden. 14 Monate wird er über einen Schlauch ernährt. Mit 62 Kilo Körpergewicht muss er ins Leipziger Haftkrankenhaus. Die beiden Ärzte, die ihn dort behandeln, nennt er heute seine Lebensretter. In ihrem Abschlussbericht steht: Kneifels „fanatische Persönlichkeit“ sei „unkorrigierbar“, mit Gewalt sei „nichts durchzusetzen“, er werde „lieber sterben .., als nachzugeben“.

Ab 1984 verbüßt der DDR-Terrorist dann seine Strafe im Gefängnis Bautzen I – fast ununterbrochen im „gesonderten Kommando“, dem Arrestkeller des Hauses 2, dem dreckigsten, was das Gelbe Elend zu bieten hat. „Einige Wochen übersteht man das unbeschadet“, sagt er. „Aber drei Jahre auf zwei mal zwei Metern?“ Da versuche man sein Wissen im Kopf zu rekapitulieren und merke bald, wie es immer weniger wird. Er habe auch Schuldkomplexe bekommen, was er der Familie angetan habe.

Hilfe von der Kirche

Unnachgiebig versucht Kneifel dagegen zu kämpfen, reißt die gelben Streifen vom Häftlingsanzug, meldet zum Zählappell: „Genosse Kerkermeister, ein von Kommunistenhunden gefolterter politischer Gefangener.“ Die Wärter schicken Kriminelle, die ihn verprügeln. Es ist ein aussichtsloser Kampf. Körperlich und seelisch am Ende schreibt er mit seinem eigenen Blut an die Wände, was ihm widerfahren ist. Im Januar 1987 registriert das MfS, dass Josef Kneifel Nierenversagen drohe und er „keinen Lebenswillen mehr ausstrahle“. Fotos von ihm jagen dem MfS-Oberen offenbar einen Schrecken ein.

Kneifel ist inzwischen im Westen kein Unbekannter mehr. Seine Frau hat Kontakt zu Kirchenkreisen und Hilfsorganisationen aufgenommen. Von dort kommen unangenehme Anfragen. Über den DDR-Kirchenstaatssekretär Klaus Gysi wird Landesbischof Johannes Hempel gebeten, das „Problem Kneifel“ lösen zu helfen. Er soll begnadigt und in den Westen abgeschoben werden. „Sepp, sag ja“, habe seine Frau gefleht, als sie ihn mit Bischof Hempel besuchte, erinnert er sich. Im bischöflichen Dienstwagen fahren Kneifels am 6. August 1987 in Herleshausen über die Grenze, unmittelbar vor Honeckers West-Besuch.

Verätzt ist Kneifels Seele bis heute. Die Rehabilitierung wurde ihm verwehrt, „weil ich wohl doch Menschen in Gefahr gebracht habe“, gibt er zu. Mit einer kleinen Rente lebt er nach wie vor unangepasst, engagiert sich im Nürnberger Friedenskreis ebenso wie in einer rechten Gefangenenhilfsorganisation. Er sei kein Neonazi, aber ein Gerechtigkeitsfanatiker sei, sagt er, will darüber aber nicht reden.