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Dienstag, 31.01.2006

Lebendig nur im Netz

Legenden. Manche Dinge und Lebewesen existieren nur im Internet.

Von Matthias Weigel

Der Begriff virtuell trifft auf bestimmte Inhalte im Internet im doppelten Sinne zu. Denn manche Dinge gibt es eben wirklich nur im weltweiten Netz. Die „Hommingberger Gepardenforelle“ hat dies zuletzt eindrucksvoll gezeigt.

So wenig, wie sie in der realen Welt existiert, hat sie im Cyberspace ihre echten Kollegen abgehängt. Während für den Web-Fisch bei einigen Suchmaschinen über drei Millionen Einträge gefunden werden, bleiben Begriffe wie „Forelle“ oder „Gepard“ mit unter 1,4 und 0,5 Millionen Einträgen weit abgeschlagen zurück. „Ziel erreicht“ könnten die Initiatoren der Zeitschrift „c't“ sagen, die in einem Wettbewerb dazu aufriefen, den falschen Fisch in den Suchmaschinen ganz nach vorn zu bringen. Doch ist dies nicht das einzige Beispiel. Geben sie bei www.google.de beispielsweise einmal den Begriff „Schnitzelmitkartoffelsalat“ ein ... Gut. Das Schnitzelmitkartoffelsalat wird es im Normalfall, wenn auch mit Leerzeichen versehen, in der Kantine um die Ecke wirklich geben. Ob sie da allerdings einen gewissen Karl Ranseier (Phantasifigur), Edmund Friedemann Dräcker (Berufsdiplomat), Friedrich Gottlob Nagelmann (Verfassungsjurist), Julius Eigen (Mathematiker), Otto Jägermeier (Musikwissenschaftler), Alessandro Binomi (Mathematiker) oder P. D. Q. Bach (Sohn von J. S. Bach) antreffen werden, ist höchst fraglich.

Angedichtete Verdienste

Gestorben vielleicht, könnte man meinen. Weit gefehlt. Nahezu unsterblich sind sie – weil diese Herren allesamt nur im Netz der Netze existieren. Mit den ihnen angedichteten Werken, Erfindungen oder Verdiensten sind die meisten davon heute schon so etwas wie Legenden. Hartnäckig ranken sich beispielsweise die Geschichten um den angeblichen Bundestagsabgeordneten Jakob M. Mierscheid, nach dem sogar ein Gesetz benannt wurde. Haben sie den schon einmal gesehen?

Legendär sind auch die EU-Verordnung zur Einfuhr von Karamellbonbons, Geschöpfe wie die Leuchtschnabelbeutelschabe, die Steinlaus und das Rattenmädchen. Manche von ihnen finden sogar Veröffentlichung in Lexika oder Enzyklopädien – als so genannte Nihilartikel. Ausgedacht und erfunden sind die Personen oder Geschichten meist von Satirikern, Schriftstellern oder besonders begabten Scherzkeksen.

Als schneller Witz gedacht, haben sich viele der Ideen verselbständigt. Gerade das Internet bietet dafür die optimale Plattform. Anonymität und mangelnde wirksame Kontrolle bieten dem Pseudo-Wissen einen idealen Nährboden. Und die Leichtgläubigkeit manch eines Nutzers trägt das Übrige dazu bei.