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Sonntag, 12.08.2018

Lautlos in den Sonnenaufgang

Mehr als 1 000-mal ist Pilot Jörg Krause schon mit dem Heißluftballon gestartet – und noch immer freut er sich über magische Momente.

Von Miriam Schönbach

Magische Momente

Mit einem Hebel über seinem Kopf gibt Pilot Jörg Krause Gas. So sorgt er für sanften Auftrieb.
Mit einem Hebel über seinem Kopf gibt Pilot Jörg Krause Gas. So sorgt er für sanften Auftrieb.

© Uwe Soeder

Elstra. Der Mond verabschiedet sich gerade von der Nacht. Langsam verschwindet Luna hinter Elstra. Heißluftballon-Pilot Jörg Krause schaut in den erwachenden Morgenhimmel. „Wer den Sonnenaufgang sehen will, muss früh aufstehen“, sagt er und beginnt mit dem Aufbau des fliegenden Vehikels. Einen Korb und einen riesigen Stoffsack befördern er und sein Kollege Arthur Großmann aus dem Auto. Dann schicken die Luftfahrer zwei kleine, blaue Luftballons in die Höhe. Schnurgerade steigen sie auf und verschwinden bei etwa 150 Metern. Die Ballon-Gäste schauen ihnen sehnsüchtig nach. Der Test mit den kleinen Brüdern des luftigen Riesens ist für Jörg Krause ein unverzichtbarer Handgriff. Jetzt weiß er, in welche Richtung er den Ballon samt Korb auf der Wiese ausrichten muss. Die Pappeln stimmen mit den Vögeln ein Morgenlied an. Ihr Konzert unterbricht nur die Brennerprobe. Lautstark entzündet sich das Feuer, was der Ballon so dringend braucht, um schließlich abzuheben und durch das Himmelsmeer zu schweben.

Magische Momente

Jörg Krause nickt zufrieden. Vor 24 Jahren hat er mit der Pilotenausbildung begonnen. An moderne GPS-Technik war damals noch nicht zu denken, die Piloten navigierten mit Karte und Lineal. Ein Zeitungsbeitrag über ein Ballontreffen hatte den Trockenbauer auf seine heutige Leidenschaft aufmerksam gemacht.

Der Pilot legt an Tempo zu. Gasflaschen werden in der Korbkabine verstaut, das Funkgerät und das GPS-Navigationsgerät befestigt. Die Sonne soll an diesem Morgen 5.19 Uhr aufgehen. Mit der Hilfe der Muskelkraft der acht Passagiere ziehen Jörg Krause und Arthur Großmann von der Ballon & Luftschiff Sachsen Großmann & Söhne GbR aus Gersdorf den Ballon auseinander. Die gelben Stoffbahnen sind 28 Meter lang und 25 Meter breit. 750 Quadratmeter misst die Luftangriffsfläche. „Es sind sozusagen sieben Eigenheime vom Volumen her, die sich entfalten werden“, teilt der Pilot sein Wissen mit den Fahrgästen. Doch noch sieht der Ballon lediglich wie ein schlaffer Sack aus.

Lächeln gegen das mulmige Gefühl

Tine Seidel filmt den Aufbau. Karabiner klacken in Halterungen am Brennerrahmen. Sie sind das Ende von Stahlseilen, die den Korb tragen. Die Zwölfjährige aus Großröhrsdorf hält jedes Detail fest. Begleitet wird sie bei dem luftigen Abenteuer von ihrem Großvater Ralf Brückner. „Ich habe nur mal meiner Tochter erzählt, dass ich gern mal eine solche Ballonfahrt machen würde“, sagt der 60-Jährige aus Bretnig. Sein Wunsch wurde gehört, nun will er mit dem Ferienkind in die Luft gehen. „Ein bisschen komisch ist mir schon“, sagt Tine und lächelt das mulmige Gefühl einfach weg.

Aus der Dämmerung wird Morgen. Jörg Krause platziert rechts und links vom Brennergestell zwei Ventilatoren. Auf der linken Seite bekommt Hermine Pallmer aus Bautzen den Auftrag, sich um das Windgebläse zu kümmern. „Zuerst muss kalte Luft in den Ballon. Wenn die Hülle zu 85 Prozent mit Luft gefüllt ist, dann kommt die warme Luft dazu und wir müssen Gewicht dazubringen“, sagt der versierte Luftfahrer. Auf sein Kommando müssen die beiden Ventilatorenbeauftragten die knatternden Rotoren abschalten und zur Seite schaffen, während der Pilot den Brenner zündet.

Wie durch Geisterhand richtet sich der Heißluftballon auf. Noch hindert ihn ein Stahlseil, das den Korb mit dem Auto des Verfolgers verbindet, am Davonschweben. So gelingt es also den Brüdern Montgolfier, erstmals Menschen in die Lüfte zu heben. Am 4. Juni 1783 präsentieren die Papierfabrikanten Joseph Michel und Jacques Etienne Montgolfier ihre bahnbrechende Erfindung im französischen Annonay bei Lyon. Auf dem Marktplatz breiten sie die „35 Schuh“ lange Hülle aus Leinwand und Papier aus und entzünden die unter der Öffnung liegenden zehn Ballen Stroh und Wolle. Der unbemannte Ballon steigt auf eine Höhe von 1 000 Metern und bleibt zehn Minuten in der Luft. Der Versuch mit Lebewesen folgt nur wenig später, weiß Ballonfahrer Krause.

Testflug mit Schaf, Hahn und Ente

Statt mit dem Hund Laika, der 1957 die „bemannte“ Raumfahrt in der Sowjetunion einleitete, waren am 19. September 1783 am Hof von Versailles bei König Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette ein Schaf, ein Hahn und eine Ente Teil des Experiments. „Alle drei Tiere überlebten den Flug“, sagt der Heißluftballon-Kapitän und fordert auf zum „Boarding“, wie das Einsteigen ins Flugzeug in der Bordsprache heißt.

Alle Passagiere klettern schnell über die Korbwand. Arthur Großmann löst die Schnellkupplung. Sanft steigt der Heißluftballon auf. Mit einem Hebel über seinem Kopf gibt der Pilot dosiert Gas. „Er kommt langsam. Für sie beginnt nun eines der letzten Abenteuer der Menschheit“, sagt er und streift mit dem Korb über den Pappelkronen entlang. Es raschelt.

Das knapp 3 000-Einwohner-Städtchen Elstra verabschiedet sich. Mit zehn Knoten, etwa 18 Kilometer pro Stunde, rutscht der Heißluftballon dem Himmel ein Stück näher. „Wir lassen uns erst mal treiben und schauen, was der Wind macht“, sagt Jörg Krause und genießt den Aufstieg. Er liebt diese frühen Fahrten, wenn die Natur erwacht und die Sonne sich aus ihren Nachtschlaf über der Landschaft erhebt. An diesem Morgen stören lediglich ein paar Wölkchen ihre makellose Tagespremiere. Dabei bleibt Kamenz rechter Hand liegen. Der Schwedenstein und das Haselbachtal verschwinden wie in Zeitlupe. Die Kühe unten auf einer Weide wirken wie aus dem Spielzeugland.

Der Wind schiebt den Heißluftballon Richtung Dresdener Heide und damit in die Kontrollzone des Dresdner Flughafens. Seinen Kurs verfolgt Jörg Krause über das GPS-Navigationsgerät. Zwischendurch versucht er, seinen Verfolger anzufunken. Schließlich ist unklar, auf welchen Fleck Erde der Ballon landen wird. Es knarzt im Funkgerät. „Ich sehe Dich und komme Dir hinterher“, sagt Arthur Großmann.

Sein Vater hat das Unternehmen 1995 gegründet. Neben Krause gibt es vier weitere Piloten, einer macht noch die Ausbildung. Seit vergangenem Jahr können Interessierte von den versierten Luftfahrern das Ballonfahren lernen. Auch der Junior will seinen Flugschein machen. Mit Semesterbeginn wechselt er erst mal zum Maschinenbaustudium nach Riesa.

Heißluftballons haben immer Vorfahrt

Hinter dem Keulenberg beginnt die Kontrollzone des Flughafens. Eigentlich ist der Heißluftballon noch weit genug weg, trotzdem meldet Jörg Krause seine mögliche Einfahrt in den Schutzbereich bei der Luftüberwachung an. Per Funk nimmt er Kontakt zum Tower in Dresden auf. Die Lotsin gibt ihm das OK. „Sie weiß jetzt, dass wir in der Luft sind. Heißluftballons haben immer Vorfahrt, denn sie sind ja nicht steuerbar“, sagt der Pilot.

Unter dem Korb rauschen abgeerntete Felder in stoppelgelb und erdbraun, lindgrüne Maisschläge, gemähten Wiesen mit Miniheuballen und Wälder vorbei. Tine Seidel und die anderen Passagiere genießen staunend die Weite und die Stille. Lediglich der aufbrausende Brenner zerschneidet von Zeit zu Zeit die schwebende Lautlosigkeit.

Der Pilot lässt den Ballon auf etwa 500 bis 600 Meter nach unten sinken. Ganz kurz streift der Kurs die Pulsnitzer Flur, Friedersdorf und Oberlichtenau erkennen die kundigen Erstfahrer. Auf der Höhe von Lichtenberg formieren sich auf einem Bauernhof klitzekleine Gänse zu dem nach ihnen benannten Marsch. Vielleicht wollen sie den Spielzeug-Schafen auf der nebenliegenden Wiese Gesellschaft leisten. In jeder Himmelsrichtung lässt sich etwas Neues entdecken. 300 Meter über dem Meeresspiegel ist der Ballon nun noch. Alles wird größer – auch der nahende Kiefernwald.

750 Ballons beim Massenstart

Die Zweige sind nun schon zum Greifen nah. „Ballonfahrer putzen gern mit Wipfeln der Bäume ihren Korb“, sagt der Pilot lachend und schon kratzen die Nadeln außen am Korb lang. Jörg Krause macht einen langen Arm und holt einen Zapfen auf der höchsten Baumkrone. Seine Fahrten führen ihn und die anderen Piloten von Ballon Sachsen quer durch den Freistaat. Mit ihm sind schon Dreijährige und 93-Jährige geflogen.

Sein eigenes schönstes Ballonflugerlebnis führte den begeisterten Luftfahrer jedoch über die Alpen. In zweieinhalb Stunden ging es aus der Nähe von München nach Italien. Auch an das weltweit größte Ballonfahrertreffen im US-amerikanischen Albuquerque erinnert er sich gern. Beim Massenstart gehen dort bis zu 750 Heißluftballons gleichzeitig in die Luft.

Mit dem Zug an einem grünen Seil richtet Jörg Krause den Ballon in Fahrtrichtung aus und lässt ihn langsam sinken. Nach 55 Minuten hält er Ausschau nach einem geeigneten Landeplatz. Das Propangas an Bord würde zwei Stunden reichen. Die Erde rückt ganz langsam näher. Der Pilot lässt währenddessen die Bäume nicht aus dem Blick. Keinerlei Wind zupft an ihren Zweigen. „Das wird eine butterweiche Landung“, sagt er und steuert eine Wiese kurz vor Lomnitz an. Wenige Sekunden später steht der Korb schon auf der Weide, wo vor gar nicht langer Zeit noch Kühe grasten. Die heißen Temperaturen der vergangenen Tage hat die Kuhfladen zusammentrocknen lassen.

Erst auf Kommando des Piloten dürfen die Passagiere das Fluggefährt verlassen. Knapp 17 Kilometer liegen hinter ihnen. Per Seil öffnet der Kapitän die Klappen oben im Ballon, um die heiße Luft entweichen zu lassen. Säuselnd rauscht der Polyamid-Sack zusammen. Mit geübten Handgriffen und Unterstützung der Crew auf Zeit wird das Gefährt auf dem Auto verstaut. Tine Seidel filmt und ist für eine Zwölfjährige ganz schön sprachlos. „Es war wunderschön“, sagt sie. Die Sonne hat sich längst strahlend an den Himmel geklebt. Jörg Krause wischt sich den Schweiß auf der Stirn. Er lächelt. Denn auch für ihn ist jede Ballonfahrt immer wieder ein atemberaubendes Abenteuer.