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Sonntag, 12.08.2018

Kultusminister im Kreuzverhör

Christian Piwarz erklärt, warum der Landkreis Bautzen in Sachen Lehrerversorgung ein „Problemfall“ ist. Und sieht Auswege.

Von Jens Fritzsche

Kultusminister Christian Piwarz war in Bautzen auch nachdenklicher Zuhörer, als er beim CDU-Stammtisch über Sachsens Bildungssystem sprach. Foto: Steffen Unger
Kultusminister Christian Piwarz war in Bautzen auch nachdenklicher Zuhörer, als er beim CDU-Stammtisch über Sachsens Bildungssystem sprach. Foto: Steffen Unger

© Steffen Unger

Bautzen. Nun gut, fotografiert wird er als Minister ja öfter. Dass sich aber an diesem Abend vorm Bautzener Residence-Hotel ein Zwölftklässler neben ihn stellt und ein gemeinsames Foto möchte, um es als Profilbild für seine Facebook-Seite zu nutzen, dürfte dann auch für CDU-Politiker Christian Piwarz neu sein.

Sachsens Kultusminister ist in Bautzen, um auf Einladung der hiesigen CDU kurz vorm Schulstart über die Probleme im sächsischen Bildungswesen zu diskutieren, speziell im Landkreis Bautzen. Der –  so der Minister – eine Problemregion in Sachen Besetzung von Lehrerstellen ist. Es wird ein langer Abend. Ein hitziger, was nicht nur am drückenden Hochsommer liegt. Es gibt viele Fragen, die den Lehrern aus der Region auf der Seele brennen; aber auch der erwähnte Schüler möchte etwas wissen: ob Piwarz am Abitur nach zwölf Jahren festhalten will. „Ja“, sagt der Minister.

Bei vielen anderen Fragen ist es für ihn schon schwieriger; kurze Antworten sind jedenfalls selten an diesem Abend. Denn ein bisschen ist Christian Piwarz auch auf Werbetour. „Ich weiß, dass in den vergangenen Jahren eine Menge Misstrauen zwischen Lehrerschaft und Kultusministerium gewachsen ist, das will ich abbauen.“

Doch mit seinem Vorstoß, junge Lehrer zu verbeamten, sorgt Piwarz gerade für neue Verstimmungen. Die er sich auch in Bautzen müht, auszuräumen. Es drohe eine Zweiklassengesellschaft in den Lehrerzimmern, lautet der Vorwurf; denn die über 42-jährigen Lehrer sollen auch weiterhin „nur“ Angestellte bleiben. Eine Lehrerin verweist in diesem Zusammenhang auf ein Rentenproblem: Sie hatte kurz vor der Wende ein DDR-Lehrerdiplom in der Tasche, das später nicht anerkannt wurde. Also studierte sie noch einmal. „Diese Zeiten fehlen mir nun zur Rente, während die jungen Kollegen als Beamte von vornherein eine wesentlich höhere Pension bekommen; ich fühle mich da nicht wirklich wertgeschätzt.“

„Kein Fan der Verbeamtung“

Christian Piwarz versucht gar nicht erst, das Problem wegzudiskutieren, sondern verweist auf ein „Anreizsystem für Bestandslehrer“. Nach dem Leistungsprinzip werde es hier künftig Zulagen geben, um auch etwas für die nicht verbeamteten Lehrer zu tun; „aber eben nicht nach dem Gießkannenprinzip“, schränkt er ein. Und erläutert gemachte Fehler, die nun an einer Verbeamtung kaum noch vorbeiführen; „obwohl ich kein Fan der Verbeamtung bin“. Zum einen hätten die Statistiker stets einen drastischen Bevölkerungsrückgang für Sachsen prognostiziert, der nicht kam. „Es sind aber – weil man sich auf einen Rückgang vorbereitet hatte – keine Lehrer auf Vorrat eingestellt worden, weil es zunächst noch genügend Lehrer gab.“

Doch die gehen nun zu Tausenden in Rente; bis zu 1 800 jedes Jahr. „Jetzt fehlen Nachrücker“. Auch außerhalb Sachsens, denn durch den massiven Flüchtlingszustrom im Jahr 2015 wurden plötzlich deutschlandweit zusätzliche Lehrer gebraucht, „sodass der Markt leer gefegt ist.“ Sachsen könne nun nur noch Lehrer finden – und halten –, wenn man die gleichen Rahmenbedingungen biete, wie andere Bundesländer. Verbeamtung zum Beispiel.

Minister drängt auf Vollzeit

Alternativvorschlag aus dem Publikum: Man könne ja die Teilzeitregelung aufheben, die nach der Wende für sächsische Lehrer eingeführt wurde, um während geburtenschwacher Jahrgänge niemanden entlassen zu müssen. „Viele Lehrer wollen nicht voll arbeiten“, weiß Piwarz, der auf Vollzeit-Lehrer drängt.

Aktuell nutzen 40 Prozent der sächsischen Lehrer eine Teilzeit. Und der Minister kennt auch die Gründe: Die Belastung sei für viele einfach sehr hoch, „auch, weil Lehrer fehlen.“ Ein Teufelskreis. Eine Grundschullehrerin erklärt daraufhin, was zum Beispiel diese Belastung ausmache: „Ich brauche viel zu viel Zeit, um Konflikte zwischen Schülern zu klären.“ Die Schule übernehme zunehmend soziale Aufgaben, die eigentlich die Familien, die Eltern lösen müssten. „Und genau das ist nicht die Aufgabe der Lehrer“, macht Piwarz klar. Damit sich die Lehrer wieder auf ihre Kernkompetenz konzentrieren können, „wird jetzt an jeder Oberschule ein Sozialarbeiter arbeiten, vom Land bezahlt“, sagt er.

Es wird kein einfaches Schuljahr. Die Stimmung in den Lehrerzimmern bleibt angespannt, trotz gestiegener Gehälter. „Bei Grundschullehrern sind wir jetzt bundesweit Spitze!“ Es seien viele Einzelmaßnahmen auf den Weg gebracht, „die sich zu einem richtig guten Gesamtpaket summieren“, freut sich der Minister. Weiß aber, „dass noch viel zu tun bleibt“. Auch an Abenden wie diesem: „Wir müssen erklären, was wir vorhaben.“