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Samstag, 22.07.2017

Zwischen Frohsinn und Kopfweh

Die Sommerdiplome der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig überzeugen.

Von Sarah Alberti

Zurück zur Natur? In Leipzig wurde der Kleingarten erfunden, und Tina Mamczur hat in der HGB einen Haufen Gartenerde aufgeschüttet. Gewissermaßen als „Leihgabe“ von Parzelle Nr. 105 eines Leipziger Kleingartenvereins.
Zurück zur Natur? In Leipzig wurde der Kleingarten erfunden, und Tina Mamczur hat in der HGB einen Haufen Gartenerde aufgeschüttet. Gewissermaßen als „Leihgabe“ von Parzelle Nr. 105 eines Leipziger Kleingartenvereins.

© Johannes Ernst

Am vergangenen Wochenende ging die documenta in Athen zu Ende, in Kassel läuft sie noch bis September, ebenso wie die Schau Skulptur Projekte in Münster. Jenseits des Superkunstjahres – in Venedig ist auch noch Biennale – läuft der regionale Kunstkalender weiter. Unweigerlich stellt sich beim Rundgang durch die Diplomausstellung der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) die Frage nach Parallelen. Schon die Eröffnung schlug die Brücke zwischen Hochschulgeschichte und der allgemeinen Tendenz zum Vergänglichen: Margarete Keltsch aus dem System-Design gab vier in Schwarz gekleideten Tänzerinnen unterschiedliche Buchformate als Tanzpartner an die Hand: vom kleinen Reclamheft bis zum Leporello. In reclamgelben Socken tanzten sie dann auch durch den Lichthof der Hochschule. Das Buch als Objekt und nicht in erster Linie sein Inhalt bekamen eine Bühne, auch als Smartphone musste das Reclamheftchen herhalten. Performances sind erst seit wenigen Jahren diplomwürdig an der HGB. Auf der Documenta in Athen bildeten sie einen Schwerpunkt.

Ein Buch, das Form und Inhalt in bester Hochschultradition vereint, ist „Name, Waffe, Stern“. Das Gemeinschaftsprojekt von Felix Holler, Jaroslaw Kubiak und Daniel Wittner aus der Klasse Typografie und Schrift widmet sich dem Logo der Roten Armee Fraktion. Umfangreiche Recherchen im Bundesarchiv sind eingeflossen in die großformatigen 400 Seiten, die die gesellschaftliche Verflechtung des Logos verdeutlichen und ganz grundsätzlich die Frage danach stellen, warum sich eine Terrorgruppe Anfang der Siebzigerjahre eines eigenen Signets bedient.

Grafiker Paul Pistorius entwickelte hingegen das Online-Magazin ZUCKER mit dem Ziel, im Netz ein ähnliches Leseerlebnis bieten zu können wie mit einem gedruckten Magazin dank übersichtlicher Textlängen und ansprechender Gestaltung. Gedruckt zum Mitnehmen gab es die URL analog auf kleinen Zuckertüten. Auch für die Selbstvermarktung ist das Diplom gut.

Für Hochschulverhältnisse erfreulich unverkopft präsentiert Fotografin Alba Frenzel ihre Arbeit „Fotopapier, Licht, Ei“. Der Titel greift die verwendeten Materialien auf: Unterschiedlichste Zustände von Ei wurden in der Dunkelkammer auf Fotopapier belichtet – gekocht oder gerührt entstanden abstrakte Bilder: „Ich bin niemand, der vorher lange über ein Konzept nachdenkt. Die Fragen nach der richtigen Form stellen sich mir im Prozess. Dabei schwanke ich zwischen Frohsinn und Kopfweh“, schreibt Frenzel im A5-Begleitheft, das die insgesamt 38 Diplomarbeiten in dieser Ausstellung dank kurzer Texte erfreulich zugänglich macht. Man ist geneigt, sie zum Status quo der Hochschule, ja gar zu Tendenzen der zeitgenössischen Kunst zu befragen. Deutlich ist, wie auch bei den Großausstellungen des Jahres, dass es neben dem Blick in die Geschichte ums Jetzt und Hier geht, um unsere unmittelbare Umgebung, ums Analoge, wobei dies an der HGB nie out war.

In Münster ließ Jeremy Deller Kleingartenvereine über zehn Jahre Fotoalben führen. Die hat er nun in einer Parzelle ausgestellt. Tina Mamczur präsentiert im Festsaal der Leipziger Hochschule einen großen Erdhaufen, der stellvertretend steht für die Parzelle 105, ein Leipziger Kleingarten, in dem sie sich zwischen Zaun und Rasenkante der Neo-Nature widmete. Bestes Beispiel: Ein Film, der YouTube-Mitschnitte von Männern vereint, die sich liebevoll-aufwendig den Bart trimmen.

Natur ist auch der Ausgangspunkt für die Malereien von Soehnke Thaden, der Tiere und Pflanzen in detaillierten Mustern und Strukturen darstellt. Sie wurden mit einer Auszeichnung bedacht. Natürliche Formen sind auch wichtige Inspirationsquelle für die abstrakten Arbeiten von Jennifer König, die Öl und Grafit auf MDF-Platten bringt und damit beweist, dass Leipziger Malereiabsolventen sich vom Diktum der Narration befreit haben. Auch die Tendenz zur Selbstbespiegelung scheint am Ende. Und explizit Politisches der Aufmerksamkeit wegen sucht man erfreulicherweise vergebens. Wunderbar subtil daher umso mehr der filmische Essay „Arbeit die man gerne tut ist keine“ von Maximilian Steinborn: Gespräche mit seinem eigenen Vater, Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit, bilden die Grundlage des Halbstünders, in dem Steinborn auch den Wert seiner eigenen künstlerischen Arbeit hinterfragt.

Ein Diplomrundgang, der lohnt. Ein Willkommensgruß an den neuen Rektor Thomas Locher, der vor wenigen Tagen sein Amt antrat. Und auch an die 35 Bewerber für die Akademie für transkulturellen Austausch, mit der die Hochschule nach Deutschland geflüchteten Kunststudenten die Möglichkeit gibt, ihr Studium fortzuführen. Die ersten Studierenden aus dem vergangenen Jahr kommen nun ins Hauptstudium.

Diplomausstellung in der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wächterstr. 11, Leipzig. Geöffnet bis 12. August, Di – Fr 12 – 18 Uhr, Sa 12 – 16 Uhr

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