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Dienstag, 03.07.2018

Zeitlose Liebe

Von Jens Daniel Schubert

Großer Auftritt für Sylva, die Csárdásfürstin, in der gleichnamigen Operette, die jetzt in Dresden Premiere hatte. Foto: Stephan Floß
Großer Auftritt für Sylva, die Csárdásfürstin, in der gleichnamigen Operette, die jetzt in Dresden Premiere hatte. Foto: Stephan Floß

© Stephan Floß

Dass ein Adliger sich in der Provinz die Hörner abstoßen will, sich verliebt, aber aus Standesgründen nicht heiraten darf, ist typisch Operette. Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ erzählt davon und ist damit meilenweit vom wirklichen Leben entfernt. Das dürfte wohl der Hauptgrund gewesen sein, warum Axel Köhler für seine Inszenierung der beliebten Liebesgeschichte mit zu Schlagern gewordenen Melodien das Libretto gründlich überarbeitet hat. Allen Skeptikern zum Trotz ist das gelungen, und das Publikum der Premieren am Wochenende erlebte fast drei Stunden stimmige, gute Unterhaltung.

Köhler verpflanzt die Geschichte aus der ungarischen Provinz der K.-u.-k.-Monarchie ins Wien von heute, wo ein Hochadliger als Chef einer nationalkonservativen Partei Bundeskanzler ist, als Erstes mal wieder die Adelstitel reaktiviert hat und sich nun wieder als Fürst von und zu Lippert-Weylersheim aussichtsreich um die Wiederwahl bemüht. Seinen Sohn Edwin plant er, als Heimatminister in sein Kabinett zu holen. So platt aktuell politisch wie das hier klingt, ist die Neufassung allerdings nicht. Darum funktioniert diese Fassung vermutlich. Köhler ging es nicht darum, mit einer hundertjährigen Operette heutiges politisches Kabarett zu machen, sondern das Umfeld der Figuren so zu modifizieren, dass ihre Verhältnisse und Beziehungen und damit ihr Handeln im Stück schlüssig und nachvollziehbar werden. So kann er seine Regie-Qualitäten als Erzähler berührender Geschichten, die sich zwischen Menschen ereignen, entfalten.

Das gute Ende ist absehbar

Weil es ein Unding ist, dass der künftige Minister der Nationalkonservativen eine Liaison mit einer Varietésängerin, Ausländerin und Zigeunerin, hat, verliert diese ihre Arbeitserlaubnis. Deshalb muss diese Sylva Varescu Wien verlassen und will das Verhältnis mit Edwin beenden. Doch ist sie sichtbar froh, als er sich zu ihr bekennt und ein notariell beglaubigtes Eheversprechen vor aller Augen und Ohren gibt.

Barbara Senator ist keine Zigeunerin. Das temperamentvolle Weib, das leidenschaftlich liebt und deren dauerhafter Treue man sich nicht sicher sein kann – auch das steckt in Sylva Varescu – spielt sie nicht. Dafür nimmt man ihr die rückhaltlose Liebe, die ehrliche Enttäuschung, das zickige Trotzverhalten und die Freude über das schlussendlich gefundene Glück wirklich ab. Bryan Rothfuss an ihrer Seite ist nicht nur stimmlich ein ebenbürtiger Partner, sondern auch ein ernsthaft Liebender. Vielleicht hätte dem Paar ein wenig grundsätzliche Erschütterung gutgetan. In Axel Köhlers Inszenierung ist das gute Ende eigentlich von Anfang an klar. Auch Julia Danz als Stasi, Edwins Cousine und vorbestimmte Braut, die sich dann mit großer Freude dessen Freund Boni angelt, ist eine sehr verständnisvolle, gut meinende Partnerin für Edwin. Und Boni wirkt ein wenig wie der verrückt-nette Oliver Pocher. Ein Mädchenversteher und Pechvogel, dem man so sehr sein Glück wünscht, dass Stasi wie gerufen kommt. Johannes Strauß spielt und singt diesen liebenswerten Kameraden ohne einen Hauch von Eigensinn.

Köhler gibt der Operette, was sie braucht. Da hat er mit den Ausstattern Okarina Peter und Timo Dentler großartige Partner. Sie zaubern edle Garderobe und großzügige Bilder. Ein Zirkuszelt vor Wiener Straßenkulisse ist das Varieté, in dem sich Edwin in Sylva verliebte. Das Schäbige dieser Wanderbühne ist nur im Hintergrund erkennbar.

Eine große Wahlkampfbühne vor der prächtigen Hofburg-Kulisse mit begehbarer Dachterrasse bietet viel Platz für große Szenen. Und bei der Verwandlung zum Garderobenfoyer des Palastes kann die Technik all ihre Raffinesse ausfahren. Hier hat dann die Kanzlergattin, herrlich komödiantisch ausgespielt von Silke Richter, ihre Einlage mit einem kleinen „… Slowfox mit Mary“. Radek Stoppka hat das Ballett – und all die anderen Beine des großen Ensembles – mit teilweise recht originellen, immer sehr anschaulichen, oft aber unpräzise ausgeführten Choreografien durch die Geschichte geführt. Walzer, Csárdás, Stepptanz, goldgeflügelte Engel, weiß gekleidete Debütantinnen und eine folkloristische Zigeunertruppe – Operette sich wer kann.

In den Figurengeschichten wären mehr Ecken und Kanten, größere Fallhöhe, etwas, das an die Substanz geht und sich nicht gleich in Wohlgefallen auflöst, zu wünschen. Im Musikalischen dagegen fehlte diese Ausgeglichenheit. Neben glanzvollen Gesangsnummern der Protagonisten gab es zahlreiche Momente, in denen die Sänger im Orchesterklang untergingen, manche Unexaktheit im Ballett mag auch der metrischen Extravaganz geschuldet sein, mit der Peter Christian Feigel seine Interpretation der „Csárdásfürstin“ würzte.

Wieder am 10., 11., 14. und 15.7. sowie ab Ende

September; Kartentelefon: 0351 32042222

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