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Dienstag, 11.01.2011

Zehn Jahre Wikipedia

Der riesige Erfolg der Plattform war selbst für Experten nicht vorhersehbar - mehr als eine Million Nutzer schreiben am Mitmachlexikon mit. Doch es gibt auch Probleme.

Von Friedhelm Greis

Berlin. Was ist eigentlich Dioxin? Wer sich angesichts des aktuellen Lebensmittelskandals ausführlich über diesen Giftstoff informieren möchte, landet vermutlich schnell beim Internetlexikon Wikipedia. Was früher der Griff zum dicken Nachschlagewerk bedeutete, ist heutzutage fast komplett durch einen Klick auf die kostenlose Online-Konkurrenz ersetzt worden. Die Nutzung erscheint inzwischen so selbstverständlich, dass das anstehende Jubiläum erstaunt: Erst vor zehn Jahren, am 15. Januar 2001, wurde die erste Version in den USA gestartet. Wie aus dem Nichts sind seitdem weltweit fast 18 Millionen Artikel in rund 270 Sprachen entstanden.

Dazu gehört auch der Artikel über «Polychlorierte Dibenzodioxine und Dibenzofurane», wie die giftigen Dioxine wissenschaftlich korrekt genannt werden. Aber kann ein Text über solch ein spezielles Thema auch zuverlässig sein, wenn jeder Internetnutzer ihn einfach verändern und umschreiben kann? Das Grundprinzip der Wikipedia, das immer noch gilt, hat von Anfang Kritik an dem Lexikon hervorgerufen. In der zehnjährigen Geschichte wurden zudem viele Fälle bekannt, in denen bewusst unzutreffende Fakten in die Texte eingeschleust wurden. Aber der Erfolg gibt dem Gründer Jimmy Wales bislang recht. Der Lexikon-Vorgänger nupedia, der noch auf wissenschaftlich strenge Kontrolle der Artikel setzte, wurde nach wenigen Jahren abgeschaltet. Die Wikipedia zog hingegen immer mehr Autoren an. Bald wurde der modische Begriff der Schwarmintelligenz auf das Projekt angewandt.

Millionen an Spenden eingenommen

Von den über eine Million Nutzern, die sich seit 2001 bei der deutschen Wikipedia angemeldet haben, trugen bislang 91 zu dem Dioxin-Artikel bei. Das ermittelt das Internetprojekt Wikiwatch, das die Zuverlässigkeit der Wikipedia-Artikel prüft. Der Dioxin-Beitrag wurde im November 2004 angelegt, seitdem rund 280 Mal überarbeitet und mit 72 Fußnoten versehen. Nach Wikiwatch-Kriterien gilt er als «zuverlässige Quelle», nach Wikipedia-Maßstäben ist er «lesenswert». Das dürfte auch die 160.000 Nutzer gefreut haben, die das Stichwort «Dioxin» in der ersten Januarwoche aufriefen. Den Vergleich mit einem gedruckten Brockhaus-Eintrag muss der Text ebenfalls nicht scheuen: Vom Umfang her ist er fast 20 Mal so lang und unschlagbar aktuell: Der Skandal um dioxinverseuchtes Futterfett ist bereits erwähnt.

Der Dankbarkeit ihrer Nutzer über so viel zusammengetragenes Wissen konnte sich Wikipedia auch bei der jüngsten Spendenkampagne sicher sein. Allein in Deutschland sammelte der Verein Wikimedia rund zwei Millionen Euro ein, dreimal so viel wie im Vorjahr. Über die weltweit gespendeten 16 Millionen Dollar freute sich Jimmy Wales anlässlich des zehnjährigen Bestehens: «Daher ist es so wichtig, dass wir das Jahr genau so starten können: mit einem gesicherten Budget, das Wikipedia und alle ihre Schwesterprojekte finanziell unterstützt und es uns ermöglicht, in die nächsten zehn Jahre unserer gemeinsamen Arbeit zu starten.»

Neulinge haben es schwerer als am Anfang

Rein rechnerisch könnte der deutsche Wikipedia-Ableger in zehn Jahren 2,6 Millionen Einträge haben, wenn wie bisher rund 400 neue Texte am Tag hinzukommen. Schon seit Jahren gibt es aber erbitterte Debatten darüber, ob bestimmte Themen überhaupt «enzyklopädisch relevant» sind. Letztendlich entscheiden darüber die knapp 300 Administratoren. Sie werden von der Wikipedia-Community gewählt und haben besondere Rechte. Darunter auch das Löschen von Artikeln. Anders als in den Anfangstagen ist es inzwischen wesentlich schwieriger, als Einsteiger neue Inhalte beizutragen. In vielen Diskussionen hat sich ein Regelwerk herausgebildet, das ein Gelegenheitsautor kaum beherrschen kann. Der Frust, wenn ein mühsam erstellter Beitrag gleich wieder von den «Platzhirschen» gelöscht wird, ist daher groß. Für Soziologen ist die Wikipedia ein spannendes Experiment darüber, wie sich Internetgemeinden rund um ein gemeinsames Ziel organisieren. Wie sich Hierarchien und Führungsstrukturen trotz eines demokratischen Grundansatzes herausbilden.

Dabei wird häufig übersehen, dass das Wikipedia-Programm in erster Linie eine soziale Software ist und ebenso wie Facebook und Twitter zu den sogenannten Social Media zählt. Wer sich in dem Lexikon viel engagiert und konstruktiv mitarbeitet, hat eine größere Reputation und erzielt mit seiner Meinung ein größeres Gewicht. Eine gewisse Ausdauer ist Voraussetzung, um über Wochen und Monate zu diskutieren, ob beispielsweise der Wiener Aussichtsturm ein Fernsehturm ist oder nicht. Wie wichtig das Soziale ist, zeigen auch die vielen Wikipedia-Stammtische, die es bundesweit gibt. Dort wird das Jubiläum am Samstag auch ausgiebig gefeiert. Und vielleicht auch versucht, den Artikel über Dioxine noch ein bisschen zu verbessern. (dapd)