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Dienstag, 24.05.2016

Zebras, Zombies und ein Lächeln

Ein Video aus Dresden macht Furore. In den Hauptrollen ein libanesisches Mädchen und ein Pferd mit Streifen.

Von Juliane Hanka

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Eine verliert ihre Streifen, die andere ihr Lächeln: Luna und Maja im Musikvideo, das zu großen Teilen in Dresden gedreht wurde. Wer sich auskennt, entdeckt bekannte Orte wieder.
Eine verliert ihre Streifen, die andere ihr Lächeln: Luna und Maja im Musikvideo, das zu großen Teilen in Dresden gedreht wurde. Wer sich auskennt, entdeckt bekannte Orte wieder.

© David Campesino

  • Eine verliert ihre Streifen, die andere ihr Lächeln: Luna und Maja im Musikvideo, das zu großen Teilen in Dresden gedreht wurde. Wer sich auskennt, entdeckt bekannte Orte wieder.
    Eine verliert ihre Streifen, die andere ihr Lächeln: Luna und Maja im Musikvideo, das zu großen Teilen in Dresden gedreht wurde. Wer sich auskennt, entdeckt bekannte Orte wieder.
  • David Campesino stammt aus Spanien, lebt in Dresden: Der Filmemacher feiert mit seinem Musikvideo gerade im Internet Erfolge.
    David Campesino stammt aus Spanien, lebt in Dresden: Der Filmemacher feiert mit seinem Musikvideo gerade im Internet Erfolge.

David Campesino ist ein spanischer Fotograf und Filmemacher. Ein Gemeinschaftsmensch, ein überzeugter Neustädter, einer, der das Leben für seine Kurven liebt. Immer wieder betont er, wie unmöglich der Filmdreh ohne sein wunderbares Team gewesen wäre. Campesino meint die Dreharbeiten zu einem Musikvideo für die schwedische Band Kristoffer And The Harbour Heads. Das fünfeinhalbminütige Video spielt in Einsiedel, vor allem aber in Dresden. Doch das merkt man kaum. Keine Frauenkirche, keine Semperoper. Dafür eine triste Stadt voller finster schauender Bewohner. Und Maja, ein Mädchen aus dem Libanon. Mit ihrem Lächeln fängt diese Geschichte an.

Im Herbst 2015 nämlich stehen 20 Flüchtlinge vor der Tür des Kunst- und Kulturprojekts Kukulida auf der Martin-Luther-Straße. Campesinos Zuhause. Die Menschen bleiben dort eine Woche, kochen jeden Abend fürs komplette Haus und erzählen Geschichten. Die zehnjährige Maja, ihr Bruder und ihre Mutter sind auch dabei. „Einmal“, erzählt Campesino, „ging ich mit den dreien zu einem Bäcker, und Maja lächelte die Bäckersfrau an. Sie aber schaute grimmig zurück. Ich hab nicht verstehen können, wie Menschen auf dieses strahlende Lächeln so reagieren können.“ Da steht die Idee. Mädchen trifft auf eine Stadt voller Zombies, die zu keinerlei Gefühlen in der Lage sind, und verliert dabei ihr Lächeln.

Kurz darauf kommt über Freunde die Videoanfrage aus Göteborg. Kristoffer And The Harbour Heads, eine eher unbekannte Band, zeitgenössischer Indie-Pop. In ihrem Lied „When You Say Stay“ singen sie darüber, wie einfach es in einer Beziehung ist, etwas zu sagen, aber ganz anders zu fühlen. Campesino hebt mit seinen Bildern auf eine höhere Ebene ab. „Ich finde, was in einer Beziehung falsch läuft, läuft auch in der Gesellschaft falsch. Dieses ‚Ich dachte, du bist so, aber du bist ja ganz anders‘. Kaum jemand will wirklich dazulernen.“

Der junge Filmemacher aber will immer dazulernen. Er holt sich Rat von den zwei erfolgreichen Kollegen Sebastian Linda (u. a. „Live Is A Dance“, aktuelles Vorzeige-Video der Kampagne „So geht sächsisch“) und Jens Rosemann (prämierter Animationsfilmer). Campesino möchte, dass seine Botschaft witzig und poetisch, aber trotzdem politisch ist. Er findet, dafür braucht es ein Zebra. „Alle finden Zebras faszinierend, solange sie im Zoo sind. Das ist wie mit der arabischen Welt. Die schöne Kuppel der Yenidze, die arabischen Märchen; da gehen alle hin und finden es toll. Aber dann kommen echte Araber, und auf einmal wollen die Leute nichts mehr mit ihnen zu tun haben.“

Das Zebra im Video ist eigentlich ein weißes Pferd namens Luna und hat seine eigene kleine Geschichte. Es büxt – schon halb mit schwarzen Streifen angemalt – vom Drehort aus und wird erst an einer vierspurigen Autobahn wieder eingefangen. Polizisten beobachten die Szene und hätten, glaubt man Campesino, am Ende auch ganz gern mitgespielt. Im Video zu sehen sind nun ein paar bekannte Gesichter. Die Sängerin Anna Mateur, der Bildende Künstler Falk Töpfer oder die Choreografin Valentina Cabro, aber auch Obdachlose, eine Frau im Rollstuhl, Hausfrauen und Yuppies. Die Zombies sollten einen Querschnitt durch die Gesellschaft abbilden, die Campesino wahrnimmt. Gecastet wird in der Suppenküche, im Friseurladen, unter Freunden. Auch der Leiter des Freizeitparks Kulturinsel Einsiedel, in dem einige Traumszenen gedreht werden, ist schnell überzeugt.

Einsiedel ist schließlich noch so ein Ort, in dem die Menschen das Lächeln verlernt zu haben scheinen. „Konflikte mit dem Anderssein gibt es ja an vielen Orten. Ich wollte, dass die Geschichte überall in der Welt spielen könnte, in Dänemark, den USA oder eben in Dresden“, sagt Campesino. „Außerdem möchte ich, dass die Leute selber denken. Alles, was ich mache, lässt sehr viel Raum für die Zuschauer.“

Campesino möchte Kunst für die Masse machen. Er hält das Internet für die größte Galerie aller Zeiten, dort könne man schließlich sehr viele Menschen erreichen. 5 000 Mal haben sie sein Video immerhin schon angeklickt. Der Stern postet es auf seiner Internetseite und titelt: „Wie ein Mädchen und ein Zebra die Flüchtlingssituation auf den Punkt bringen“. Den alleinigen Flüchtlingsfokus hat Campesino nicht so gern, aber immerhin bringt er überregionale Aufmerksamkeit. Für 3 000 Euro. So viel zahlt die Band. Dafür lassen sie dem Spanier alle künstlerische Freiheit, ohne ihn je getroffen zu haben, nur aufgrund seiner bisherigen Filmarbeiten. Gerade wurde das Video für den Internationalen Wettbewerb beim Backup_festival Weimar nominiert.

Und was macht Maja jetzt? Ihre Mutter sucht einen Job in Dresden. Die Familie ist regelmäßig bei Campesino zu Gast. Vor ein paar Wochen feierten sie gemeinsam im Kukulida Majas elften Geburtstag. Maja bringt ihnen arabische Tänze bei. Und lächelt wieder.

www.szlink.de/campesino