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Donnerstag, 24.08.2017

Zählen bis unendlich

Wider das Blöde, Braune: Zum Tod des Dresdner Autors Bernhard Theilmann, dem nicht nur die Kunstszene viel verdankt.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

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Bernhard Theilmann war Druckmaschinenbauer, Werkzeugmacher, Sicherheitsinspektor, Energetiker, Herausgeber, Redakteur, Journalist, vor allem aber eine wichtige Persönlichkeit der Dresdner Kunstszene. Am Dienstag ist er im Alter von 68 Jahren gestorben.
Bernhard Theilmann war Druckmaschinenbauer, Werkzeugmacher, Sicherheitsinspektor, Energetiker, Herausgeber, Redakteur, Journalist, vor allem aber eine wichtige Persönlichkeit der Dresdner Kunstszene. Am Dienstag ist er im Alter von 68 Jahren gestorben.

© Thomas Lehmann

Man kann, wenn einem tiefe Traurigkeit den Blick verschleiert, nicht gut schreiben. Doch Bernhard Theilmann würde sagen: „Wenn es sein muss, schreibst du eben blind.“ Es muss sein. Habe erfahren, dass er am Dienstagabend gestorben ist. Krank war Bernhard zwar schon lange. Aber er hatte bereits vor Jahren, im gesegneten mittleren Alter, etwas von einem Methusalem gehabt. Als wäre er immer schon da. Lange schon weise. Unverwüstlich. Die ewige Jugend in der grauen Version. Wenn es dann doch anders kommt, wollen wir es nicht glauben. Dichter, Denker, Dresdner. Als Autorenkollege schrieb er jahrelang für die SZ, ein Feuilletonist im Wortsinn, fabulierte über Kunst und Künstler, über Licht und Schatten, über das Wesen hinter den Oberflächen, über Geschichte und die Zwischentöne zwischen dem Ticken der Zeiger und dem Stundenschlag. Oder über die Dauer, „als wär die zeit nur zählen bis unendlich“, wie er dichtete.

Er war ein Freund, ein väterlicher, brüderlicher, unverbesserlicher Freund mit blitzenden Augen, riesigem Wissen, langen Haaren und manchmal nur halblanger Geduld. Beim Skatspiel zum Beispiel, wenn einer eine Ewigkeit zum Drücken brauchte. Oder wenn man einen seiner klugen Gedanken um drei Ecken nicht gleich begriff. Doch dann hat er gegrinst und die hintersinnige Überlegung noch mal andersrum aufgerollt. Oder eine ausführliche Geschichte erzählt, die er mit unverwechselbarem Räuspern schmückte. Er war Streitgefährte wider das Blöde, Flache, Braune, und er konnte sich über Gleichgültigkeit heftig aufregen.

In der einst von einem „postrevolutionären“ Bürgerkomitee gegründeten Zeitschrift „Horch und Guck“ veröffentlichte er vor zehn Jahren unter dem Titel „Welche Farbe hat mein Zorn“ einige Gedichte aus den Jahren 1976 bis 1988 und ließ im Vorspann wissen, was ihm biografisch wesentlich erschien: „Bernhard Theilmann, 1949 in Kurort Rathen geboren, Druckmaschinenbauer, Werkzeugmacher, Sicherheitsinspektor, Energetiker, Herausgeber, Redakteur, Journalist und andere Beschäftigungen, Gründungsmitglied der Obergrabenpresse (1978), Stadtmagazin SAX (1990), ASSO (1990), lebt seit 1974 in der Dresdner Äußeren Neustadt, verheiratet, vier Kinder, ein Fahrrad und viele Maultrommeln.“ Er hat unheimlich viel gemacht, aber nie großen Schmus um die eigene Person. Eines seiner Gedichte endete so:

mir bleibt die trauer wie der zorn

die freude und die angst

wer sich verleugnet schleicht zurück

in deutschen Michels sieches glück

mich lockt die flucht nach vorn

Er hat verrückte Dinge verzapft und kluge, aber er hat nie halbe Sachen gemacht. Eine seiner großen Freuden war die „Obergrabenpresse“, die er mit den Künstlern Peter Herrmann, Eberhard Göschel und Ralf Winkler alias A. R. Penck sowie dem Drucker Jochen Lorenz in den späten Siebzigern zum Laufen brachte. Mit den Genehmigungen war es so eine Sache, mal hatten sie eine, mal nur beinahe, aber Bernhard und seine Freunde sagten: „Wer, wenn nicht wir“, und dann brachten sie ihre ambitionierten und überaus begehrten Mappen mit Grafik und Lyrik heraus. Bald machten auch andere Künstler und Dichter mit. Bernhard resümierte den Stress mit Rathaus und Stasi später mit einem Augenzwinkern: „So viel Anarchie brachte Behördenleute elf Jahre lang in Rage.“

Einige Dresdner Künstler auch der nachfolgenden Generation verdanken Bernhard viel. Nicht nur, weil er über sie schrieb oder ihnen Kontakte vermittelte, sondern vor allem, weil er Stärken und Eigenheiten erkannte und Zweifelnde oder Zaudernde auf feine, sensible Art zu ermutigen verstand. Bevor er sich vor ein paar Jahren durch einen banalen Zeckenstich ein Leiden einhandelte, das ihn mit heftigen Schüben immer wieder brutal niederwarf und das er nicht mehr los wurde, hatte er oft Schwung, der für drei reichte. Sein Elan war ansteckend, seine Begeisterungsfähigkeit legendär, seine Beharrlichkeit auch.

Bernhard Theilmann hatte Charisma, und er hatte mit Hannarose eine wunderbare Gefährtin, die nicht nur die Großfamilie zusammenhielt, bei Besuch die Skatrunde komplettierte oder geschickt schlichtete, wenn am Tisch zwei Leute absolut recht hatten, aber leider gegensätzlicher Meinung waren.

Wenn Bernhard fand, dass das Beste am Disput ist, dass ungeachtet von Personen und Eitelkeiten die Wahrheit ans Licht kommt oder für ein Problem eine Lösung gefunden wird, dann steuerte Hanna die Erkenntnis bei, dass Humor Lösungen zwar nicht ersetzen, aber mitunter den Abend retten kann. Er bewunderte viele Dichter und Künstler, aber am allermeisten bewunderte er seine Frau. Dass seine Familie bei ihm war, die Kinder zum Abschied für ihn musiziert haben, das ist ein leise schwingender Trost.

Er war eine so starke Persönlichkeit und ein für die Dresdner Szene so prägender Typ, voller Kraft und Unruhe, ein bodenständiger Intellektueller mit geistreichem Witz, dass wir, wenn die Tränen getrocknet sind, ihn lachend und schmunzelnd im Gedächtnis behalten sollten. Wenn Bernhard sich räusperte, war etwas von Belang zu erwarten, eine Weisheit, eine These, eine Anekdote oder ein hintergründiger Scherz. Schwer vorzustellen, dass das nun nur noch Erinnerung ist.

In solchen Momenten wäre mir ein Jenseits ganz recht, in dem Bernhard viele seiner alten Freunde nun wiedertrifft. Wir wissen darüber nicht Bescheid. Doch wenn, dann ist da jetzt ordentlich was los, eine Feier, wie wir Lebenden sie nur selten hinkriegen. Oh Mann, wir hätten lieber hier im Diesseits die Genesung gefeiert.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Trixi Ritter

    ein Wasserfall durch deine weißen Haare das Kind im Spiegel findest du nicht mehr nur hinter’m Blick da kommst du längst nicht in die Jahre und hoffst als ob es Zukunft wär Ruhe in Frieden, lieber Bernhard T.R.

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