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Donnerstag, 18.10.2018

Wurzeln des Bösen

Das Verbrechen besiegt man nur, indem man möglichst früh Armut und Dummheit bekämpft.

Von Michael Bittner

SZ- Kolumnist Michael Bittner
SZ- Kolumnist Michael Bittner

© Ronald Bonß

Als ich jüngst einmal spazieren ging, tobte eine Horde kleiner Kinder an mir vorüber. Zufällig hörte ich, wie sie darüber diskutierten, was man als Nächstes spielen sollte: „Los, einer von uns ist jetzt ein Bettler! Und die anderen rauben ihn aus!“ – „Ja! Und danne – danne ist einer ein Lieber, der muss die Bösen verfolgen und bestrafen!“ Ich schmunzelte über die Einfalt der Kleinen – aber nur, bis mir auffiel, dass die Willkür der Kinder bei der Verteilung der Rollen von Gut und Böse doch ziemlich wirklichkeitsgetreu ist, vernünftiger jedenfalls als der Glaube des Spießbürgers, der angeborene Charakter eines Menschen entscheide über seinen Lebenslauf.

Seit Jahrzehnten unterstützt die Kulturindustrie diese Selbstgewissheit der ehrlichen Biedermänner, indem sie Verbrecher als unverbesserliche Monster inszeniert. Nicht einmal der „Tatort“ aus Gütersloh und die MDR-Vorabendserie „Einsatz im Erzgebirge“ kommen mehr ohne teuflische Psychopathen aus, die aus purer Lust am Bösen grausam morden und ein hinterhältiges Spiel mit dem Kommissar treiben, indem sie ihm beschriftete Leichenteile per Post zuschicken und mit dem Blut ihrer Opfer obszöne Bilder an die Wände von Waldkindergärten malen.

Die Filmproduzenten sparen so jede Menge Geld beim Drehbuch, denn die Autoren müssen sich nicht die Mühe machen, dem Verbrecher einen glaubwürdigen Charakter und eine nachvollziehbare Geschichte zu geben. Der Böse ist böse, weil er böse ist. Und die untadeligen Konsumenten schlafen beruhigt vorm Fernseher ein, nachdem der Täter für immer weggesperrt ist.

Tatsächlich sind es meist die gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen das Verbrechen erwächst. In Ländern, in denen die Unterschiede zwischen Arm und Reich besonders krass sind, in denen Hoffnungslosigkeit und Elend die soziale und geistige Verwahrlosung ganzer Klassen ausbrüten, gibt es besonders viele Kriminelle. Der Versuch, solches Verbrechen durch besonders harte, ja unmenschliche Strafen zu vermindern, ist zum Scheitern verurteilt, wie das Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt. Wahr bleibt, was Robert Owen schon vor zweihundert Jahren schrieb: Das Verbrechen besiegt man nicht, indem man den Verbrecher verteufelt, sondern indem man möglichst früh die Armut und die Dummheit bekämpft.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.