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Freitag, 15.06.2018

Wo ist der neue Schreier?

Von Bernd Klempnow

Peter Schreier in den 60er-Jahren, als seine internationale Karriere als Lied- und Operntenor begann: 1967 sang der Dresdner, dessen Stammhaus die Berliner Lindenoper war, erstmals bei den Salzburger Festspielen, wo er dann 25 Jahre lang gastierte. Es folgten Engagements an der Mailänder Scala, der New Yorker Met, dem Teatro Colón in Buenos Aires
Peter Schreier in den 60er-Jahren, als seine internationale Karriere als Lied- und Operntenor begann: 1967 sang der Dresdner, dessen Stammhaus die Berliner Lindenoper war, erstmals bei den Salzburger Festspielen, wo er dann 25 Jahre lang gastierte. Es folgten Engagements an der Mailänder Scala, der New Yorker Met, dem Teatro Colón in Buenos Aires

© Archiv Edel Germany

Der Selbsttest sei empfohlen. Wer kann ein paar Künstler aus seiner Heimat von nationalem oder internationalem Format aufzählen? Dem Sachsen dürften Kammersänger Peter Schreier, Schauspieler Wolfgang Stumph und Trompeter Ludwig Güttler einfallen – vielleicht noch Entertainer Gunther Emmerlich, Maler Gerhard Richter, Schauspieler Rolf Hoppe und Comedian Olaf Schubert. Aber dann? Wobei auch klar ist: Die meisten sind über 70 Jahre alt und einige nicht mehr aktiv. Und dass keine Frau darunter ist, ist auch bemerkenswert, jedoch ein anderes Thema.

Als jeder O. F. Weidling kannte

Anders wäre der Selbsttest noch vor 20 oder 30 Jahren ausgefallen. Da waren neben Sport-, Rock- und Popgrößen auch Namen wie Kammersänger Theo Adam, Komponist Udo Zimmermann, die Maler Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer, Kabarettist Jürgen Hart, Conférencier O. F. Weidling sowie Schauspielerin Marita Böhme in aller Munde.

Lag das nur an der Abschottung der kleinen DDR? Lag es damals an den noch vergleichsweise wenigen Medien, die ein einmal entdecktes und gefeiertes Talent, noch dazu, wenn es im Westen anerkannt war, entsprechend bejubelten? Oder haben die klassischen Kulturbereiche heute nicht mehr die Bedeutung wie einst?

Alle Fragen kann man mit einem eindeutigen Ja beantworten. Mehr noch: Auch in der alten Bundesrepublik konnte man Ähnliches beobachten. Und heute: Die Gesellschaft differenziert sich immer weiter. Entsprechend breiter und vielfältiger angelegt sind die Interessen. Dass Sparten noch Mehrheiten ansprechen, das ist vorbei. Und offenbar auch, dass so ein populärer Künstler zur Legende wird, wie beispielsweise Peter Schreier, der mit seiner Kunst über Jahrzehnte brillierte, aber auch als ein bescheidener, seiner Heimat treuer Mensch zur Identifikationsfigur wurde.

Sicher, es gibt weit mehr Gründe, warum der sächsische Vorzeige-Künstler quasi ausstirbt. Zumal auch keine neue Generation an Top-Künstlern nachwächst. Es gibt ein paar bekannte Gesichter, die aber weder national noch international eine Rolle spielen oder nur Fachleuten bekannt sind. Und das, obwohl die Ausbildungs-, Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten so gut wie noch nie sind. Unzählige, gut dotierte und kuratierte Preise und Wettbewerbe für Musik, Tanz, Kunst, Film und Theater fördern Talente.

Auch deutschlandweit ist dieser Trend auszumachen. Wer kennt denn noch einen deutschen Klassik-Topsänger (Jonas Kaufmann)? Wer ist die deutsche Malergröße (Neo Rauch)? Wer gibt den Theaterpapst, der nicht vom Fernsehen abgenudelt ist (Bruno Ganz)? Selbst im Pop- und Rockbereich sieht es nachwuchsmäßig eher mau aus. Keiner der derzeit angesagten Jungbarden von Pietro Lombardi bis Wincent Weiss hat die Reichweite und dürfte je die Klasse einer Popsängerin wie Nena oder einer Hard-Rock-Band wie den Scorpions erreichen, die weltweit gefeiert wurden.

Dabei gibt es unzählige Star-Casting-Shows, die sich vor Andrang nicht retten können. So haben sich über 5 000 Mädchen bei der Pro 7-Show „Popstars“ beworben, RTL meldet Rekorde von Zehntausenden männlichen wie weiblichen Bewerbern für die nächste Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“. „Berühmt sein“ oder ein „Star werden“ hat längst Tierarzt oder Astronaut von den Wunschlisten möglicher Berufe bei den Jugendlichen abgelöst.

Er herrscht, wenn man so will, eine Star-Schwemme, oder besser gesagt: eine Schwemme an Typen, die meinen, Stars zu sein, oder die von der unüberschaubar gewordenen Medienwelt so bezeichnet werden. Von Langlebigkeit ist keine Spur. Stetig ploppen neue Namen hoch, überdecken die anderen. Selbst Schauspieler in Vorabendserien gelten als Berühmtheit.

Meist entscheidet ja nicht einmal unbedingt die Leistung über den Erfolg, sondern welcher Typ von Künstler noch nicht auf dem Markt ist. So wie beispielsweise LaFee mithilfe der Zeitschrift Bravo zum Idol von pubertierenden Mädchen aufgebaut worden ist. Das gab es zuvor noch nicht.

Millionen Fans der Netz-Aktiven

Zugleich gibt es in den sozialen Medien die sogenannten Youtuber und Influencer, denen Millionen Menschen folgen. Ihre Leistung: Sie nehmen beispielsweise Videos auf, in denen sie Produkte testen, Sachen nähen oder sich bei alltäglichen Verrichtungen filmen. Diese Videos stellen sie auf die Plattform Youtube und bekommen Geld für jedes Mal, wenn jemand sich diese Videos anschaut. Für die allermeisten Zuschauer bieten diese keinerlei Mehrwert. Sie machen die Welt nicht besser, sie erklären nichts, sie enthalten keine politischen Statements und sind oft nicht einmal witzig. Und doch sind die Youtuber oder Rapper, die sich nur im Internet bewegen, unter Jugendlichen mit Wahrscheinlichkeit bekannter als der Astrophysiker Stephen Hawking oder Popkönig Michael Jackson.

„Dieses Phänomen ist nicht zu verstehen“, sagt Trompeter Ludwig Güttler. Jeder behaupte, er könne alles. „Und tatsächlich entscheidet ja nicht die Qualität darüber, ob jemand eine CD aufnimmt oder ein Buch schreibt. Man macht es einfach. Dadurch wird alles immer beliebiger.“

Durch diese Beliebig- wie Kurzlebigkeit und permanente Reizüberflutung durch stetig neue Halbwertzeit-Gurus fehlt wirklichen Könnern die Aufmerksamkeit. Dabei wären sie wichtige Autoritäten. Jene, die Orientierung geben, die Kunst neu beflügeln und das Leben vieler bereichern.