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Freitag, 02.03.2018

Wissen ist nicht alles

Auch ein gebildeter Mensch kann ein Stinkstiefel, selbst ein ungebildeter Mensch heilig sein.

Von Werner J. Patzelt

Prof. Werner J. Patzelt
Prof. Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Ob es wohl einen Unterschied zwischen Bildung und Erziehung gibt? Wohl schon, und vermutlich lässt er sich so benennen: Erziehung macht einen Menschen überhaupt erst bereit, sich auf Bildung einzulassen. Zu erziehen meinte dann: Sinn fördern für den Wert von Dingen, die man noch gar nicht kennt; Respekt schaffen vor jenen, die sie beherrschen; den Wunsch wecken, sich aufs Lernen einzulassen; die Fähigkeit zum Lernen schaffen – nämlich Konzentration, Beharrlichkeit, Ausdauer, Fleiß, Lust am Üben, Annehmen von Kritik, Freude am Vorankommen, Stolz auf Geleistetes und Verachtung für Fassadenprunkerei oder gar Betrug.

Doch viel mehr noch meint Erziehung als die Vorbereitung aufs Erlangen von Bildung. Auch ein gebildeter Mensch kann ja ein Stinkstiefel oder Verbrecher sein, während auch ein ganz ungebildeter Mensch als Heiliger leben oder immerhin das Herz am rechten Fleck haben kann. Erziehung meint also auch: Menschen auf einen guten Weg bringen; sie lehren, richtig und falsch zu unterscheiden, ebenso das zu Tuende vom zu Unterlassenden; sich mit anderen auf die rechte Weise einzulassen, nämlich gerecht und wohlwollend, doch auch nicht ohne Vorsicht sowie unter Wahrung des jeweils angemessenen Abstands.

So gesehen ist Erziehung die Grundlage von allem: von Bildung und Ausbildung, von Geselligkeit und Freundschaft, eines gelingenden Lebens. Ausbildung ist hingegen die Voraussetzung eines gelingenden Erwerbslebens – und Bildung jene Art von Luxus, der zumal das innere Leben so richtig schön macht. Also darf man nicht nur Bildung und Ausbildung hochschätzen, sondern muss gerade für das Gelingen von Erziehung sorgen. Die fängt in den ersten Lebensmonaten an. Erziehen müssen Eltern, Kindertagesstätten, Kindergärten. Wenn die Schule beginnt und Bildung einsetzt mit Alphabetisierung, Rechnen und Sachkunde mannigfacher Art, dann sollte die grundlegende Erziehung schon weithin vollzogen sein, weil andernfalls die Bildung nicht recht gelingen wird.

Wie gut steht es um das alles bei uns? Wird ausreichend erzogen – was ja immer auch ein „Ziehen“ meint, nämlich weg vom Bequemen oder gar Falschen, und hin zu dem, was sich bislang bewährt hat? Tummeln sich wohl an den Schulen viele, die zu wenig erzogen wurden? Mit welchen Folgen? Und was wäre dann zu tun?

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.