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Donnerstag, 12.07.2018

„Wir wollen Menschen zusammenführen“

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Franciska Zólyom wurde 1973 in Budapest geboren und ist seit 2012 Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig. Foto: Rößner
Franciska Zólyom wurde 1973 in Budapest geboren und ist seit 2012 Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig. Foto: Rößner

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  • Franciska Zólyom wurde 1973 in Budapest geboren und ist seit 2012 Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig. Foto: Rößner
    Franciska Zólyom wurde 1973 in Budapest geboren und ist seit 2012 Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig. Foto: Rößner
  • Blick in die Ausstellung „Pass-Stücke“, die bis Ende März 2019 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig zu sehen ist.Foto: GfZK
    Blick in die Ausstellung „Pass-Stücke“, die bis Ende März 2019 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig zu sehen ist.Foto: GfZK

Vor 20 Jahren wurde in Leipzig die Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) gegründet. Zunächst ohne permanente Ausstellungsräume, bezog sie im Jahr 1998 eine zentrumsnahe Villa, später kam ein Neubau hinzu. Seit 2012 leitet Franciska Zólyom das Haus, zu dem auch ein Café, ein Shop und zwei Hotelzimmer gehören. Die 44-Jährige wurde in Ungarn geboren, studierte Kunstgeschichte in Paris und Köln, arbeitete anschließend unter anderem am Hamburger Bahnhof in Berlin und leitete das Institute of Contemporary Art im ungarischen Dunaújváros. Im kommenden Jahr wird sie den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig kuratieren.

Frau Zólyom, als Sie vor sechs Jahren Direktorin wurden, wollten Sie die osteuropäische Vernetzung der Galerie für Zeitgenössische Kunst erweitern. Welche Himmelsrichtungen sind dazugekommen?

Mir geht es weniger um eine geografische Ausrichtung, sondern um den Versuch, möglichst viele unterschiedliche Beziehungen aufzubauen. Welche Bezüge sind möglich, zwischen einem Kunstwerk und denjenigen, die es rezipieren? Was passiert, wenn das Museum sich nicht mehr als „Sender“ begreift, sondern als ein Akteur unter anderen, selbst auch „lernend“ auftritt? Es ist nicht nur möglich, sondern notwendig, ein Museum anders zu denken, wenn man es in der Gegenwart verorten möchte.

Klaus Werner hat die Galerie gegründet mit der Vision, die westdeutsche Kunst vor Ort zu verankern. Ihre Vorgängerin Barbara Steiner hat dies radikal umgedreht und sich der Kunst aus den postsowjetischen Ländern gewidmet.

Auch diese Fokussierung hat sich nicht nur in eine Richtung gewendet, sondern vielmehr den Versuch unternommen, zu schauen. was passiert, wenn eine vermeintlich unerschütterliche Weltordnung – nämlich von Ost und West – plötzlich nicht mehr ist. Das war schon immer eher die Frage nach Wechselverhältnissen: Wie nimmt man sich wahr? Ist das eine dominanter als das andere? Was ist aus der DDR-Zeit an Kunst überhaupt bekannt? Das sind Themen, die wir weiterhin bearbeiten. Die GfZK ist eine Institution, die selbst Fragen formuliert und in Projekten ausarbeitet, auch stark aus dem lokalen Umfeld heraus. Auch internationale Künstlerinnen und Künstler fokussieren sich für Ausstellungen auf lokale Themen oder Besonderheiten. Dieser Außenblick hat sich immer als sehr fruchtbar erwiesen.

Zum Beispiel?

Wir arbeiten seit Jahren mit der Österreicherin Anna Witt zusammen. Ihr Projekt „Durch Wände Gehen“ von 2015 beschäftigt sich mit einer Frau, die noch 1989 aus der DDR geflüchtet ist und mit einem jungen Syrer, der nach Leipzig kam. Die beiden erzählen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten. Es entsteht ein schönes Bild der Spiegelung im Schicksal eines anderen. Eine kleine, aber wichtige Verschiebung, um zu begreifen, dass im Grunde genommen selbst die deutschsprachige oder deutschstämmige Bevölkerung unheimlich viele Wellen der Migration, der Vertreibung, des Umzugs, des Pendelns immer wieder vollzieht.

Was heißt das für Ihre konkrete Arbeit?

Auch in der Vermittlungsarbeit stellen wir immer wieder die Frage: Was hat das mit mir zu tun? Also gar nicht so sehr, ist zeitgenössische Kunst sinnvoll oder nicht? Sondern im Sinne von, welche Erkenntnisse kann ich gewinnen? Wie kann ich in der Auseinandersetzung mit Kunst Dinge besser verstehen, die ich erlebe, die mich betreffen, die mich beschäftigen?

Inwieweit hat das sächsische Ergebnis der Bundestagswahl die Arbeit der Galerie beeinflusst?

Die GfZK steht seit ihrer Gründung für einen gesellschaftskritischen Kunstbegriff. Die Notwendigkeit dieses Engagements treibt uns an und wird aktuell noch deutlicher. Auch das Wahlergebnis kam nicht wirklich unerwartet. Zum einen hat der sächsische Ministerpräsident in den letzten Jahren unerfreulicherweise nicht die klaren Worte gegen Ausländerfeindlichkeit, Diskriminierung und Populismen gefunden, wie das zum Beispiel der Oberbürgermeister hier in Leipzig auf kommunaler Ebene getan hat. Zum anderen gibt es offensichtlich Stellen, die in den vergangenen Jahren nicht bearbeitet wurden, Stichwort: Soziale Gerechtigkeit und Bildung.

Wie kam es Ihrer Meinung nach dazu?

Mein Eindruck ist, dass eine steigende Zahl von Menschen das Gefühl hat, nicht wirklich gemeint zu sein oder nicht aktiv an Gesellschaft und gesellschaftlichen Themen mitarbeiten, mitbestimmen und mitgestalten zu können. Dem kann man auch durch Kulturarbeit entgegenwirken. Wir denken ganz viel darüber nach, wie man kostenfreie Angebote machen kann. Die GfZK hat zum Beispiel am Mittwoch immer freien Eintritt. Wenn man diese Durchgänge schafft, ist schon vieles erreicht. Wir haben zwei wunderschöne Ausstellungshäuser, aber ich würde sagen, ein Großteil der Arbeit, die wir tun, findet gar nicht unbedingt in diesen Räumen statt.

Sondern?

Ich arbeite zum Beispiel im Sächsischen Kultursenat, der sich derzeit etwa für den Stellenwert der sogenannten musischen Fächer im Bildungswesen einsetzt. Kunst und Kultur oder kulturelle Bildung sind keine Spezialgebiete, sondern eine Form der Auseinandersetzung, die für alle möglichen Bereiche, ob jetzt wissenschaftlich oder technisch, von größter Bedeutung ist. Wir arbeiten mit sehr vielen Bildungseinrichtungen zusammen, mit Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Ich sehe große Schnittmengen und einen sehr wertvollen Erfahrungsaustausch zwischen Kunstvermittlung und Pädagogik.

Wo liegen diese Schnittmengen?

Unsere Kunstvermittlung versucht, Leute aus verschiedenen Stadtteilen, Bildungseinrichtungen und Generationen zusammenzubringen, um sich gegenseitig kennenzulernen und zu inspirieren. Unsere Erfahrung zeigt, dass es sehr viele Trennungslinien innerhalb der Gesellschaft und der Stadtgesellschaft gibt, etwa ein Gymnasialschüler einen Hauptschüler oder einen Mittelschüler oft gar nicht kennenlernen würde. Die meisten unserer Projekte sind so angelegt, dass man zu einem Thema arbeitet, das sich aus den gemeinsamen Interessen aller Teilnehmer speist. Durch die Zusammenarbeit werden die Unterschiede immer kleiner und irrelevanter. Dieses Prinzip, dass Menschen zusammenwirken können, ihre Kompetenzen einbringen oder neu entdecken, versuchen wir auch an Lehrerinnen und Lehrer zu vermitteln.

Schlägt sich der Leipzig-Boom in den Besucherzahlen nieder?

Im letzten Jahr ist die Zahl der zahlenden Besucher um 20 Prozent gewachsen, und das Publikum internationalisiert sich zunehmend.

Worauf freuen Sie sich in den kommenden Monaten besonders?

Auf die Präsentation von Dominique Gonzalez-Foerster. Sie lebt in Frankreich und Brasilien, stellt international aus. Im Gespräch haben wir herausgefunden, dass sie deutsche Wurzeln hat: Ihre Mutter ist in Halle geboren. Sie wird den Neubau der Galerie für Zeitgenössische Kunst in eine Art begehbare filmische Landschaft verwandeln. Das heißt, sie wird mit Licht und Sound die Räume so umgestalten, dass man selbst Teil einer Erzählung wird.

Worin sehen Sie derzeit Ihre eigentliche Hauptaufgabe?

Gerade in Zeiten, wo Sachsen vor allem in Negativschlagzeilen vorkommt, ist es wichtig, über Inhalte zu sprechen und darüber, was Kunst macht und worüber Kunst nachdenkt. Man hat viel darüber gesprochen, dass die Wahlergebnisse eine Signalwirkung erzeugen sollten. Nun kommt es darauf an, wie wir uns öffentlich äußern, welche Themen wir setzen, welche Sprechkulturen und Umgangsformen wir pflegen. Um möglichst dahingehend zu wirken, dass sich die politische Landschaft doch eher in der Mitte konsolidiert und nicht so viele Ausschläge in Extrempositionen hat. Das ist die Aufgabe, in die wir investieren müssen.

Das Gespräch führte Sarah Alberti.

GFZK, Karl-Tauchnitz-Straße 9 – 11; geöffnet Di – Fr,

14 – 19 Uhr, Sa/So, 12 – 18 Uhr

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