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Donnerstag, 11.10.2018

„Wir sind keine Heimatband“

Element Of Crime schließen mit ihrem großartigen neuen Album direkt an ihre bisher besten Platten an, halten aber Gesang und Politik für unvereinbar.

Bekennende Großstädter: Sven Regener (v.l.), Richard Pappik, Jakob Ilja und David Young sind mit Element Of Crime gerade in Hochform.
Bekennende Großstädter: Sven Regener (v. l.), Richard Pappik, Jakob Ilja und David Young sind mit Element Of Crime gerade in Hochform.

© Universal

Gut drei Jahrzehnte sind Element Of Crime schon im Geschäft und haben ein Dutzend solide bis herausragende Studioplatten abgeliefert. Mit „Lieblingsfarben und Tiere“ glückte dem Berliner Quartett 2014 erstmals ein Nummer-eins-Album – in Österreich, aber immerhin. Ihr Großstadtstreuner-Sound zwischen Rumpel-Rock, Folk, Blues und Chanson ist so kultig wie beliebt. Sie schaffen es immer wieder, ihre Zuhörer zum Lachen zu bringen oder zu berühren, mit schnoddrig-witzigen, melancholischen und traurigen Liedern. Die große Kunst der Verfeinerung des Bewährten haben Element Of Crime nun mit „Schafe, Monster und Mäuse“ auf die Spitze getrieben. Die zwölf neuen Stücke summieren sich zu ihrem vielleicht stärksten Werk seit dem Deutschpop-Debüt „Damals hinterm Mond“, das 1991 auf noch etwas holprige englischsprachige Indierock-Platten folgte. Beim Konzert am 30. August in der Dresdner „Jungen Garde“ hatte die Band bereits einen Vorgeschmack auf die neue Platte gegeben. Jetzt erklären Frontmann Sven Regener und Gitarrist Jakob Ilja, was sie selbst am Album überrascht hat.

Element Of Crime legen großen Wert darauf, eine echte Band zu sein. Man posiert immer zu viert für Fotos und gibt nur gemeinsam Interviews zu neuen Alben. Warum ist das so wichtig?

Sven Regener: Für mich ist das eine große Erleichterung. Als Schriftsteller muss ich ein neues Buch allein präsentieren. Aber dafür hat man doch schließlich eine Band, dass man dann nicht alles allein machen muss. Und wir sind ja auch vier sehr unterschiedliche und exzentrische Leute.

Jakob Ilja: Es hilft dabei, in Erinnerung zu rufen, dass eine Band ein Gemeinschaftsprojekt ist – und kein Sänger mit ein paar Musikern dahinter.

Regener: Dabei hat eine Band allerdings mit Freundschaft nichts zu tun. Konstituierendes Element ist die Musik. Es ist wie bei einer Familie, wo man sich die Verwandten auch nicht aussuchen kann. Aber eigentlich verstehen wir uns natürlich sehr gut.

Die Band hat diesmal ein ungewöhnlich langes Album von fast 56 Minuten gemacht. Wie kam es dazu?

Ilja: Wir waren selber überrascht, wie lang die Platte geworden ist. Aber das folgte keinem Plan. Es ergibt sich irgendwann, dass man zwölf längere Lieder hat. Die Aufnahmen sind halt manchmal auch eine Spielwiese.

Regener: Ja, die Lieder wollten es so. Viele haben vier Strophen oder längere Instrumentalteile. Das merkt man erst gar nicht, und dann rechnet man die Songlängen zusammen und denkt: Ach du grüne Neune, das ist ja jetzt eine Doppel-LP.

Alben von Element Of Crime sind seit 25 Jahren sehr kontinuierlich, der Sound verändert sich nicht allzu sehr. Wollte sich die Band nicht irgendwann neu erfinden?

Ilja: Die meisten Bands entwickeln doch eine ureigene Stilistik und bleiben ihr treu. Sie wären ja auch bescheuert, wenn sie sich dauernd ändern.

Regener: Gibt es denn überhaupt Bands, die sich ständig neu erfinden? Was hat denn eine Band, die sich beim nächsten Album ganz anders anhört? Warum wird die denn dann nicht umbenannt? Man kann auch jahrzehntelang Blumen malen wie Claude Monet, daran ist nichts verkehrt. Das Tolle an Bands ist, wenn sie etwas entwickeln und dann dazu stehen. Ein weiterer wichtiger Grund für Kontinuität ist, dass wir das, was wir machen, am liebsten mögen und am besten können.

Das neue Album könnte man auch als Ihre Berlin-Platte bezeichnen, so stark ist inzwischen fast in jedem Lied das Lokalkolorit. Metropole statt norddeutscher Tiefebene?

Regener: Das unterscheidet die Platte tatsächlich von allen anderen. Es geht um das Leben in einer großen Stadt, nicht unbedingt Berlin. Ein Ort, wo viele Leute aufeinandertreffen. Es geht ja nicht um Städtemarketing, sondern um Lebensbedingungen, über die man singt. Ich wohne jetzt 36 Jahre hier, aber das hat noch nicht mal auf meine Sprache abgefärbt. Nein, wir sind keine Heimatband.

Nach den teils beängstigenden Szenen in Chemnitz und Köthen wird auch über die politische Verantwortung von Künstlern diskutiert. Kann sich Element Of Crime vorstellen, da mitzumischen?

Ilja: Die Erwartungshaltung, dass Künstler die Welt retten sollen, finde ich interessant. Der Wunsch, dass einer, der durch seine Musik bekannt ist, als eine Art Volkstribun das jetzt regelt, ist im Grunde sehr unpolitisch. Da besteht eine Sehnsucht danach, dass Künstler die Lösung haben.

Regener: Wer Politik wirklich ernst nimmt, will nicht wirklich, dass in der Politik gesungen wird. Das kann natürlich ermutigend sein – in Chemnitz etwa, um Leuten zu zeigen, dass sie nicht allein dastehen in einer „Nazi-Stadt“. Aber wenn man für Vernunft in der Politik ist und für Aufklärung, sollte man die Leute nicht bei ihren Gefühlen packen. Nein, ich glaube, dass es keine sehr glückliche Idee ist, in der Politik zu singen.

Die Mitglieder von Element Of Crime sind alle zwischen Ende 50 und Ende 60. Wie geht es weiter?

Regener: Und irgendwann legen wir uns alle ins kühle Grab ... Vielleicht bin ich ja mit 70 alt und klapprig und hab keine Lust mehr, dann hab ich eben keine Lust mehr. Ich glaube allerdings, wir sind nicht die Typen, die dann Abschiedstourneen machen. Ich weiß auch nicht, warum man das den Leuten antut. Die weinen dann alle wie jetzt bei Paul Simon. Nein, man gibt ein letztes Konzert und geht dann nach Hause. Aber vielleicht denke ich da in 20 Jahren auch anders drüber: Vielleicht sollte man es den Leuten sagen, damit sie es dann nicht verpassen.

Das Interview führte Werner Herpell (dpa).

Das Album: Element Of Crime, Schafe, Monster und

Mäuse. Universal

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