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Freitag, 08.06.2018

Wir müssen reden

Ein irakischer Flüchtling wurde im sächsischen Arnsdorf an einen Baum gefesselt. Monate später erfror er im Wald. Der Künstler Mario Pfeifer macht aus diesem Fall ein Video.

Von Sarah Alberti

Zivilcourage oder Selbstjustiz? Männer binden einen Mann am Baum fest, der im Supermarkt Streit hatte mit der Kassiererin. Eine Szene aus Mario Pfeifers Video-Arbeit „Again“.
Zivilcourage oder Selbstjustiz? Männer binden einen Mann am Baum fest, der im Supermarkt Streit hatte mit der Kassiererin. Eine Szene aus Mario Pfeifers Video-Arbeit „Again“.

© Mario Pfeifer

Mit den Ängsten und Sorgen unserer Zeit will sie sich auseinandersetzen, die Berlin Biennale, die am Freitagabend eröffnet. Einer der teilnehmenden Künstler: Mario Pfeifer. Bereits vor zwei Jahren sprach er für eine Einzelausstellung in Leipzig mit neun engagierten Bürgern über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen. Ihre Antworten stellte er ungeschnitten aus, der Film lief über neun Stunden. Auch Ulrich Wolf, Reporter der Sächsischen Zeitung, war dabei. Es war eine Anleitung zum Zuhören. Pfeifer hat für die Berlin Biennale eine neue Arbeit entwickelt: „Noch einmal/Again“.

„Die Personen und Handlungen des Films sind nicht frei erfunden“ steht am Beginn des Films. Pfeifer greift den Fall von Schabas Saleh Al-Aziz auf, der vor zwei Jahren bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte: Beim mehrfachen Versuch, in einem Nettomarkt in Arnsdorf eine Telefonkarte umzutauschen, gab es Verständigungsschwierigkeiten. Beim dritten Versuch am 21. Mai 2016 soll er laut Zeugenaussagen in Rage geraten sein, eine Flasche Wein aus einem Regal genommen und damit die Filialleiterin sowie eine weitere Mitarbeiterin bedroht haben. Ein im Internet kursierendes Video setzt an dieser Stelle ein: Zu sehen ist, wie vier Männer den Iraker umringen und unter Gewalteinwirkung aus dem Markt bugsieren. Danach endet der Clip. Die Männer fesselten ihn mit Kabelbindern an einen Baum, rufen die Polizei.

Wie hätten Sie sich verhalten?

Pfeifer lässt diese Szenen nachspielen, kommentiert von Dennescheh Zoudé und Mark Waschke. Die Schauspieler mimen zwei Moderatoren, die in Morgenmagazin-Manier in die Thematik einführen: Selbstjustiz oder Zivilcourage? Zehn Zuschauer sitzen gleich einem Geschworenengericht auf Stühlen, vor ihnen der nachgebaute Supermarkt. Erst spät wird man das Originalvideo aus dem Netz sehen. Bis dahin ist der Film von Multiperspektivität geprägt: von den Stimmen der Angeklagten, von Fernsehausschnitten, von Hintergrundinformationen. Ein Freund des 1995 im Irak geborenen Schabas Saleh Al-Aziz tritt schließlich vor das Publikum, erzählt, dass dieser an Epilepsie litt. Im April 2015 machte er sich auf nach Deutschland, in der Hoffnung, dass die Ärzte ihm hier helfen können.

Pfeifer hat sich informiert, in den Medien und im Netz. Er hat sich mit Journalisten ausgetauscht, auch mit SZ-Reporter Ulrich Wolf, der im Fall recherchiert hat. Einzelne Textabschnitte sind 1:1 ins Drehbuch geflossen. So erfahren wir, dass Al-Aziz’ epileptische Anfälle in Deutschland zugenommen haben, er teilweise in der Psychiatrie lebt, eine Krankenschwester verletzt. Am 30. Januar 2017 wird er als vermisst gemeldet. Am Ostermontag findet ein Jäger seine Leiche im Wald. 2,3 Kilometer von seiner Flüchtlingsunterkunft entfernt. Die Obduktion ergibt: Tod durch Erfrieren. Im April 2017 wird der Prozess gegen die vier Männer eingestellt – es bestehe kein öffentliches Interesse, sagt der Richter.

Pfeifer verdeutlicht durch die Wahl seiner Mittel die Komplexität des Falls und betont zugleich die Selektivität der Medien wie der eigenen Wahrnehmung. Der Film läuft auf zwei im Winkel zueinanderstehenden Leinwänden. Hier trifft die Dualität von Gut und Böse, von richtig und falsch, von Opfer und Täter, von rechts und links auf den permanenten Perspektivwechsel: Mal zeigt Pfeifer die gleiche Szene aus zwei Einstellungen, mal stehen sich konträre Bilder gegenüber, deren gleichzeitige Wahrnehmung unmöglich ist.

„Und: Wie hätten Sie sich verhalten?“ fragt Dennescheh Zoudé in die Kamera. Warum sie sich dabei einen Schaumkuss (auch als Negerkuss bekannt) in den Mund schiebt, bleibt unklar. Andere Bilder funktionieren: Das anonyme Setting in einem leeren Parkhaus. Der Gefesselte am zum Marterpfahl erklärten Ast. Sein Körper in einer Gefriertruhe der Supermarkt-Kulisse. Pfeifer arbeitet hoch ästhetisch mit Brechts Verfremdungseffekt, plädiert für eine distanzierte Betrachtung des Falls. Auch weil er ihn auf die Bühne holt und nicht im Arnsdorfer Nettomarkt dreht. Er nutzt journalistische Mittel, betont deren Selektivität durch die eigene Auswahl. So äußern sich die Bürger in den originalen Medienbeiträgen tendenziell ablehnend gegenüber Flüchtlingen, stehen auf der Seite der vier Männer.

Die zehn Zuschauer bewerten anschließend das Gesehene, beziehen ihre eigene Lebenserfahrung mit ein, darunter ein Russlanddeutscher und drei ehemalige DDR-Bürger, die in die BRD flüchteten. Auch ihre Auswahl ist hochgradig selektiv, das Stimmungsbild homogen. „Das Kriterium war für mich, Menschen zu dem Fall zu befragen, die ihre Heimat einst in der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen haben“ erklärt Pfeifer. „Das ist eine Perspektive, die ich nicht habe“, sagt er. Er selbst wurde 1981 in Dresden geboren, lebt in Berlin und New York. Er hat die Leute in Vorbereitung zu Hause getroffen. Eine Homepage informiert über ihre Geschichten, die im Film nur anklingen. Auch in ihren Statements vermischen sich die eigenen Erlebnisse mit dem Gesehenen. „Ich bin erschüttert, noch dazu ich aus der Ecke komme. Wäre das mit einem Deutschen auch passiert? Ich weiß es nicht.“ Kunst wirft Fragen auf, die an anderer Stelle nicht gestellt werden. Sie kann Perspektiven eröffnen und hält Uneindeutigkeit aus.

Dass so wenig über den Fall debattiert wurde, hat Pfeifer nicht losgelassen: „Ich finde ihn emotional so komplex, dass ich denke: Auch in der Kunstgeschichte sollte es einen Platz dafür geben, weil er viele Sachen anspricht, die in meiner Heimatregion und in unserer Gesellschaft derzeit verhandelt werden.“ Die Statements der Zuschauer habe es für ihn dringend gebraucht: „Sonst wäre es nur die ästhetische Aneignung eines echten Falls.“ Nach der Anleitung zum Zuhören liefert Pfeifer nun also die Anleitung zum Sprechen.

Berlin Biennale, bis 9. September in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, und an weiteren Ausstellungsorten in Berlin. Geöffnet Mi – Mo 11 – 19 Uhr, Do 11 – 21 Uhr.

>>> Homepage von Mario Pfeifer

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