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Freitag, 02.11.2018

Wir kennen nicht nur Tränen

Zum 80. Jahrestag der Pogromnacht wird wieder jüdischer Schicksale gedacht. Doch die verengte Erinnerungskultur nimmt Juden als selbstbestimmte Menschen nicht ernst.

Von Herbert Lappe

Die deutsch-jüdische Kauffrau Glükel von Hameln war selbstbewusst genug, um ihr Leben für erzählenswert zu halten. Im Gemälde trägt die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim das Kostüm der Goldhändlerin.
Die deutsch-jüdische Kauffrau Glükel von Hameln war selbstbewusst genug, um ihr Leben für erzählenswert zu halten. Im Gemälde trägt die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim das Kostüm der Goldhändlerin.

© Repro: Wikimedia Commons

Der jüdische Historiker Salo Baron schrieb 1928 in einem Aufsatz: „Es wird Zeit, mit der tränenreichen Theorie zu brechen und eine Sicht einzunehmen, die mehr der historischen Wahrheit entspricht.“ Er zeigt, dass es für die Auseinandersetzung um volle Gleichberechtigung der Juden nach der Französischen Revolution nützlich war, deren Leben im Mittelalter als besonders erniedrigend und leidvoll darzustellen. Diese Darstellung entsprach jedoch nicht der Wirklichkeit. Die Pogromnacht vor 80 Jahren und der Holocaust bestätigen scheinbar die jüdische Geschichte als kontinuierliche Leidensgeschichte. So wird sie in jüdischen Memorbüchern dokumentiert, und dieses Denkmuster hat sich bis heute gehalten.

Aus anderen Quellen entsteht freilich ein anderes Bild. Mayer Amschel Rothschild etwa gilt als Gründer des Hauses Rothschild. Es entwickelte sich zu einem der führenden und somit einflussreichsten Geldhäuser Europas. Oder: Die Gold- und Juwelenhändlerin Glükel von Hameln beschreibt um 1700 ihr Leben als Geschäftsfrau. Sie war die erste Frau in Deutschland, die eine Autobiografie verfasste. Trotz mehrfacher Zusammenbrüche ihres Unternehmens und judenfeindlicher Ereignisse gelangte sie erstaunlich schnell wieder zu Wohlstand. Voraussetzungen dafür waren Glükels Geschäftstüchtigkeit, die weiträumige Vernetzung mit Geschäftspartnern und Familienangehörigen, aber auch ihr Selbstbewusstsein.

Es mag provozierend erscheinen, gerade am Beispiel der Finanzbranche Juden als Handelnde darzustellen. Dadurch könnten antijüdische Vorbehalte verstärkt werden. Meine Antwort: Nicht durch eine auf Fakten gestützte Darstellung historischer Vorgänge werden Vorurteile befördert, sondern durch die rassistische Interpretation der Fakten. Das geschieht, wenn Geldhändlern und Bankiers angeblich juden-typische Eigenschaften wie Gier zugeschrieben werden, oder wenn behauptet wird, dass Juden nach Weltherrschaft strebten.

Bis zum ersten Kreuzzug von 1096 waren die Juden stark im Fernhandel engagiert. Als dieser von anderen Gruppen übernommen wurde, wechselten viele von ihnen in den Geldverleih. Zwischen 12. und 15. Jahrhundert hatten sie in einigen Gebieten West- und Zentraleuropas als Geldverleiher eine Monopolstellung. Damit übernahmen sie eine für die Gesellschaft notwendige Funktion. Zugleich entwickelte sich der Geldverleih zu ihrem Haupterwerbszweig. Dafür zwei Beispiele: Nach den Mongolenkriegen, verbunden mit Verwüstungen und Verlust an Bevölkerung, war der Herrscher des Herzogtums Großpolen-Kalisz bestrebt, Juden anzusiedeln. Dazu wurde 1264 im Statut von Kalisz festgelegt, dass die jüdische Bevölkerung Steuern entrichten musste. Im Gegenzug erhielt sie weitgehende Rechtssicherheit. Da man die Juden als eine Gruppe betrachtete, deren Hauptgewerbe der Verleih von Geld gegen Pfänder war, enthielt das Statut viele Festlegungen zur Begünstigung dieses Gewerbes. Wegen der Fähigkeiten als Geldverleiher wurden sie – nach vorheriger Vertreibung – 1382 nach Venedig und 1503 nach Litauen eingeladen.

Wie eng die Verbindung zwischen Juden und Geldverleih war, zeigt der Minnesänger Walther von der Vogelweide, der den Juden als Wucherer erwähnt. Das Wort Wucher bedeutet ganz allgemein Ertrag/Zinsen, unabhängig von der Höhe des Zinssatzes. Im 13. Jahrhundert wurde Wucherer zum Synonym für Juden.

Die Annahme, dass Juden gezwungen waren, Geldverleiher zu werden, weil ihnen der Zugang zu anderen Berufen verwehrt war, gilt spätestens seit der Arbeit von Maristella Botticini und Zwi Eckstein als überholt. Die Autoren zeigen, dass Juden in diesem Beruf am wirkungsvollsten ihre im Vergleich zur nichtjüdischen Umwelt hohe Bildung verwerten konnten.

Um Juden anzuwerben und zu halten, räumte man ihnen Rechte ein, die die Mehrzahl der Bevölkerung – abhängige Bauern oder unfreie Stadtbewohner – nicht hatte. Als sogenannte Kammerknechte genossen Juden in den christlichen Ländern Europas den Schutz des Herrschers. Das System der Kammerknechtschaft existierte in verschiedenen Formen. Das Prinzip war immer das gleiche: Für Steuern erhielten Juden Rechte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bewohnern konnten sie etwa den Wohnort frei wählen. Sie brauchten keinen Wegzoll zu zahlen. Sie schufen eine eigene Verwaltung und eigene Gerichte, die nach jüdischem Recht urteilen durften. Das bedeutete auch, dass bei Verhören keine Folter angewandt wurde. Nicht zuletzt wurde der Schutz gegen Verfolgungen und während Kriegszeiten versprochen.

Alle Stände im Mittelalter waren gezwungen, sich Geld zu leihen. Auch wenn der Beruf des Geldverleihers mit Hoffnung auf Wohlstand verbunden war, hatte er entscheidende Nachteile. Das Nehmen von Zinsen war seit der Antike verpönt, in vorchristlicher Zeit schon durch Platon oder Aristoteles. Das Verbot für Christen, Zinsen zu nehmen, wurde besonders durch das Vierte Laterankonzil von 1215 betont. Auch wenn dieses Verbot vielfach nicht eingehalten wurde, verstärkte es doch das negative Image des Geldverleihers.

Häufig konnten Kreditnehmer ihre Schulden nicht begleichen. Erwartete Einnahmen blieben aus. Ein oft praktizierter Ausweg für den Kreditnehmer war das Vertreiben oder Ermorden der Juden, selbst gegen den Willen des Herrschers. So erklärt sich, dass ein Zusammenhang nachweisbar ist zwischen der klimatisch bedingten Abnahme der Wirtschaftskraft im 14. bis 16. Jahrhundert und der Verfolgung von Juden. Als moralische Rechtfertigung durch die christliche Bevölkerung konnte der Vorwurf herhalten, die Juden hätten Jesus ermordet. Allerdings war der ökonomisch bedingte Bedarf an Geldverleihern so groß, dass Juden häufig wieder gerufen wurden – gegen das Versprechen, künftig ihren Besitz und ihr Leben nicht anzutasten.

Die Verengung des Blickes auf Juden als nur benachteiligte Gruppe verhindert, sie als reale Menschen zu erkennen, die im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten selbstbestimmt handelten. So wehrten sich die Juden von Ichenhausen in Schwaben nach 1600 mit allen möglichen juristischen Mitteln gegen ihre Vertreibung. Gegen die rassisch begründete Judenfeindschaft um 1900 entstanden jüdische Vereine zur Abwehr des Antisemitismus.

Während des Holocaust wehrten sich Juden gegen ihre Vernichtung – durch bewaffneten Widerstand oder indem sie ihre Würde unter widrigsten Umständen bewahrten. Die Sängerin Lin Jaldati berichtete aus dem Konzentrationslager Auschwitz, wie sie gemeinsam mit vielen nackten Frauen stundenlang auf dem Appellplatz stand. Würde man sie ins Gas schicken? Eine Frau fing an zu singen, dann andere. Einige summten mit. „Ein makabres Bild: Einige Hundert nackte Frauen, die vor Kälte zitterten, hörten die Lieder an. Das Singen hat uns wieder bewusst gemacht, dass wir noch Menschen waren. Wir hatten unsere menschliche Würde bewahrt.“

Vorurteile gegenüber Juden sind noch immer verbreitet. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob Geschichtskenntnisse gegen Vorurteile helfen. Aber ohne Kenntnisse geht es gewiss nicht. Deshalb wünsche ich mir, dass wir – ob im schulischen Unterricht oder bei Gedenkreden – stärker Juden als Handelnde betonen.

Unser Autor Herbert Lappe ist Jahrgang 1946 und Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Dresden.

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